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Erinnerungen.
Die„Donauzeitung“ erzählt unter anderen Bei⸗ ſpielen der gegenwärtigen Beamtenwirthſchaft in Ungarn auch folgenden Fall. Ein Schnittwaarenhändler, ein acht⸗ barer, mit dem goldenen Verdienſtkreuze gezierter Mann, rumäniſcher Nationalität, hatte vor einigen Monaten betreffs einer Wechſelforderung von 120 fl. die Klage bei dem Stuhlrichteramt anhängig gemacht. Der Stuhlge ſchworne J., mit dieſer Angelegenheit betraut, entledigt ſich ſeines Auftrages in der gewiſſenhafteſten Weiſe und läßt den Schnittwaarenhändler wegen Behebung dieſer Summe vorladen. Froh erſcheint der geldbedürftige Mann und erfährt— daß der Stuhlgeſchworne den Wechſel zwar einkaſſirt habe, jedoch genöthigt geweſen ſei, den⸗ ſelben für die dringend nothwendige Bezahlung eines für ſich gekauften Pferdes zu verwenden, und daß der Schnitt⸗ waarenhändler ſich einſtweilen mit einem von ihm aus⸗ geſtellten, auf einen kurzen Zahlungstermin lautenden Schuldſchein begnügen möge. Daß der Geprellte noch heute auf ſein Geld wartet, daß der weiſe Richter trotz⸗ dem, daß der Obergeſpan eine Beſchwerde entgegenge⸗ nommen, noch heute in ſeinem Amte fungirt, das ſind Dinge, die ſich in Ungarn ſo ziemlich von ſelbſt verſtehen.
Einen mehr als eigenthümlichen Eindruck, beſon⸗ ders außerhalb Preußen, muß eine Bekanntmachung der Strafanſtalt Rhein(Reg.⸗Bez. Gumbinnen) machen, die folgendermaßen beginnt:„In der Strafanſtalt Rhein ſollen für das Jahr 1862 oder auch für mehre Jahre ſämmtliche verfügbaren weiblichen Sträflingskräfte verpachtet werden. Es iſt zu dieſem Zweck ein Termin angeſetzt; die Be⸗ dingungen können eingeſehen werden ac.“ Das ganze Ge ſchäft wird behandelt, als ob die Strafgefangenen eine zu verpachtende Sache ſeien.
Ein kleines Verſehen. Ein Dr. Hendric in London hatte kürzlich einem kleinen Knaben eigenhändig eine Doſis Strychnin verabreicht. Er entſchuldigte ſich bei der Todteu⸗ ſchau damit, daß er in ſeiner Hausapotheke eine Flaſche mit Strychnin neben einer Flaſche mit Santonin(Wurm⸗ ſamenbitter) ſtehen hatte. Beide Flaſchen waren mit blauem Papier überzogen, beide hatten Aufſchriften, aber der Regen ſei in das Gemach gedrungen, und ſo habe er „das kleine Verſehen“ begangen!
Zur Warnung wird aus Guhrau(Schleſien) ge⸗ ſchrieden: Ein Jagdgehilfe ſchießt einen Haſen. Da der⸗ ſelbe nicht ganz todt, ergreift der Jäger ſein Doppel⸗ gewehr, um mit dem Kolben den Haſen vollends zu tödten. Dabei entladet ſich der zweite Lauf des Gewehres und, in der linken Seite getroffen, ſinkt der unvorſichtige junge Mann todt zur Erde.
Zunft und Zopf. In einer der jüngſten Magiſtrats⸗ ſitzungen in München wurde eine Klage gegen eine Bier wirthswitwe verhandelt, weil ſie das ungeheure Verbrechen begangen hatte, um ſechs Kreuzer Brod ohne gleichzeitige Abgabe von Bier oder Speiſen zu verabreichen. Die In⸗ kulpatin kam für diesmal mit einem Verweis unter An⸗ drohung von zehn Gulden Strafe für den Wiederholungs⸗ fall dabon. In derſelben Sitzung wurde, obgleich für die Vorſtadt Au ſeit 1827 keine neue Zinngießerskonceſſion ertheilt worden iſt, der einzige Bewerber um eine ſolche aus dem Grunde abgewieſen, weil er kein hinreichendes Vermögen nachzuweiſen vermochte.
Theater.
