Heft 
(1861) 9 09
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

W itt. Schon die Beſetzung der Kleider mit W ats ſtört und bricht dieſes ſchöne Ganze noc te ſcheinbare Erhöhung der Geſtalt auf, in⸗ noch Auge mit jedem neuen Stockwerk zu einer

ReſſeFigur überzugehen glaubt. Jene wüſten Schrei⸗ größé en vollends, die für kurzen Rock und Hoſen in wir derika aufgetreten ſind, verdienen den ganzen Abſcheu werded Geſchlechts. Aus der Lobrede, die Viſcher, wohl ſäcke ſellebereinſtimmung Aller, dem langen Kleide hält, wrerm wir folgende beſonders anmuthige und treffende Stellen hervorheben.Das lange Kleid verhüllt zwar die Formen, aber nicht ohne ſie errathen zu laſſen; bei manchen Bewegungen und Stellungen prägt ſich die Bildung der Hüften, des Beines im Gewandſtoff aus, bei Anſtrengungen oder wenn ein ſchalkhafter Bote des Aeolus ihn feſt an die Formen preßt, oft in aller An⸗ muth der plaſtiſchen Linie. Eine beſondere Schönheit bringt die Bewegung hinzu. Hat ein Weib den rhyth⸗ miſchen, ſchwebenden, muſikaliſchen Gang, das unbe⸗ ſchreibliche Neigen und Beugen, das ſich ſo rührend in Sinn und Phantaſie einſchleicht, ſo erſcheint der große ſchwungvolle Faltenzug wie eine poetiſche, reizende Fort⸗ ſetzung und Erweiterung des ſchönen Bewegens der Glieder, wie eine Variation über das Thema. Und nun die Krinoline! An die Stelle des ſchwungvollen Fal⸗ tenfluſſes nach der Tiefe ſetzt ſie die Aufbauſchung in die Weite, an die Stelle des Hohen das Runde und Breite, die Ausſpannung nach allen vier Weltgegenden, an die Stelle der ſchönen Natur das Faß, den Hühner⸗ korb, die Glocke. Keine Form kann ſich darin ausprägen, weil keine an das weite Gehäuſe anzuliegen kommt, und nebenbei iſt nicht zu überſehen, daß die Geſtalt einen geometriſchen Kreis darſtellt, die Figur alſo, von der Seite geſehen, nicht bloß nach hinten(was, mit einiger Maßhaltung bewerkſtelligt, ganz in der Ordnung wäre), ſondern auch nach vorn aufgetrieben, aufgebauſcht er⸗ ſcheint. Nun fällt aber auch natürlich das ſchöne Echo der Gliederbewegung im Gewande weg, keine ſchweben⸗ den Falten begleiten ſie, führen ſie weiter, vervielfäl⸗ tigen ſie, ja das Kleid folgt nicht nur nicht dem Leibe, ſondern, zum ſelbſtändigen Mechanismus geworden, agirt es nach dem erſten Anſtoß, den es durch die Be⸗ wegung erhalten, für ſich, ſchwingt ſich nach ſeinen eige⸗ nen Geſetzen hin und her; das Weib geht vorwärts, die Glocke, in der ſie ſteckt, dreht ſich im Kreiſe. Wie man's nur aushalten kann! Doch, wir wollen uns nicht weiter bei dem, was Viſcher noch von dem Häß⸗ lichen und zugleich Lächerlichen dieſer Kreisbewegung ſagt, aufhalten, ſondern gehen zu ſeinem zweiten Satze über: die Krinoline iſt impertinent.Impertinent natür⸗ lich ſchon wegen des großen Raumes, den ſie für die Perſon in Anſpruch nimmt. Allein das iſt noch viel zu allgemein, zu abſtrakt geſprochen; nein, impertinent wegen der ungeheuer herausfordernden, augenfälligen Beziehung auf den Mann. Willſt du, ſo ſpricht die Krinoline zum Individuum männlichen Geſchlechts, das ihr in die Nähe kommt, hinunter vom Trottoir oder willſt du's wagen, mich anzuſtreifen, zu drücken? Willſt du neben mir auf dem Parketſitz mein Kleid auf den

