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F. W. Grüner: Sitten und Naturtrieb des Fuchſes. 299
hatte, um ihre Freiheit ganz wiederzugewinnen, die Reiſekoſten, welche laut Kontrakt die amerikaniſche Fa⸗ milie zu tragen hatte, dieſer zurückgezahlt. In New⸗ York hatte ſie einige Tage in einem Gaſthofe zugebracht; dann aber hatte ſie, ohne Zweifel, weil ihre Subſiſtenz⸗ mittel ausgegangen, denſelben verlaſſen, und alle Ver⸗ ſuche, von da an ihre Spuren weiter zu verfolgen, blie⸗ ben ganz und gar erfolglos.
Irrte ſie in einem wildfremden Lande umher? War ſie vor Elend, Hunger oder Verzweiflung geſtor⸗ ben? Das war die grauſame Alternative, die Klär⸗ chen und René fortan folterte. Wie oft ſah René die Arme im Traume ſterbend oder todt! Wie oft auch, als hätte ihn der Gott der Träume entſchädigen wollen, lebend, in ihrer ganzen Schönheit! Beides drohte nach und nach ſeine Kraft aufzuzehren. So auch bei Klärchen.
Meunier vernahm die Kunde von dem Schickſal Louiſens ſchweigend. Er antwortete nichts; von Kummer war nichts bei ihm zu bemerken; er vermied es überall, von Louiſe zu ſprechen. Inzwiſchen be⸗ merkte Veronika, daß das alte Magenübel ihres Herrn ſich mit Rieſenſchritten verſchlimmerte, daß ſein Magen faſt alle und jede Funktion verſage. Sie bat ihn, deßhalb ſich zu ſchonen; aber er folgte nicht; er lebte nach wie vor in ſeiner alten Gewohnheit, obwohl die Krankheit ſtets bedenklicher wurde. Und kaum war ein Jahr vergangen, ſo ſtarb er wirklich an Apoplexie, die er ſich bei einem Mittagsmahle zuzog.
Der Eindruck, den auf Moriz ſeine letzte Unter⸗ haltung mit Louiſe gemacht, war nicht von langer Dauer geweſen. Nur als er die ſchreckliche Ungewißheit erfuhr, in der man über Louiſens Los war, regte ſich noch einmal vorübergehend ſein Gewiſſen und warf es ihm vor, daß er das arme Kind zum Spielball ſeiner Eigenliebe gemacht.
Madame von Saucour war die einzige, auf die Louiſens Schickſal keinen Eindruck machte.
„Was geht mich das an,“ ſagte ſie zu ihrem Bru⸗ der;„warum ließ Rens ſie abreiſen?“
Zwiſchen René und ſeiner Mutter herrſchte fortan nur ein froſtiges Verhältniß. Aber eines Tages ging ſie zu René in ſein Zimmer, ſtürzte ſich an ſeine Bruſt und rief:
„Achl mein theurer, theurer Sohn! verzeihe mir!“
Anfangs ſchwieg René; dann aber ſagte er in jenem treuherzigen, gutmüthigen Tone, den Louiſe ſo ſehr an ihm liebte:
„Ja! Mutter, ich verzeihe Dir!“
Dieſes Wort, welches der Gräfin ihre Ruhe wie⸗ dergab, war für Rensé ein ſchweres, gewichtiges Wort.
Allmälig wurden ſeine Züge ernſt und finſter; ſeine Stirn legte ſich in tiefe Falten, die ſeine tief in ihre Höhlen zurückgetretenen matten Augen unheimlich beſchatteten. Er verlor zwar nichts von ſeiner körperlichen und gei⸗ ſtigen Kraft; aber bei Allem, was er that, fehlte die freudige Luſt, die ſonſt ſtets bei ihm zu finden war. Wenn die Bauern in ſeiner Gegenwart einige jener Ipäße machten, die eine ſo wunderbare Miſchung von ſäinheit und Grobheit enthalten, und die er ſonſt mit
lachender Miene aufzunehmen pflegte, ſo fühlte er ſich jetzt zwar nicht durch dergleichen beleidigt, aber— ſie zwangen ihm auch nicht mehr das anmuthige Lächeln ab, welches gewöhnlich die Spaßmacher belohnte und beglückte. Kurz, er war von da ab ganz umgewandelt.
Er heiratete nie und hielt ſich aus jeder Damen⸗ geſellſchaft fern. Zehn Jahre ſpäter hätte jeder, der ſeine Güte, ſeine Uneigennützigkeit, ſeinen Edelmuth und gleichzeitig die derbe äußere Erſcheinung und ſeinen geſunden klaren Verſtand kennen zu lernen Gelegenheit hatte, nicht, wie eintt Noriz Dornet, geſagt: Das iſt eine Bauernſeele in einer feinen Edelmanns⸗Garde⸗ robe, ſondern: Unter dieſem Bauernkittel ſchlägt ein edles, durch zahlreiche herbe Schickſalsſchläge geläu⸗ tertes, biederes Herz!
Sitten und Naturtrieb des Fuchſes.
Von F. W. Grüner.
So bekannt auch Meiſter Reinecke nach Leben und ( Sitten ſelbſt durch einen der herrlichſten Schätze Z unſerer Volkspoeſie geworden iſt, ſo dürfte doch — eine naturhiſtoriſche Sittenbeſchreibung dieſes li⸗ 8 ſtigſten und gewandteſten der Thiere nicht ganz † überflüſſig erſcheinen.
Was die Mehrzahl der fleiſchfreſſenden Thiere nur der Stärke zu verdanken hat, erhält der Fuchs durch Geſchicklichkeit und darum in ſichererer Weiſe. Es iſt wohl ſelten, daß er, wie der Tiger, der Löwe und ſogar der Wolf, lange Faſten zu ertragen hätte; lebend in⸗ mitten der bewohnteſten Landſtriche, nie in Furcht, ſich den Wohnungen wieder zu nächern, nimmt er oft ſeinen Zehnten ſelbſt von den Erzeugniſſen des menſchlichen Gewerbfleißes vorweg; er iſt überhaupt ein Gegenſtand unaufhörlicher Beunruhigung für die Bewohner des Gefildes.
Bevor der Fuchs ſich in einem Bezirk feſtſetzt, denkt er daran, ſich ein Lager zu verſchaffen, wo er in Sicher⸗ heit ausruhen könne, und das ihm zugleich die Frucht ſeiner Raubzüge verberge. Zu dieſem Zweck gräbt er ſich einen tiefen Bau aus, von mehreren Ausgängen durchbrochen, und am liebſten wählt er dazu den Saum eines dicken Geſtrüppes oder den Abhang eines felſigen Hügels, wo die Natur ſchon zum Theil die Unkoſten ſei⸗ ner Behauſung beſtreitet. Oft nimmt er ſich nicht ein⸗ mal die Mühe, ſich ſeine Wohnung aufzubauen. Iſt der ihm anſtehende Ort etwa durch Kaninchen bewohnt, ſo geht er den Bewohnern des Baues zu Leibe, und er⸗ weitert ihn alsdann, um ihn ſeinem Gebrauche anzu⸗ paſſen. Findet ſich, daß irgend ein Dachs ſeine Höhle ausgegraben hat an einem Ort, der ihm günſtig er⸗ ſcheint, ſo ſucht er ſich darin zum Meiſter zu machen, hütet ſich aber wohl, mit offener Gewalt den furchtbaren Feind anzugreifen, mit welchem der Kampf nicht immer zu ſeinem Vortheil ſich wenden könnte. Er ſteht Schild⸗
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