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294 Erinnerungen. IFlluſtririe
Blätter für Ernſt und Humor.
am nächtlichen Himmel, ſo liegt ein ſchwerer Schatten
auf ſeiner Seele; es zuckt wetterleuchtend in der Wolke
und es zuckt auch in ſeinem Herzen; aber er preßt die Lippen zuſammen und geſtattet ſich keinen Laut; der
Donner grollt in der Ferne, er bricht nicht los— die
Nacht bleibt ruhig. Und ruhig lehnt der junge Mann im Fenſter, bis der Horizont ſich klärt, bis ſein Kampf ausgeſtritten; er hat einen Entſchluß gefaßt; was es ihn auch koſten mag, er muß bleiben und das Kom⸗ mende ertragen; ich will, ſagte er ſich ſelbſt, und dieſer ſtarke Wille wurde noch nie gebrochen.
Friſche Morgenkühle folgte der lauen Nacht. Die Sonne kämpfte mit feuchten Dünſten und brach ſiegend hervor, ihre erſten Strahlen in das Zimmer werfend, wo Hedwig ſich geſchäftig am Frühſtückstiſch bewegte. Der erfriſchende Thau ihrer frohſinnigen Laune er⸗ füllte gleichſam ihre Umgebung. Ihr heiteres Morgen⸗ liedchen rief Alexander herbei, der ſie ſcherzend und koſend von ihren„Pflichten“ abzog und ſie zur cau- seuse in die Ecke führte, wo üppige Epheugewinde ſich über ihren Häuptern zu einer Laube verſchlangen.
Hedwig beſaß die Politik, ſich jederzeit bereit⸗ willig in häuslichen Beſchäftigungen ſtören zu laſſen, ſobald ihr Gatte es wünſchte.
„Wir werden wohl auf den Großſtädter lange warten müſſen,“ bemerkte ſie lächelnd;„der Kaffee wird kalt.“
„Laß ihn kalt werden,“ verſetzte Alexander, „und ſage mir lieber, mein ſüßes Weibchen, ob Dein pſychologiſcher Scharfblick Dich nicht etwas Sonder⸗ bares in Theodors Weſen finden ließ?“
„Wie kannſt Du ſo fragen?“ entgegnete Hed⸗ wig unbefangen;„ich kenne Theodor erſt ſeit ge⸗ ſtern und kann alſo unmöglich heute ſchon ein Urtheil ausſprechen, um ſo mehr, da er mir durchaus nicht à son aise zu ſein ſchien. Uebrigens muß ich Dir ge⸗ ſtehen, daß ich mich angenehm enttäuſcht über ſeine Er⸗ ſcheinung fühle; Du warſt trotz Deiner Liebe für ihn ungerecht in der Darſtellung ſeines Aeußern.“
„Er hat Dich alſo im Sturm erobert?“ lachte Alexander.
„Das eben nicht. Aber ich finde in ihm etwas Bedeutſames, das Du mich nie ahnen ließeſt. Es iſt etwas Undurchdringliches und doch ſo Helles, etwas ſo Ruhiges und doch innerlich Bewegtes in ſeinem Weſen—“
„Nun, da ertappe ich Dich! Alles das haſt Du
an einem Abend, in wenigen Stunden beobachtet?“ „Es hät ſich mir aufgedrungen, Alexander. Du ſagteſt mir immer: mein Bruder iſt von einem Ernſt, der Dir nicht zuſagen würde; er pflegt nie der Form eine Konceſſion zu machen, nie ſich in den Welt⸗ ton zu finden— er iſt nicht ſchön. Siehſt Du nun, da dachte ich mir ihn pedantiſch, philiſtrös, abſtoßend. Von dem Allen iſt vielleicht eine winzig kleine Doſis vorhanden, aber überwiegend iſt das Bedeutende, Ori⸗ ginelle an ihm. Er iſt eine intereſſante Studie.“ „Vortrefflich! Une mgs bin ich dann?“ „Ein offenes Buch für n wo ich jede Seite
kenne und jedes Wort mich traut anlächelt, und wo ich meine eigenen Gedanken herauszuleſen pflege.“
„Das war ein GCötterwort! Aber nun, meine kleine Sibylle, muß ich den Langſchläfer wecken; jetzt kann er alle Reiſeermüdung ausgeſchlafen haben.“
Zu ſeinem größten Erſtaunen klopfte Alexan⸗ der vergeblich an Theodors CThür; er erhielt keine Antwort, bis ihm auf der Treppe ſein Diener begeg⸗ nete, der den jungen Baron ſchon in aller Frühe in den Wald gehen geſehen hatte. Eben im Begriff, den Ausreißer aufzuſuchen, ſtieß Alexander mit ihm im Portal zuſammen.
