Heft 
(1861) 10 10
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Louiſe Meunier. 297

Sie theilte alſo René mit, daß man ihr, für den Fall ſie zu ihrem früheren Berufe zurückkehren wollte, bereits verſchiedene Anträge gemacht. Namentlich wünſchte eine in Paris lebende amerikaniſche Familie, die dringende Angelegenheiten auf ein Jahr nach New⸗ Vork riefen, ſie zu engagiren. Dieſelbe fürchtete, daß ihre Kinder während dieſer Zeit die Reinheit der fran⸗ zöſiſchen Ausſprache einbüßen möchten, wenn die täg⸗ liche Konverſation fehlte. Eine Freundin Louiſens, die im Kloſter zu Bayeux lebte, hatte ſie den jungen Lady's auf's Wärmſte empfohlen, und nicht unterlaſſen, denſelben alle trefflichen Eigenſchaften und vor Allem ihre ſeltene allſeitige Bildung gebührend hervorzuhe⸗ ben. Louiſe war entſchloſſen, das ehrenvolle Aner⸗ bieten nicht von der Hand zu weiſen. Rensé erſchrak vor einer ſo langen Reiſe über's Meer und einer ſo weiten Entfernung. Louiſe aber beſtand darauf, daß nur eine ſo vollſtändige Aenderung ihrer Lage und nur eine gänzlich neue Umgebung ihren Kummer zu lindern vermöge. Schließlich verlangte dann Rensé, ſie ſolle wenigſtens mit ihrem Onkel erſt die Sache beſprechen; vielleicht würde Meunier, wenn er ihren Plan ver⸗ nehme, ſich doch entſchließen, ſie noch ein Jahr bei ſich zu behalten. Aber Alles half nichts; über dieſen Punkt waren und blieben Beide anderer Anſicht.

So ſchieden ſie von einander. Aber Ruhe fan⸗ den Beide nicht. René fing bereits an zu ahnen, daß nun eine düſtere Zukunft für ihn beginne, ja ſo düſter, daß ſie nie wieder durch die Strahlen des ſo heiß erſehnten Glückes erhellt würde. Aber auch Louiſen fiel nachgerade ihr Entſchluß centnerſchwer aufs Herz. Ihre phyſiſche und moraliſche Kraft war wie mit einem Male gebrochen. Sie malte ſich ihren und Ren és Zuſtand nach der Trennung und die muthmaßlichen Folgen derſelben mit ſo lebhaften Farben vor, daß ein kalter Schauer nach dem andern ſie überlief. Aber was konnte Alles helfen? Was ſollte ſie thun? Nach langem Hin⸗ und Herbrüten entſchloß ſie ſich endlich, René's Wunſch doch zu erfüllen und ihren Onkel zu fragen, ob er ſie noch ein Jahr bei ſich behalten wolle. Sie that's.

Und es wäre kein nennenswerthes Opfer für Meunier geweſen,Ja zu ſagen; denn abgeſehen von den Annehmlichkeiten, die Louiſens Umgebung für ihn ſtets hatte, wog ihre Thätigkeit im Hauſe auch die etwaigen materiellen Opfer des Onkels mehr als auf. Aber Meunier war zu ſehr aufgebracht ob der Verzögerung, die die Gräfin in die Heiratsangelegenheit zu bringen gewußt. Er wollte nicht, und ließ wie ge⸗ wöhnlich bei dieſer Gelegenheit die Wuth, die er fühlte, an Louiſen aus.

Iſt's nicht mehr als genug, ſprach er,daß ich Dich durch ein ganzes Jahr umſonſt ernährte? Und wenn dieſer ſchöne Herr Graf Dich nicht heiratete, und das iſt ſehr wahrſcheinlich, was ſoll dann aus Dir werden? Wäre es nicht beſſer, Du ſäheſt Dich jetzt gleich wieder um eine Gouvernantenſtelle um, ſtatt ſo in den Tag hinein zu leben?

Louiſe entgegnete kein Wort, ſondern nahm ſofort die Feder und ſchrieb an Miſtreß G...., daß

Erinnerungen. LXXXII. 1861.

