Heft 
(1861) 9 09
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282 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ſchönen und keinen Troſt für die zagenden Bräute; ſelbſt voll banger Erwartung ſtieg ich die hölzerne Stiege hinauf, die ich nur als Soldat wieder herabzu⸗ ſteigen hoffte. Oben trat ich in einen großen Saal ein, der von Menſchen verſchiedenen Alters, doch nur männ⸗ lichen Geſchlechtes, gefüllt war, da nur die Väter oder männlichen Verwandten ihren Angehörigen bis zu jener gefürchteten Thür folgen dürfen, aus welcher die Ange⸗ nommenen mit trauriger Miene treten. Unter den vielen trübſeligen Geſichtern kam ich mir hier wie der einzige Mann vor. Als ich ſchon längere Zeit gewartet hatte, erkundigte ich mich, wenn wohl ich an die Reihe käme, aber man gab mir keine rechte Auskunft. Nur ein alter Polizeimann, der mich zuweilen mit ſeltſamem Lächeln von der Seite betrachtet hatte, theilte mir mit, daß die Freiwilligenzuletzt dran kämen. Mit ſteigender Un⸗ geduld wartete ich bis Mittag, und da ich noch immer nicht gerufen wurde, begab ich mich nach Hauſe, wohin mich der Hunger rief, denn ein Soldat hat ſtets guten Appetit.

Man empfing mich daheim mit Lachen.Nun, biſt Du angenommen?

Nein, ich kam noch nicht daran, antwortete ich unwirſch. Das Lachen kam mir verdächtig vor. Der Vater ſchmunzelte zwiſchen jedem Löffel Suppe, den er nahm, und die Mutter kicherte verſtohlen in ſich hinein. Ich wußte mir dieſe Fröhlichkeit nicht zu erklären, da ja die Sorge, daß ich Soldat werden könnte, noch nicht im Geringſten behoben war.

Nachmittag verfügte ich mich wieder zur Stelle, die ich Vormittag eingenommen hatte, nur war ich durch das Benehmen meiner Eltern etwas aus meiner Zuver⸗ ſicht gerathen. Gegen drei Uhr Nachmittag hieß es end⸗ lich:Die Freiwilligen herein!

Ich hatte mich ſchon geraume Zeit für die Aſſen⸗ tirung ſalonfähig gemacht, das heißt, alle Kleidungs⸗ ſtücke bis auf jenes abgelegt, das Wallenſtein bei ſeiner Ermordung trug. Jetzt mußte auch die letzte Hülle fallen. Sie fiel und feſten Schrittes ging ich auf die Thür des Zimmers zu, worin die Kommiſſion ſaß. Das Alles geſchah in ſolcher Eile, daß ich wenig Zeit zu Reflexionen hatte. Es belebte mich nur der einzige Ge⸗ danke, mich recht ſtattlich, gewandt und unerſchrocken zu repräſentiren, um einen vortheilhaften Eindruck auf die Kommiſſäre hervorzubringen. Als ich aber nun die Thür öffnete, ſah ich mit Schrecken viele bekannte Herren, die mich mit einem ſpöttiſchen Lächeln zu em⸗

pfangen ſchienen. Ich balancirte, ging unſicher, ſtolperte über meine eigenen Füße, denn ich war zu wenig ge⸗ wohnt, in einem Aufzuge, wo die Hände alle Kleidungs⸗ ſtücke vertreten, mich in Geſellſchaft zu bewegen. Ich war ja ganz Adamit, und noch weniger bekleidet, als Adam nach dem Falle.

Da packte mich ein alter Korporal beim Arm und ſchob mich unter das Maß. Darauf rief er eine Zahl und ſtieß mich nach vorwärts.

Ich hemmte noch rechtzeitig den erhaltenen Schwung, um in reſpektvoller Entfernung vor dem

daß ich roth im Geſichte ſein mußte, und das machte meine Verlegenheit noch größer, zumal da ich mich ganz in der Nähe eines Herrn ſah, vor dem ich um alles in der Welt nicht lächerlich erſcheinen wollte. Dieſer Herr war der Papa der ſchönen Karoline, der ich erſt geſtern noch eine Fenſterpromenade gemacht hatte. Ich bemerkte wohl, wie er lachte und ſeinem Nebenmanne etwas zuflüſterte.Gewiß macht er Witze über meine ſchlechten Waden, dachte ich mir und ſuchte ein Bein mit dem andern zu bedecken.

Na, komm Er vorwärts l kommandirte der Stabsarzt mit barſcher Stimme.Noch näher! hierher!

Ich war eine ſolche Anſprache nicht gewöhnt, doch verſtand ich was er wollte und leiſtete Folge.

Wie heißt Er? wurde ich gefragt.

Ich nannte meinen Namen.

Kaum hatte ich ihn genannt, ſo umſpielte ein ſpöttiſches Lächeln, wie mir ein ſolches heute ſchon auf mehreren Geſichtern vorgekommen war, ſeine Mund⸗ winkel und alsbald erſcholl mir von ſeinen Lippen das furchtbare Orakel:Zu ſchwach.

Ich zog ein langes Geſicht und hätte Luſt gehabt, ihm die Stärke meines Armes zu zeigen.

er, um mich gänzlich zu vernichten, fort,ſehen Sie nur, wie ſchwach ſeine Bruſt iſt, eine wahre Ziegenbruſt, und und und... ich will den Leſer mit der keineswegs ſchmeichelhaften Kritik meines leiblichen Ichs verſchonen. Der Herr Oberſtwachtmeiſter begleitete die Worte des Stabsarzt mit beiſtimmendem Kopfnicken, und nach geſchehene urtheilung ſchüttelte er den Kopf, was ſo viel ſagen te, als: nicht tauglich.

Es wird mir nun e ink gegeben, mich zu ent⸗ fernen, und mit dem allern Gefühle, mich gründ⸗ lich blamirt zu haben, bale jich wieder zur Thür hinaus.. Vor dem Thore des Stadr. erwarteten mich einige Studienkollegen, die mich ugierigen Mie⸗ nen fragten, wie es ausgefallen ſei.

Schlecht! ſagte ich und nahn ßmuthig mei⸗ nen Weg nach Hauſe. Unterwegs ſtieß ie weeden alten Polizeimann, mit dem ich ſchon Vorn s einige Worte gewechſelt. Er hatte ſchon wieder de maliciöſe Lächeln, das mich heute verfolgte, auf dem G

Zu meiner Verwunderung blieb er ſte⸗ct, um mir, wie es ſchien, mit aller Bequemlichkeit in's Geſicht

zu lachen. Auf meine Frage, was er wolle? r im Tone und mit der Miene vertraulicher Zu hes. Ich hätte Ihnen das ſchon früh ſagen könne aus Ihrer Aſſentirung nichts wird. Ich habe ja re ge⸗ ſehen, wie Ihr Herr Vater und Ihre Frau Y mit

den Herren da oben geſprochen haben, und h recht

gut gehört, wie der Stabsarzt ſagte: Nein, nein, er, ſeien Sie außer Sorgen, ſagte er, er wird nif ge⸗ nommen, hat er geſagt. 6

Vor Zorn glühend über die Hinterliſt, de Eltern, die ihren Kindern doch Offenheit und le

Major und Stabsarzte ſtehen zu bleiben. Ich fühlte,

Sehen Sie nur, Herr Oberſtwachtmeiſter, fähr

ſchuldig ſind, gegen mich bedient hatten, ging i ch