ſchaften.
das dhir
Kleine geſchichtliche Kurioſa. 303
ſiehe, es währte nicht lange, ſo ward er gräflich S. ſcher Pachter, und weil er gern noch mehr ſein wollte und es ihm auf eine Handvoll Thaler eben nicht mehr ankam, gräflich S. ſcher Kammerrath. Der einzige Sohn, welchen er beſaß, ſollte natürlich auch eine Carrière machen und ſie begann in der gräflichen Kanzlei, in der er ſchnell zum Sekretär avancirte. In dieſer Eigenſchaft hatte der junge Mann häufig Gelegenheit, mit der älteſten der ſiebzehn Töchter des Grafen zuſammen zu treffen und ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Einige Pro⸗ menaden in den Schattengängen des Schloßgartens brachten die Beiden einander näher, und es entſpann ſich eines jener Verhältniſſe, die eben deßhalb, weil ſie das Tageslicht ſcheuen müſſen, um ſo tiefere Wurzeln ſchlagen. Briefe gingen hinüber und herüber. Wie indeß überall ein Verräther lauert, ſo war auch den hoch⸗ gräflichen Eltern der im Dunkel der Nacht geſchloſſene Bund nicht lange ein Geheimniß; allein ſtatt ſelbſt ein⸗ zuſchreiten, beauftragten ſie den Hofprediger, durch ſeine Ermahnungen ferneren Zuſammkünften Einhalt zu ge⸗ bieten. Dies hatte nur die Folge, daß die Liebenden vorſichtiger wurden. Nichtsdeſtoweniger ereignete es ſich, daß ein Brief der Gräfin Wilhelmine, die damals bereits im dreißigſten Lebensjahre ſtand, dem Vater des Kanzleiſekretärs in die Hände fiel, der ſeinerſeits ein ver⸗ dienſtliches Werk zu thun glaubte, indem er das zarte Blatt der Gräfin Mutter überreichte und dem Sohn derb den Text las. Schlimme Folgen fürchtend machte ſich der junge Mann aus dem Staube; Wilhelmine, die ohne ihren Juſtus nicht leben zu können vermeinte, nahm die nächſte Gelegenheit wahr, ſich der väterlichen Zucht zu entziehen und bei der Frau von Steproth zu Dietz eine Zufluchtsſtätte für ihre Liebesnoth zu finden. Leider war ſie in dieſer Wahl nicht glücklich ge⸗ weſen. Frau von Steproth erfuhr kaum, um was es ſich handle, als ſie auch die flüchtige Tochter unter ſicherer Begleitung an ihre Eltern zurückſpedirte, von
denen dieſe indeß nur ihre Mutter wiederfinden ſollte,
da den Vater ein jäher Tod von der Welt abgerufen. Eine Zeit lang fügte ſich Gräfin Wilhelmine in anſcheinender Ergebung dem Willen ihrer ſtrengen Mutter, insgeheim traf ſie jedoch, unterſtützt von einer ihrer Schweſtern, Vorbereitungen zu einer abermaligen Flucht, und als die Mutter nicht lange nachher in die Grafſchaft Lich reiſte, benutzte ſie dieſe Gelegenheit, packte zuſammen, was ſie habhaft werden konnte, und floh mit der Schweſter über Gießen nach Frankfurt am Main, wo ſie(1744) beim Reichshofrathe wegen der Mitgift gegen ihre Mutter klagend auftrat.