Am 24. Oktober wurde auf der Prager Bühne zum erſten Mal aufgeführt:„Fauſt“, Oper in vier Akten von Th. Gounod. Nach den drei bisherigen Aufführungen hatte zwar dieſe Novität keinen vollſtändig durchgreifenden Erfolg, doch erregte ſie durch mehrere gelungene Einzel⸗ heiten in der Muſik ein ziemliches Intereſſe. Daß man
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
überhaupt hier auf dieſe Oper ſehr geſpannt war, lag, abgeſehen von dem bereits aus dem auswärtigen Deutſch⸗ land und aus Frankreich von den Aufführungen herüber⸗ klingenden unterſchiedlichen Rufe und einer ebenſo ab⸗ weichenden Beurtheilung, zumeiſt in dem Umſtand, daß das Libretto von der bekannten pariſer Kompagniefirma „Barbiér und Carréô“ in den Hauptſcenen unſerem deut⸗ ſchen Nationalwerke„Fauſt“ von Göthe, und zwar dem erſten Theil desſelben, entlehnt war. Allerdings zeigte alsbald dieſe Bearbeitung, daß die Librettiſten in ihren Anſchauungen an das Erfaſſen eines ſo großartigen Stoffes in ſeiner ganzen Bedeutung nicht heranreichten; ſie haben denſelben blos in Abſicht auf äußerliche Opern⸗ effekte willkürlich und ohne innern Zuſammenhang aus⸗ gebeutet und zugeſchnitten, wie es gerade in ihren pro⸗ jektirten Rahmen paßte, und dabei, wie nicht anders denkbar, den urſprünglichen Charakter der Hauptperſonen verfehlt, mitunter auch karrikirt, ſo wie die moraliſche Tendenz des Sujets gänzlich verrückt. Dieſes Verſehen machte der Ueberſetzer des ſo frei bearbeiteten franzöſiſchen Operntextes wo möglich noch greller, da er namentlich dem„Gretchen“ einzelne Phraſen des Urtextes zugewieſen hat, die ſich in der übrigen Umgebung im Texte gar ſonderbar ausnehmen. Immerhin blieb aber dem ſo zu⸗ gerichteten Skoffe ſo viel anregendes Element, daß das unverkennbare Talent des Komponiſten ſich ſelbſt zu einem dramatiſchen Anlauf verſteigen konnte, der vielen lyriſchen und brillant effektuirenden, gelungenen Momente nicht zu gedenken. Die Muſik, im Allgemeinen betrachtet, zeichnet ſich vor Allem durch eine ſehr verſtändige, ge wandte und auch ſtellenweiſe ſehr pikante Inſtrumen⸗ tation aus, die Kompoſition im Allgemeinen läßt ſchließend daß Gounod in den Hauptrichtungen der Oper die größten Meiſterwerke wohl ſtudirt, und das ihm ſcheinende Beſte hieraus einer, aber keineswegs blinden Nachahmung ſeinerſeits werth erkannt hat. Beſonders ſcheinen ihm Meyerbeer und Halevy als Vorbilder geleuchtet zu haben. In der charakteriſtiſchen Betonung iſt ihm die Partie des„Valentin“ und dieſer zunächſt jene des Mefiſto“ am beſten gelungen. Gretchen iſt zuviel in Geſangs⸗Paraderolle, Fauſt ſogar in unpaſſender Art zu ſentimental gehalten. Des beſchränkten Raumes d. Bl. wegen, wollen wir hier nur einzelne Nummern der Ope hervorheben. Die Inſtrumentaleinleitung iſt ernſt, würdig als Tonbild ſehr intereſſant; in der Kirmeßſcene(2. Akt hier mit dem vorhergehenden zum erſten Akt verbunden treffen wir einen friſchen Studentenchor, dann originell Couplets Mefiſto's,— in dem folgenden Finale ſind die bekannten Worte,„mein ſchönes Fräulein“ recht hübſch komponirt. Siebel's Couplets(Anfang 3. Akt.) haben ein ſehr gefällige Melodie, ebenſo iſt Fauſt's Kavatine(Nr. 12 eine ſchöne und dankbare Stelle.— Weiter iſt ſehr ge lungen das Duett(Nr. 18) zwiſchen Fauſt und Gretchen der Soldatenchor ber der Rückkehr Valentins, die Duel⸗ ſcene, die Serenade Mefiſto's, endlich die Kirchenſcene i dem choralmäßigen Theile. Der letzte Akt bieter Der Schay luſt in Maſchinerie, Dekorationen und Verwandl vielen Unterhaltungsſtoff. Die mise en scène war di
ſehr ſorgfältig, die Dekorationen(bis auf eine) und ſtume neu. Die Totalaufführung bildete endlich eineg nahme von der ſonſt in Opernrepriſen herrſchendeite chalance. Von den Hauptperſonen iſt Hr. Kren„Fr. als trefflich in jeder Beziehung zu bezeichnen, nen Hr. Bernard„Fauſt“, dem nur ein friſcheres uwon hafteres Organ zu wünſchen wäre. Frl. Gralt „Gretchen“ kann für jetzt unmöglich ihre Aufgabe bek tigen, vielmehr bedürfte ſie ſehr der Schonung. NXo zweiten Rollen waren Frl. Mick(Siebel), Frau chaska(Martha) und Hr. Steinecke(Valentin) ½ gut am Platze. 4*
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Nonime waiente„and, esit des Verlegers.— Papier und Druck des art.-typ Inſtituts von Carl Bellmann in Prag
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