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298 Crinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humot.
bei ihr auffallen mußte; allein ſie hätte ſich's nie träu⸗ men laſſen, daß die Dinge ſo enden würden. Meu⸗ nier lächelte höhniſch in ſich hinein, als hätte er trium⸗ phirt über die Zerſtörung der Hoffnungen, zu denen er nie ermuthigt; aber in ſeinem innerſten Innern ſah es ganz anders aus; er fühlte jetzt zum erſten Male etwas wie väterliche Zärtlichkeit ſich regen. Ja, hätte er nicht gefürchtet, dadurch lächerlich zu erſcheinen, hätte er Louiſe vielleicht in jenem Augenblicke an der Abreiſe gehindert.
Louiſe entging dieſe Umſtimmung ihres Onkels nicht.„Ach mein Gott,“ ſagte ſie zu ſich,„warum müſſen Alle ſo ſpät anfangen, mich zu lieben?“
Wie ſehr fühlte ſie ſich in den letzten Stunden verlaſſen, ohne René, ohne Klärchen!„Es gibt unglückliche Weſen,“ dachte ſie,„die fort und fort über ihrem Haupte die Worte ertönen hören: Du wirſt zur Erde zurückkehren, von der du genommen biſt! und zu dieſen gehöre ich. So ſelten meine Hoffnungen und Freuden waren, ich mußte beide noch dazu immer ſofort nach ihrem Erſcheinen wieder untergehen ſehen.“
Der Schlaf floh ihre Augen in der Nacht vor dem grauſamen Abſchiedsmorgen; noch einmal ſchrieb ſie an ihre vertrauteſte Freundin:
„Morgen Früh reiſe ich ab, liebes Klärchen; dieſe Nacht, in der ich Dir dies ſchreibe, iſt die letzte, die ich hier zubringe. Alles iſt vorbei, wirſt Du es begrei⸗ fen? Ach!ich begreife es ſelbſt nicht. Wie hat mich das Glück, das mir zu winken ſchien, getäuſcht! Das Glück? Nein, René, nur er allein; ich liebte ihn ſo unaus⸗ ſprechlich. Morgen Früh ſoll ich abreiſen weit aus der Welt und ſoll ihn lange, lange nicht mehr ſehen! Mor⸗ gen ſoll ich ſo denken und handeln, als ob ich wirklich noch lebte; aber ich kann's unmöglich; ich liebe und lebe nur da, wo er iſt. Ach Gott! Ach Gott!
„Die Seufzer erſticken mich! Ach! alle meine Thrä⸗ nen können das Geſchehene nicht ungeſchehen machen! Nur Geduld! wirſt Du ſagen; ein Jahr iſt ja keine Ewigkeit! O! ein Jahr warten, das iſt nicht möglich; meine Kräfte ſind erſchöpft! Ich ſoll hoffen! Das kann ich nicht! Warten, mein zukünftiges Glück mir lebhaft vorſpiegeln, um darin Stärkung zu finden! Auch das kann ich nicht; meine Phantaſie kennt nur mehr die Schreckensbilder des Unglücks. Ich weiß wohl, daß es überall Unglückliche gibt, denen das Schickſal ihr Lieb⸗ ſtes raubte; aber ſie ſind nicht allein und verlaſſen; man hilft ihnen, tröſtet ſie, ſucht ſie ſo viel möglich ihre Leiden vergeſſen zu machen. Jal ſelbſt wenn ſie Nie- manden haben, der ſie liebt; ſie haben doch wenigſtens etwas, was ſie lieben. Aber ich, ſo eine arme, ver⸗ laſſene Waiſe, wer liebt mich? Was liebe ich? Ich bin gewiß, daß es keinen unglücklicheren Menſchen auf der Welt gibt, als mich. Das Schickſal hat mich nicht nur zu ſeinem Opfer auserkoren, ſondern zu ſeinem Schlacht⸗ opfer! Es will mich zu Tode martern....“
Dieſes fragmentariſche Schreiben ging an Klär⸗ chen ab. Ihm folgte am zweiten Tage darauf ein zweites.
