Heft 
(1861) 10 10
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ihrer Wohnung ein Hofwagen, begleitet von dem Ka⸗ pitän Pertſch, dem Regierungsregiſtrator Arnhold und ſechs bewaffneten Grenadieren, um ſie nach der Hochfürſtlichen Regierung abzuholen, wo ihrer ein ziem⸗ lich ſcharfes Verhör wartete, das mit dem Beſcheide en⸗ dete, ſie ſolle der Frau Regierungsräthin Pfaffen⸗ rath in deren Hauſe knieend Abbitte thun, wegen ih⸗ rer Lügen und Verleumdungen bußfertig um Verge⸗ bung bitten, und ihr für die Zukunft allen ihr gebüh⸗ renden Reſpekt verſprechen.

Einem ſolchen Beſchluſſe ſich zu fügen, war von der Hofdame zu viel verlangt. Sie proteſtirte energiſch, aber dies bewirkte nur, daß man ſie nach dem Rath⸗ hauſe abführen und in einem kleinen ungeheizten Ge⸗ mache verwahren ließ. Zwei Grenadiere bewachten ſie und nur zwei ihrer Diener erhielten außer ihrem Gemal Zulaß. Er bat um ihre Befreiung. Umſonſt; man deu⸗ tete ihm ſogar an, ſeine Gattin zu vermögen, ſich der vorgeſchriebenen Abbitte zu fügen, und weil er dies geradezu verweigerte, führte man auch ihn in ein wohl⸗ verwahrtes unterirdiſches Geſängniß. Ein Bittſchreiben der Frau von Gleichen und ihres Schwagers, des kurſächſiſchen Miniſters Grafen von Holzendorf, blieb unbeantwortet; durch den Generalſuperindentent ward der Gefangenen indeß mitgetheilt, daß ihr keine Defenſion geſtattet werde, daß ſie vielmehr die Abbitte leiſten oder ſich der Exekution gewärtigen ſolle. Ihre Drohung, ſich eher eine Kugel durch den Kopf zu jagen als ſich ſo zu erniedrigen, hatte verſchärfte Maßregeln zur Folge. Meſſer und Gabeln wurden ihr weggenom⸗ men und zwei Mann bewachten ſie innerhalb ihres Gefängniſſes. Die Exekution ſollte endlich vor ſich ge⸗ hen. Man ſetzte ſie in einen Wagen und brachte ſie nach dem Pfaffenrathſchen Hauſe, wo die Frau Regierungsräthin in Geſellſchaft mehrerer Regierungs⸗ beamten ihrer harrte, um die vorgeſchriebene Abbitte entgegenzunehmen.Haben Sie gethan, was ich geſagt habe oder nicht? redete die entſchloſſene Frau ihre Gegnerin an. Dieſe ſchwieg. Und ohne weiteren Verzug ſetzte ſich der Zug mit der Frau von Gleichen an der Spitze nach dem Marktplatze in Bewegung, wo die Schmähbriefe derſelben, im Beiſein von tauſenden von Zuſchauern vom Henker öffentlich verbrannt wurden, und wonach Frau von Gleichen in ihren Arreſt zurückgebracht ward. Bei hundert Reichsthaler Strafe

und ſechswöchentlichem Gefängniß wurde Jedem ver⸗ boten, von der Sache zu ſprechen. Sie war indeß doch zu weit getrieben, um nicht Aufſehen zu erregen. Hier und da wurden mißbilligende Stimmen laut und der Freiherr von Flörsheim, Kommandeur des deut⸗ ſchen Ritter⸗Ordens, war es, der beim Kaiſ. Reichs⸗ kammer⸗Gericht zu Wetzlar gegen den Herzog klagbar auftrat. Das hierauf erfolgende Mandat nahm der Herzog nicht an, der Bote mußte der Gewalt weichen und unverrichteter Sache zurückkehren. Eine Kaution zur Freilaſſung des Herrn von Gleichen und ſeiner Gemalin wurde abgewieſen, als jedoch eine kaiſerliche Kommiſſion in Meiningen eintraf, erhielten die zwei

304 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Zeit rückten Gothaiſche Exekutionstruppen vor die Stadt, die ſchleunigſt verrammelt und mit dreihundert Mann Landmiliz beſetzt wurde. Herzog Anton Ulrich aber verklagte den Herzog von Sachſen⸗Gotha als Landfrie⸗ densſtörer und wollte ihn in eine Strafe von 2000 Mark löthigen Goldes verurtheilt wiſſen. Das Reichs⸗ kammergericht entſchied jedoch anders; er wurde wegen Ungehorſams in die Exekutionskoſten verurtheilt.. Ob dieſer Rangſtreit damit beigelegt war und was aus dem Gleichenſchen Ehepaar wurde, darüber waltet ein Geheimniß, das zu durchdringen unſerem Gewährsmann leider nicht gelungen iſt.

Leonhard von Caſanova, Herr von Ty⸗ ſani unweit Corte, und GeneralLieutenant des un⸗ glücklichen San Pietro, den die Deutſchen und Ge⸗ nueſen bis auf das Mark ausſaugten, wurde in einem Hinterhalte gefangen. Zum Glück ſiel er in die Hände ſeiner Neffen, die blos die Feinde ſeiner Fraktion wa⸗ ren und ihm daher das Leben friſteten. Auf Befehl des Senats wurde er in einem Gefängniſſe zu Baſtia untergebracht, der Vaterſtadt ſeiner Gattin Butta⸗ fuoco, die aus dem Blute der Colonn a's ſtammte. Eine Magd Leonhards hatte, um ihm das Eſſen zu bringen, Erlaubniß erhalten, ſeinen Kerker zu be⸗ treten, während jeder anderen Perſon, namentlich aber ſeinen Verwandten der Zutritt aufs ſtrengſte verboten war. Dieſes harte Verbot ſchreckte indeß Caſanovas jüngſten Sohn Antonio keineswegs. Gerührt von dem traurigen Schickſal und voll banger Furcht für das Leben ſeines Vaters, entwarf er einen Plan ihn zu retten. Er befleißigte ſich einige Tage hindurch, das Bartſcheren zu erlernen, kleidete ſich ſodann in die Ge⸗ wänder der Magd, warf ſich das Leinentuch, welches die Magd zu tragen pflegte, über das Geſicht, nahm den Korb mit Speiſen auf den Kopf und ging durch alle Thüren des Gefängniſſes, ohne daß die Wachen ſeine Verkleidung inne wurden. Haſtig umarmte er den überraſchten Gefangenen, raſirte ihn in möglichſter Geſchwindigkeit und warf ihm die Kleider über, in denen er gekommen war. Unangefochten gelangte der alte Mann aus dem Gefängniß, in welchem ſein Sohn zurückblieb. Faſt ſträubt ſich aber die Feder zu berich⸗ ten, daß die Genueſer ein Urtheil fällten, das zur Ehre der Menſchheit bis dahin in der Welt noch unerhört war ſie verdammten einen Sohn zum Tode, der nichts verſchuldet hatte, als daß er das eigene Leben wagte, um das ſeines Vaters zu retten.

Gefangenen endlich ihre Freiheit wieder. Zu gleicher

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