Heft 
(1861) 10 10
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308 Erinnerungen. Illuſtrirte Bl

ätter für Ernſt und Humot.

gingen nicht länger die Städte, die in ihrem Wege lagen.

Frankreich war noch immer Jolkys Reiſeziel; er richtete alſo unausgeſetzt ſeinen Lauf nach Weſten. Auf deutſchem Boden, das ſah er wohl, blühte ihm kein Glück, deßhalb gönnte er ſich mit ſeinem böhmiſchen Reiſegefährten nicht früher eine längere Raſt, als bis ſie Nymwegen erreicht hatten.

Hatten die Beiden auch nirgends verſchmäht, die Mildthätigkeit für ſich in Anſpruch zu nehmen, ſo war doch nach dem langen Marſche ihre Baarſchaft gewaltig geſchmolzen, und auch ihre Kleidung, die ja nicht einmal auf ihren Leib gemacht war, bedurfte der Erneuerung. In ſolcher Lage mußte unſer Andreas ſich wohl nach Arbeit umſehen und ſein Reiſegefährte folgte dem Beiſpiele, obwohl auch für ihn eine regelmäßige Thä⸗ tigkeit nicht eben allzuviel Reiz beſaß.

In der Werkſtatt, in welcher der Erſtere ein Unter⸗ kommen fand, befand ſich auch ein Heſſe, der viel von ſeinen Verwandten in Rotterdam und von dem präch⸗ tigen Leben daſelbſt erzählte und wie oft ſich Gelegen⸗ heit biete, von dort nach Frankreich hinüberzuſchiffen. Die Berichte klangen zu verführeriſch, um nicht in Jolky die Luſt zu wecken, den Heſſen auf ſeiner bevor⸗ ſtehenden Wanderſchaft nach Rotterdam zu begleiten. Der Böhme verſprach, ſich ihnen anzuſchließen. Nachdem ſie ihr Aeußeres wieder einigermaßen in Stand geſetzt hatten, nahmen ſie von Nymwegen Abſchied und mach⸗ ten ſich in Begleitung des Heſſen nach Rotterdam auf den Weg.

Eine Stadt wie Rotterdam konnte auf Leute, die dem Meere noch nie ſo nahe geweſen waren, ihren Eindruck nicht verfehlen. Das wogende Leben und Treiben einer ſo bedeutenden Handelſtadt, die Menge von Kanälen, welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchkreuzten, die Unzahl von Schiffen und Fahr⸗ zeugen aller Art darin, die eigenthümliche Bauart der Häuſer, Alles das war den beiden Wanderburſchen neu und feſſelte ſie. Noch mehr behagte ihnen die zu⸗ vorkommende und überaus freundliche Aufnahme im Hauſe des Vetters ihres Gefährten. Die Gaſtfreundſchaft ſchien hier ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu haben. Eſſen und Trinken kamen nicht vom Tiſche, und Jolky und der Böhme machten ſich dies nach ſo langer Entbehrung wacker zu Nutze. Nach vier Tagen müßigen Umher⸗ ſtreichens vermißten ſie den Heſſen. Er war ſpurlos verſchwunden. So unerklärbar und ſo leid ihnen dies war, weil ſie durch ihn, der die Sprache des Landes verſtand, einen Platz auf einem nach Frankreich ſegeln⸗ den Schiffe erhalten ſollten, ſo ließ ſich doch nichts ändern; aber ſie wagten nun auch nicht länger, die Gaſtlichkeit des Holländers zu mißbrauchen und be⸗ ſchloſſen, ſelbſt für ihr weiteres Fortkommen zu ſorgen. Mit Dankesthränen in den Augen ſagten die Beiden den Leuten für alles empfangene Gute Lebewohl.

