Heft 
(1861) 9 09
Seite
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278 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Wort zurückgenommen haben. Als ich nach einer guten Weile meine Blicke wieder aufrichtete, war das Pferd noch immer nicht am jenſeitigen Ufer angekommen und noch immer gleich wenig von ihm ſichtbar, ſo daß mein Reſpekt vor der Breite und Tiefe des Sees immer größer wurde, je näher wir ihm kamen. Endlich erreichten wir das Ufer ſelbſt. Da wird abgeſeſſen, die Pferde werden gemuſtert und die Sattelgurten und Mantel⸗ ſäcke feſter geſchnallt, die eigenen Kleider richtet man ſtrammer und dichter. In einigen Augenblicken wieder zu Pferde, nimmt man die Zügel in der gehörigen Länge, bringt ſie in die rechte Lage und ſo geht es hinein in die Fluth, mit derſelben Sicherheit, wie man anderswo eine Brücke betritt. Erſt werden die loſen Pferde hinein⸗ getrieben, die Führer folgen nach, dann kommen die Reiſenden. Ich hielt mich an der Seite des Bauers. Als wir kaum zehn Schritte weit im Waſſer geritten, lief es ſchon den Pferden nahe über dem Rücken zu⸗ ſammen. Der Wind wälzte die ſchäumenden Wellen uns gerade entgegen. Wenn ein Fluß ſo tief iſt, daß die Pferde faſt ſchwimmen müſſen, iſt das anfangs immer etwas unheimlich. In dieſem Falle war der Grund des Bettes ausgezeichnet gut, ganz feſter Lehmboden, ſo daß man den Fußtritt der Pferde heraufſchallen hörte, und das machte den Ritt völlig gefahrlos. Während der Paſſage gab ſich der Bauer alle Mühe, mich zu unter⸗ halten, und dabei dem Vorgang den letzten Schein von Gefährlichkeit zu benehmen. Er erzählte mir, wie zur Zeit der Heuernte die Pferde in Scharen, mit ſchweren Heubündeln gepackt, ungefährdet da herüberzögen. Ich überzeugte mich auch ſelbſt bald, daß wirklich keine Ge⸗ fahr vorhanden, und würde über unſere Unterhaltung ganz vergeſſen haben, in welcher Lage ich mich befand, wenn mich nicht meine Stiefel gemahnt hätten. Dieſe fingen bald an, an mehreren Stellen dem flüſſigen Element den ungehindertſten Zutritt zu geſtatten. Eine ſchöne Ausſicht für den noch bevorſtehenden Ritt.

Als wir am jenſeitigen Ufer ankamen, beobachtete ich wieder meine Uhr, wie ich beim Eintreten gethan, und es zeigte ſich, daß wir dreiunddreißig Minuten durch den aufgeſtauten Fluß auf dem Wege geweſen waren. Es war zehn Uhr Vormittags, und nach Reykjavik, dem Ziel des Tages, noch zwölf Stunden. Das Waſſer, wodurch wir gekommen, heißt Alftabatn und iſt der Ausfluß des Sees von Dingvellir, welcher ſich in der Niederung ſeeartig ausbreitet. Man wählt die breiteſte Stelle, weil da die geringſte Tiefe iſt. Den Isländern iſt es nichts Ungewohntes, tagelang in naſſen Schuhen und Strümpfen zu reiten. Die einfache Operation, welche ſie ausführen, wenn ſie ſich bei einem Flußübergange durchnäßt haben, iſt, ſich der Schuhe und Strümpfe zu entledigen und letztere auszuwinden dann bedienen ſie ſich eben derſelben wieder. Mir blieb im obigen Falle auch nichts Anderes übrig, und nachdem ich mit Hilfe meiner Begleiter die Operation vorgenommen und von meinem Gaſtfreunde Abſchied genommen hatte, beſtieg ich wohlgemuth wieder mein Pferd.

Die Brücke im Waſſer, mit der wir unſere Leſer bekannt zu machen verſprachen, liegt in der Bruarau.

