Heft 
(1861) 10 10
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306 Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Ein Abenteurer wider Willen.

Erzählt von Emil Dietze.

uſt um die Zeit, wo ſich Deutſchland nach dem

Frieden von Aachen einer wohlthätigen Ruhe er⸗

freute an einem warmen Julitage des Jahres

1754 wanderte ein junger Burſche über den Speſſart Aſchaffenburg zu. Weniger das Päcklein, welches ihm über den Rücken hing und das von ſehr beſcheidenem Umfange war, als das anhaltende Bergauf⸗ und Bergabſteigen preßte ihm manchen Schweiß⸗ tropfen ab, und oft lüftete er das grüne Käppchen, um ſich mit dem Taſchentuche den Schweiß von der Stirn zu wiſchen, aber Ruhe gönnte er ſich deßhalb nicht; raſtlos trabte er vorwärts, denn noch vor Abend wollte er die Stadt erreichen, die für heute ſein Ziel war. Nur einen Umweg durfte er ſich nicht verſagen: ſo oft ihn ſein Weg durch ein Dorf führte, klopfte er an alle Pfor⸗ ten und ſprach um einen Zehrpfennig an. Und wirklich, er hatte ihn ſehr nothwendig; wie vielmal er auch die Hand in die Taſche ſteckte, es klimperte kein Kreuzer darin, und wie ſollte er ohne Geld in Aſchaffenburg eine Herberge finden? Und ſiehe, der hübſche Wander⸗ burſche mit dem offenen, treuherzigen Geſicht fand überall eine freundliche Aufnahme, ein Kreuzer geſellte ſich in dem verſchrumpften Lederbeutelchen zum andern, und als er die Thürme der Stadt vor ſich im Abendſonnen⸗ ſchein erglänzen ſah, da ſchwenkte er vergnügt und be⸗ friedigt die Mütze in der Luft, und leichtfüßig, als habe ſeine Wanderung eben jetzt erſt begonnen, ſchritt er dem Thore zu.

Andreas Jolky das war der Name un⸗ ſeres Wanderburſchen war der zweite Sohn eines ehrſamen Schneidermeiſters und ehemaligen Soldaten. Seine Wiege ſtand zu Bajä in Ungarn, einem Markt⸗ flecken der Bacſer Geſpanſchaft, der weit über die Landesgrenzen hinaus wegen ſeines Handels mit Ge⸗ treide und Schweinen und wegen ſeiner vier ſtark be⸗ ſuchten Jahrmärkte bekannt iſt. Ueberfluß gab es zwar im Hauſe der Eltern nicht, aber auch der Mangel blieb ihm fern. Der Vater nährte ſich auf ſein Handwerk ehrlich und redlich und hielt auch ſeine drei Jungen ſchon frühzeitig zur Arbeit an. Alle Drei verbrachten ihre Lehrjahre im elterlichen Hauſe. Den Aelteſten litt es dort nicht lange, er wollte ſich auch andere Städte anſehen und wanderte daher bald aus der Heimat fort. Er kam nicht weiter als nach Wien; es glückte ihm, bei der kaiſerlichen Garderobe angeſtellt zu werden, und von da an kam es ihm kaum in den Sinn, ſich fortzu⸗ wünſchen.

Das Glück, welches dem älteſten Bruder gelächelt, verlockte auch Andreas, ſein Heil in Wien zu ver⸗ ſuchen; allein die Natur hatte ihn nicht mit der nöthi⸗ gen Doſis Sitzfleiſch ausgeſtattet. Es gefiel ihm in Wien ſchon recht gut, aber Paris, ſo hatte er gehört, ſollte doch noch viel, viel ſchöner ſein. Von da an ließ es ihm keine Ruhe mehr; um die Mitte März 1754

ſchnürte er ſein Bündel, ſagte dem Bruder Lebewohl, und mit ſeinen Erſparniſſen von wenigen Gulden in der Taſche ſich ein Cröſus dünkend, wandte er ſorglos und froh in dem Gefühle, daß ihm jetzt die ganze Welt zu eigen ſei, den düſtern Feſtungswerken den Rücken.

Prag, Leipzig, Nürnberg, Erlangen lagen hinter ihm; ſie alle hatte er nach Handwerksburſchenart auf Schuſters Rappen durchritten und durchfochten, keine hatte ihn zu feſſeln oder von ſeinem Ziele abwendig zu machen vermocht. Auch in Aſchaffenburg gedachte er ſich nicht zu verweilen, wenigſtens nicht länger als nöthig war, nach dem anhaltenden Marſche wieder zu Kräften zu kommen. Daß ſeine Baarſchaft zur Neige gegangen war, daß er jede Mahlzeit, jedes Nachtlager, jede leib⸗ liche Erquickung ſich erſt erfechten mußte, das machte ihm die wenigſte Sorge. Hatte ihn doch der liebe Gott trotz mancher Bedrängniß bis hierher nicht verlaſſen, er würde es, davon war er überzeugt, auch ferner nicht. Wurde es ihm ja einmal zu toll, waren die Leute zu hartherzig, wollten die Wanderſchuhe oder die Klei⸗ dungsſtücke ihm ihre Dienſte verſagen, nun ſo konnte er immer noch zu dem letzten Mittel, Arbeit anzu⸗ nehmen, greifen.

Sobald er die freundliche Stadt betreten, war ſein erſter Gang nach der Herberge, deren lärmende Geſellſchaft ihn bald umgab. An Eſſen und Trinken war da kein Mangel, und ſo lange unſer Andreas noch Kupferkreuzer in ſeiner Taſche klingen hörte, ließ er ſich Beides wohlſchmecken, überzeugt, daß der mor⸗ gende Tag ſo viel bringen werde, als ihm zur Noth⸗ durft ſei.

Aber das Blättchen wendete ſich bald. Unter den Anweſenden befand ſich ein langer martialiſcher Kerl, der auf einem Nachbartiſche eine kleine Bank aufgelegt hatte, um welche ſich die große Menge ſcharte, um mit einigen Kupfermünzen ihr Glück herauszufordern. Jolky war dies eben nichts Neues, ſtets hatte er der

Lockung widerſtanden, heute fühlte er ſich wunderbur

zu dem Tiſche hingezogen; auf die paar Kreuzer, die er eben noch ſein nannte, konnte es ihm kaum ankommen, ſie waren ſo leicht verdient, und es war doch etwas gar zu Angenehmes, die Hoffnung vor Augen zu haben, mit einem Satze das Zehn⸗ oder Zwanzigfache zu er⸗ langen. Schüchtern ſetzte er ſeine Kupferſtücke; es ſchien wirklich, als ob ihm das Glück beſonders wohlwolle, er ſah bald einen recht netten Haufen von Silber und Kupfer vor ſich; es gelüſtete ihm Alles zu haben, er ſetzte Alles auf einen Wurf und ſein Reichthum ver⸗ ſchwand urplötzlich vor ſeinen Augen er war ärmer noch als zuvor.

Es iſt aber eben der Fluch des Spiels, daß, wer einmal von der ſüßen Frucht genaſcht, ſich unwider⸗ ſtehlich zu ihr hingezogen fühlt eliehenes Geld bringt Glück, heißt es im Volksmunde und Andreas fand einen Gutherzigen, der ihm meh och gab als er ver⸗ langte. Er ſpielte mit wechſelnenm Glück, aber eine Stunde ſpäter ſchlich er ſich mißmutſhig in den düſterſten Winkel der Herberge und ſtützte ged anken⸗ und ſorgen⸗ voll, wie er ſeinen Gläubiger be iedigen ſolle, den

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