Doch welche Ueberraſchung ſollte ihren Dankes⸗ ergüſſen Einhalt thun. Der Holländer antwortete ihnen ganz trocken, daß ihre Zeche fünfzig harte Thaler be⸗ trage und daß ſie nicht aus ſeinem Hauſe dürften, bevor

ſie nicht Alles in Ordnung gebracht. Jolky und ſein Gefährte waren bei dieſen Worten wie aus den Wolken gefallen. Einen ſolchen Fallſtrick hatten ſie nicht geahnt. Beider Baarſchaft betrug nicht ſo viele Groſchen, als ihnen hier Thaler abgefordert wurden. Worte ſchildern ihre Lage nicht. Den Wirth zu befriedigen war unmög⸗ lich; ſie legten ſich auf Bitten, der erſt ſo freundliche Holländer war jetzt kalt und hart. Mit dem Phlegma ſeines Landes verlangte er ſein Geld und drohte mit den Soldaten, wenn es nicht zur Stelle herbeigeſchafft würde.

Und dieſe Drohung war kein leerer Scherz. Der Holländer verkaufte noch an demſelben Tage ſeine beiden Schuldner, und dieſe mußten, wie ſehr ſie ſich auch dagegen ſträubten, abermals den Soldatenrock anziehen. Was half da alles Fluchen und Toben und Wüthen? Es war eben eine hübſche Anzahl von Deut⸗ ſchen und Holländern beiſammen, und weil man keinem traute und ihnen jede Gelegenheit zum Entweichen ab⸗ ſchneiden wollte, transportirte man ſie wie Gefangene auf einen Dreidecker, der nach Weſtindien beſtimmt war.

Von hier war allerdings ein Entrinnen unmöglich. So verzweifelt ſich Jolky anfangs geberdet hatte, die Ausſicht, die Welt zu ſehen in Verbindung mit dem ihm bisher ſo fremden Leben auf dem Schiffe blieben auf ſeine Gemüthsſtimmung nicht ohne Einfluß; er würde ſich ſogar mit ſeinem Schickſal ausgeſöhnt ha⸗ ben, wäre nicht die Arbeit ſo gar anſtrengend geweſen.

Am 30. Oktober 1755 endlich ging das Schiff unter Segel. Während ſie noch zwiſchen Frankreich und England dahin ſegelten und während Jolky noch mit dem unvermeidlichen Uebel kämpfte, welches alle Rei⸗ ſenden auf ihrer erſten Seefahrt zu überfallen pflegt, erhob ſich ein heftiger Sturm. Blitz auf Blitz fuhr aus den dunkeln Wolken, das Brüllen des Donners über⸗ täubte die Kommandorufe der Officiere und der Regen goß in Strömen auf das Verdeck und drohte Alles fortzuſpülen, was ſich dort befand. Wer nicht durch ſeine Pflicht zum Obenbleiben gezwungen war, hatte ſich unter Deck geflüchtet. Ueber der ganzen Bemannung lag eine drückende Stille; das fürchterliche Naturſchau⸗ ſpiel, welches das gewaltige Fahrzeug zu einem Spiel⸗ ball der Wellen machte, wirkte ſo betäubend und zu⸗ gleich ſo entmuthigend, daß Jeder in Schweigen ver⸗ harrte. Die hin und wieder laut werdenden Flüche der Seeleute und die von Todesangſt ausgepreßten Anru⸗ fungen Gottes oder irgend eines Heiligen machten einen um ſo tieferen Eindruck.

Mit einemmale erhob ſich ein entſetzlicher Tumult: einer der Blitze hatte das Schiff getroffen und gezündet. Die dadurch herbeigeführte Verwirrung überſtieg alle Begriffe. Die ganze Mannſchaft ſchwebte in der ent⸗ ſetzlichſten Furcht. Wie laut und energiſch auch der Ka⸗ pitän ſeine Befehle ertheilte, Niemand hörte auf ihn, Niemand gehorchte ihm, ja Niemand regte eine Hand, dem Umſichgreifen der Flammen Einhalt zu thun. Alle hielten ſich ſchon jetzt für verloren, und ſtatt zu han⸗ deln wußten ſie nichts anderes zu thun, als ihr Los zu bejammern und durch ihre Wehklagen denen, die