„Das nenne ich Landluft genießen! Du thuſt wohl daran, lieber Theodor; der Morgenſpazier⸗ gang hat Dein Ausſehen ſchon gebeſſert, aber Hed⸗ wig geräth in Verzweiflung, wenn wir ſie länger warten laſſen. Komm, komm, cher frore, es ſitzt ſich ſo wohlig hier innen beim Morgenkaffee und einer dampfenden Cigarre;— da iſt der Entflohene, Hed⸗ wig, und jetzt ſchelte ihn, damit er Hausordnung lernt!“
„Das wäre eine verkehrte Politik,“ ſagte Hed⸗ wig, den Eintretenden mit einem warmen Lächeln begrüßend;„wer ſich bei uns heimiſch fühlen ſoll, muß ſeine volle Freiheit haben. Guten Morgen, lieber Theodorl Setzen Sie ſich hier an meine Seite und nehmen Sie die Proſa zu Leibe, nachdem Sie bereits Morgenthau als Seelentrank gekoſtet haben.“
„O im Gegentheil,“ verſetzte Theodor ohne aufzublicken, indem er den angebotenen Platz einnahm, „die Poeſie fängt jetzt erſt an.“
Hedwigs roſige Wange bekam einen höheren Karmin bei dieſer ſo kühl ausgeſprochenen aber feinen Artigkeit. Während ſie die Taſſe für ihren Schwager füllte, und ſeinen Geſchmack bald über den Rahm, bald über die Süße zu Rathe zog, ſah Theodor zu Bo⸗ den und athmete haſtig. Die Hand, womit er die ge⸗ füllte Taſſe übernahm, bebte unmerklich; Hedwif fühlte es in ihren eigenen Fingern vibriren.„Haben Sie nicht gut geſchlafen, daß Sie ſo früh ſchon das Freie ſuchten?“ fragte ſie.
„Es iſt meine tägliche Gewohnheit, den Morgen, Winter und Sommer, draußen zuzubringen,“ antwor⸗ tete er, flüchtig aufblickend.
„Sie wollen auf meine Frage nicht antworten. Wiſſen Sie nicht, daß es ſehr wichtig iſt, wie man die erſte Nacht unter einem gaſtlichen Dache zubringt? Ich hätte Sie geſtern Abend aufmerkſam machen ſollen; der Traum dieſer Nacht ſoll ſich ſtets erfüllen.“
„Und wenn man nicht ſo glücklich war zu träu⸗ men?“
„Dann iſt's ein Beweis von gutem Schlaf.“
„Oder vom Gegentheil,“ warf Alexander ein.
„Jagſt Du viel?“ fragte Theodor, der offen⸗ bar das Geſpräch nie gerne ſubjektiv werden ſah.
„Ich?“ rief Alexander mit einer Art ſchmerz⸗ licher Heftigkeit.„Du vergißt, daß ich ein jämmerlicher Invalide bin! Ich war nie ein Nimrod, aber ſeit mir die Jagd eine verbotene Frucht iſt, ſchmachte ich dar⸗