Schooß nehmen, oder darauf ſitzen? Fühlſt du die

Reifen? Fühlſt du die unbezwingliche Burg, den A2. a⸗ koffkranz, den entſetzlichen Gürtel der Tugend, der dich von meiner Trägerin abwehrt? Doch dies Letztere iſt nur Renommage,denn was ſind fragt Viſcher darauf weiter was bedeuten überhaupt Kleider beim ſchönen Geſchlechte? Sie können nie etwas Anderes ſein, als eine Welt von Beziehungen, Andeutungen, eine ſchweigend beredte Sprache, eine Rüſtkammer ſanfter Fragen, furchtbarer Abweiſungen, rührender Bitten, grauſamer Drohungen, glühender Geſtändniſſe, kalter Verſchließungen. Und welche unter dieſen Rüſtzeugen ſind nun die mehr verführeriſchen, die entgegenkommen⸗ den oder die abſchreckenden, was macht den Mann kühner, wenn man ihn lockt oder wenn man ihn in eine Ecke drückt? Die Antwort darauf verſteht ſich von ſelbſt und hierin liegt drittens das eigentlich Unmo⸗ raliſche, Unweibliche der Krinoline. Man könnte einhalten, daß ein Kleid, das von den wirklichen Formen ſo weit abſteht, daß es gar kein Bild von ihnen gibt, das allerſittſamſte ſei. Aber nein, der Kontraſt iſt es, der reizt, die Entſtellung, welche über die wahre Geſtalt, über die Naturgeheimniſſe mit geſchärfter Neugier nachzu⸗ denken nöthigt, welche den gründlichen Forſcher ver⸗ leitet, abzuwarten, bis etwa eine jener Kreisbewegungen mehr geſteht, als das Kleid ſelbſt. Freilich darf man das Schlimme, was bei einer verfänglichen Tracht Je⸗ mandem einfällt, nicht auf Rechnung der Tracht ſchreiben. Wir meinen, jede liebenswürdige Trägerin durchlaufe in ihrem Köpfchen die böſen Gedanken, die in dieſen Formen lauern; wir kennen die Macht der Mode, wie ſie blendet und zwingt, wir haben nicht vergeſſen, wie manches ganz reine Herz in den Buſen ſchlug, welche die Tracht der neunziger Jahre ſo frech entblößte. Nur muthe man uns nicht zu, daß wir glauben, man ſei in dem großen Hexenkeſſel, aus welchem die Moden her⸗ vorgehen, in Paris, ſich deſſen nicht bewußt, was man braut. Zum Schluß kommt Viſcher auf die hiſto⸗ riſche Entſtehung der Krinoline zu ſprechen.Es iſt bekannt, daß die phantaſiereiche Tracht des 16. Jahr⸗ hunderts um die Mitte desſelben in Spanien jene höfiſche Einziehung und Verengung erfuhr, welche ein treuer Aus⸗ druck des politiſchen und hierarchiſchen Despotismus in dieſem Lande war; gleichzeitig mit dem eng anſchließen⸗ den Wamms, der ſteifen Halskrauſe, den anliegenden Hoſen ꝛc. kam damals beim Weibe zum erſtenmale der Reifrock auf, freilich, dem ſtreng kirchlichen Geiſte entſprechend, noch nicht mit offenem Buſen, ſondern eng bis oben geſchloſſenem Leibchen und mit der Hals⸗ krauſe verbunden. Seine erſte Auferſtehung feierte er dann im Anfang des 18. Jahrhunderts, unter der Re⸗ gierung Ludwigs XV., und der Wolluſt der Sitten entſprechend, verband er ſich nun mit dem weiten, frechen Ausſchnitte des Oberkleides. Die Reifen waren ſchon in der erſten Periode nicht nur von Fiſchbein, ſondern auch von Draht, Eiſen, wie jetzt. Die dritte Epoche ſeiner Herrſchaft, die zweite Auferſtehung, iſt das unverkennbare Symbol der Vollendung der Reaktion durch den Imperialismus, der ſich breit und hohl aus⸗