Inzwiſchen hatte ſich der Kanzleiſekretär Pfaffen⸗ rath nach Wien gewendet und beim Kaiſerlichen Kam⸗ merrath von Wieſenhüter als Privatſekretär eine Unterkunft gefunden. Hierher reiſte Wilhelmine nach kurzem Aufenthalte und die Liebenden ſahen ſich nun⸗ mehr wieder vereinigt. Freilich langte ſie in keinem ſehr befriedigenden Zuſtande an, die weite Reiſe hatte Geld gekoſtet, die Habſeligkeiten waren verkauft oder ver⸗ pfändet und die Gräfin beſaß eben nichts mehr, als was ſie auf dem Leibe trug. Pfaffenrath hatte ebenfalls
noch keine Schätze zu ſammeln vermocht, er konnte der Geliebten nur ein beſcheidenes Stübchen bei der Witwe eines Malers anbieten. Monat verging auf Monat, die Beiden befanden ſich in einer traurigen Lage und ihre Zukunftsausſichten waren noch trübſeliger. Um ſie wenig⸗ ſtens nach einer Seite hin etwas zu mildern, ließen ſie ſich in Oedenburg von einem lutheriſchen Geiſtlichen kopuliren. Wer weiß, wie es dem jungen Ehepaar in Wien noch ergangen ſein würde, hätte nicht der Herr von Wieſenhüter ihm ſeine Theilnahme dadurch bewieſen, daß er Pfaffenrathan den Herzog Anton Ulrich von Meiningen empfahl, der ihn auch ohne Weiteres, und blos in Rückſicht auf ſein Abenteuer, zum Regierungsrath ernannte.
Als Frau Regierungsräthin, als eine Gräfin von Geburt glaubte Frau Pfaffenrath den höchſten Rang an dem kleinen Hofe beanſpruchen zu dürfen. Kleine Zerwürfniſſe waren die nächſte Folge davon; die Damen des Hofes zogen ſich von ihr zurück und bei der Feier des Geburtsfeſtes der Prinzeſſin im Oktober 1746 hatte ſich von Damen nur die Gemalin des Landjäger⸗ meiſters von Gleichen eingefunden. Bei dieſem Anlaſſe brach der Streit um den Vorrang zum erſtenmal offen aus.„Sereniſſimus befehlen,“ entſchied der Hofſtabs⸗ Kommandant, Stallmeiſter von Buttlar, in Ab⸗ weſenheit des Herzogs,„daß Frau von Pfaffen⸗ rath den Rang vor allen Dames haben ſoll.“ Für die Frau Regierungsräthin war dies ein ungeheurer Triumph, den ſie ſich ſofort zu Nutzen machte, indem ſie die Ober⸗ ſtelle einnahm. Frau von Gleichen fügte ſich zwar, aber ihr Ingrimm machte ſich gegen ihren Nachbar, den Herrn von Pfau, Luft. Jetzt ward des Herzogs Schweſter, die Aebtiſſin von Gandersheim, in's Spiel gezogen; ſie kam ſelbſt nach Meiningen, und während alle Hofdamen ihr aufwarteten, nahm die Frau Regie⸗ rungsräthin von ihrer Anweſenheit nicht einmal Notiz. Die Aebtiſſin beſchwerte ſich bei ihrem in Frankfurt le⸗ benden Bruder.„Der Stallmeiſter von Buttlar,“ ſchrieb dieſer zurück,„ſoll den geſchwülſtigen Damen be⸗ deuten, der Pfaffenräthin ohne Anſtand den Rang zu geben oder ſich des Hofes zu entäußern. Es ſoll der⸗ ſelbe die Pfaffenräthin gegen alle Beſchimpfungen ſchützen oder es ahnden, was malhonnete Leute von ihr ſprechen. So habe ich auch mit großem Mißfallen vernommen, daß die Pfaffenräthin bei Anweſen⸗ heit der Herzogin von Bernſtadt nicht nach Hofe gedürft, welches auf Anſtiften der geſchwülſtigen Damen geſchehen, u. ſ. w.“ Da es nun zur Zeit in Meiningen nur zwei hoffähige Damen gab, Frau von Buttlar und Frau von Gleichen, die erſtere aber ſich ſofort der vorge⸗ ſchriebenen Rangordnung gefügt hatte, ſo traf die An⸗ ſchuldigung alſo nur die letztere, und dieſe vermied es fortan, bei Hofe zu erſcheinen. Inzwiſchen genas die Frau Regierungsräthin einer Tochter; die böſen Zun⸗ gen fanden darin neue Nahrung und die Frau Land⸗ jägermeiſterin ließ der ihren und ihrer Feder im Brief⸗ wechſel an ihre Freundinnen freien Lauf. Da erſchien denn eines Morgens, als ſie eben mit Zubereitungen für den Mittagstiſch in der Küche beſchäftigt war, vor