„Ich bin in Havre angekommen; in einer Stunde
werden wir uns einſchiffen! Wie kam ich hieher? Was habe ich gethan? Ich weiß nichts davon! Was iſt mit mir vorgegangen? Allen äußeren Eindrücken bin ich mit einem Male unzugänglich; ob ich mich in munterer Geſellſchaft oder einſam und allein befinde, ob ich gehe oder ſitze, ob ich in der Sonne oder im Schatten weile — ich bin immer dieſelbe: das Wohlthätige, was man ſonſt da zu empfinden pflegt— ich ſpüre nichts davon. Mitten in dem Gewirre der Welt ſtehe ich einſam da; in der Einſamkeit umſchwirren mich meine Gedanken;
will ich ausruhen, treibt's mich fort; will ich fort, bin V
ich ſtarr und unbeweglich; meine kalten Glieder erwär⸗ men ſich nicht an den Strahlen der Sonne; meine Fie⸗ berhitze findet keine Linderung im Schatten! Iſt das nicht mein Todeskampf, der auf dieſe Weiſe beginnt! Ach! nein! in Mitten meiner troſtloſen, verzweifelten Lage fühle ich alle Qualen des unglücklichen Daſeins, welches ich friſte! Ach! Klärchen, René, wie lieb⸗ los waret Ihr gegen mich! Warum ließet Ihr mich ge⸗ hen? Achl ich glaube, jedes Weſen, jedes Ding, ſelbſt die todte Erde meines Vaterlandes, das ich verließ, würde ſich erheben und meiner Abreiſe widerſetzen, wenn ſie die Größe und Schwere meiner Leiden kännten.“
Inzwiſchen hatte René die wenigen Zeilen er⸗ halten, in welchen Louiſe ihm Lebewohl ſagte. Er erhielt dieſelben in demſelben Augenblicke, wo er ſich zu ihr begeben wollte. Der Gedanke, daß ſie ſchon weit, weit fort ſei, erſchütterte ihn bis in ſein tiefſtes Innere. Er verſuchte ihn zu verſcheuchen, ſich ſelbſt zu täuſchen— alles vergebens; er trat immer wieder mit verdoppelter Lebhaftigkeit vor ſeine geängſtigte Seele. Sofort eilte er zur Gräfin:„
„Ich habe Ihnen ein Verſprechen gegeben, theure Mutter, welches ich nicht halten kann; ich kann mich unmöglich von Louiſe trennen; binnen einer Stunde
reiſe ich ab, ich gehe ſie ſuchen und führe ſie wieder
hieher zurück.“ Seine Mutter blickte ihn erſtaunt an; die Züge
ſeines Geſichtes ſprachen es deutlich aus, daß hier an
den Erfolg einer Widerrede nicht im Geringſten zu denken ſei.
Aber René kam leider zu ſpät! Er war davon jedoch keineswegs überraſcht; er hatte es auf dem gan⸗ zen Wege zu ihrer Wohnung zu lebendig geahnt, als daß es eine Täuſchung hätte ſein können. Aber als er an die ungeheure Meeresfläche dachte, die ihn nun von Louiſe trennte, da fühlte er ſich eben ſo verlaſſen wie ſie; da war auch er der Verzweiflung nahe. Aber was thun? Es blieb nichts anderes übrig, als ſie brieflich unter wiederholter Verſicherung ſeiner ewigen Liebe zur Rückkehr einzuladen. Das that er auch ſofort.
Aber dieſer erſte wie alle folgenden Briefe blieben unbeantwortet. Er bot Alles auf, Erkundigungen über Louiſe einziehen zu laſſen; aber ſie hatten nur einen unvollſtändigen Erfolg.
Das einzige, was man mit Beſtimmtheit erfuhr war, daß Louiſe während der Reiſe ihre Stelle als Gouvernante gekündigt, weil ſie ſich außer Stande fühl ihren Pflichten auf die Dauer nachzukommen. Ja,
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