ſie das ihr gemachte Anerbieten annehme und nach Ablauf von vierzehn Tagen in Havre eintreffen werde.

Einen Theil dieſer Zeit brachte Louiſe bei Klärchen zu, die die Entſchloſſenheit ihrer Freundin um ſo mehr erſchütterte, als ſie hinter derſelben ein tiefes, verzehrendes Leiden gewahrte. Nur die letzten Tage vor ihrer Abreiſe blieb ſie zu Hauſe, um dieſelben ganz ihrem René zu widmen. Ach! wie liebte ſie ihn ſo ſehr! Wie verehrte ſie ſeine trefflichen Eigenſchaften und die Liebenswürdigkeit, die ſie Anfangs ſo ſehr be⸗ zauberte und ihn ſpäter über alle menſchlichen ihr be⸗ kannte Weſen erhaben erſcheinen ließ. So verzehrte ſie ſich in Liebesqualen mit einem gewiſſen Ergötzen, ohne daran zu denken, daß ſie das Opfer derſelben werden müſſe und keine andere.

Moriz hatte inzwiſchen von den erfolgreichen Bemühungen der Madame von Bourguevbille Kenntniß erhalten. Er wagte es, Louiſe zu beſuchen: vielleicht hoffte er, in dem gegenwärtigen Augenblicke Verzeihung zu finden. Da Veronika ihn hineinführte, ohne ihn zuvor anzumelden, konnte Louiſe nicht an⸗ ders, als ihn empfangen; aber ſie ließ es ihn gleich fühlen, daß ſein Anblick ſie tief verletze.

Gehen Sie, ſagte ſie zu ihm,Ihre Rolle haben Sie ausgeſpielt; Sie haben mein Glück getödtet, aber meine Liebe werden Sie nimmer ertödten; zwar werde ich nicht Ren és Frau werden, aber ich werde nie aufhören, ihn zu lieben, weil er immer meiner würdig bleibt.

Moriz blickte ſie mit Entſetzen an; die gänzliche Veränderung ihrer Züge machte ihn faſt erſtarren. Wie hätte er ſich nicht ſagen ſollen, daß er, nur er daran Schuld ſei!

Als Louiſe dies bemerkte und Schmerz und Ge⸗ wiſſensbiſſe aus ſeinen Zügen herauslas, ſprach ſie:

Fürchten Sie nichts; ich verzeihe Ihnen; ich leide zu ſehr, als daß ich noch Jemanden haſſen könnte; meine Leiden haben meinen Haß verzehrt. Ich möchte alle Weſen, die es wünſchen, mit jener unveränderlichen Liebe lieben, deren ich ſelbſt ſo ſehr bedürfte.

Er verſuchte es, ihr zu antworten; aber es war ihm unmöglich, Eigenliebe, Aerger, Kummer, Rührung hatten ſich gleichzeitig ſeines Innern bemächtigt. Wie an dem Tage, wo er ihr ſeine Hand antrug, ſo verließ er ſie auch heute in der heftigſten Aufregung. Im Weg⸗ gehen ſtieß er ſeinen Stock wüthend auf den Fußboden, während er halbvernehmbare Worte ausſtieß, die auf wilden Zorn ſchließen ließen. Kaum aber hatte er zehn Schritte gemacht, da entrang ſich ſeiner Bruſt ein tiefer Seufzer und zwei dicke Thränen rollten über ſeine Wangen herab. Warum, das wußte er ſich ſelber nicht zu ſagen.

Für Louiſe war der Abend vor ihrer Abreiſe gekommen. Von René Abſchied zu nehmen, dazu fühlte ſie ſich zu ſchwach und zu angegriffen; daher täuſchte ſie ihn, indem ſie ihn zu einer Stunde zu ſich bitten ließ, in der ihre Abreiſe ſchon erfolgt war. Sie traf dann ihre letzten Vorbereitungen; hiebei unterſtützte Veronika ſie mit einer Beſtürzung, die namentlich

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