Obwohl dieſer Fluß da, wo der Weg hindurchführt, kaum zwei Meilen von ſeinem Urſprunge entfernt iſt, ſo kommt er doch ſchon mit einer anſehnlichen Waſſerfülle heran. Seinen Grund bildet die Oberfläche eines Lavaſtromes, der einmal auch in gleicher Richtung aus dem Gebirge herabgefloſſen war. Die Bruarau hat gleich nach ihrem Urſprunge eine mühſame Wanderſchaft zu beſtehen, in⸗ dem ſie entweder in Lavaklüfte eingezwängt wird, oder über zackige Katarakte ſtürzt und daran zerſplittert und zerſtäubt. Es gibt nur eine einzige Stelle, an der es möglich iſt, hindurchzuſetzen, und das nur durch ein in Island einziges Exemplar einer Art von Brücke darum Bruarau oder Brückenfluß. An dieſer Stelle iſt unter ihrem Spiegel in der Lavakruſte eine Kluft, welche ſich gleich mit dem Waſſerlauf erſtreckt. Ueber dieſer Spalte liegt eine Brücke, welche aus ſtarken Dielen zuſammen⸗ gefügt und mit Eiſen in den Felſen eingeklammert iſt. Dieſe Brücke befindet ſich alſo im Fluſſe, wenigſtens einen Fuß tief unter ſeiner Oberfläche. Gleich unterhalb des Steges fällt derſelbe über eine hohe abgeriſſene Felsbank ab. Vom Ufer weg treten die Pferde auf die glatte, ſeit Jahrtauſenden vom reißenden Waſſer abge⸗ waſchene Lavakruſte, und obwohl das Waſſer noch nicht tief iſt, gehen die Thiere doch zagend vorwärts, denn ſie fürchten auszugleiten, und der Reiter fühlt das mit. Dabei donnert es von dem Katarakte herauf, ſo daß man ſeine eigenen Worte nicht verſteht, und der Wind jagt einem den Waſſerſtaub in's Geſicht. Mit Grauen fällt der Blick von der Brücke in den ſchwarzen Schlund hinab, durch den die Waſſer pfeilſchnell hervorſchießen. Auf dem hölzernen Boden treten die Pferde feſt auf. Jenſeit der Spalte haben ſie wieder bis an das Ufer Lava unter den Füßen. Dieſe Paſſage ſieht viel gefähr⸗ licher aus als ſie iſt. Es muß nur der Waſſerſtand dabei berückſichtigt werden.

Reitet man am Abend in's Quartier ein, ſo muß man auf Vieles verzichten, was ſich in andern Ländern von ſelbſt verſteht. In ſehr wenigen Häuſern findet ſich ein Ofen. Das iſt nicht das kleinſte Unglück für Island, daß Brennſtoffe äußerſt ſelten ſind. Die Bäume ſind verkrüppelte Sträucher, einen Torfſtich gibt es blos bei Reykjavik, Stein⸗ und Braunkohlen haben ſich bis jetzt nicht finden laſſen. Um die Wohnungen warm zu ma⸗ chen, umgibt man ſie mit dicken Raſenwänden, um ſie warm zu erhalten, hält man ſie ſo viel wie möglich ge⸗ ſchloſſen. Die Nahrung iſt Schaffleiſch, friſch oder ge⸗ trocknet, Kabeljau, der, mit Schafbutter beſtrichen, von den Isländern lieber als Brod gegeſſen wird, Skyr, ein halbfertiger Schafkäſe, Kaffee und Branntwein. Der letztgenannte Trank und Schnupftabak ſind die beiden Genüſſe des Isländers, die ihn in den ſchlimmſten La⸗ gen des Lebens aufrecht erhalten. Alle Isländer, auch viele Weiber, gebrauchen den Schnupftabak im Unmaß. Sie führen denſelben in Gefäßen bei ſich, welche an Form und Größe mittelmäßigen Pulverhörnern gleichen. Zu Hauſe ſtreuen ſie davon in langen Zeilen auf die Hand, gerade wie es die Bewohner des baieriſch⸗böhmi⸗ ſchen Waldgebirges mit dem ſogenannten Perſiltabak machen. Auf der Reiſe, wenn ſie zu Pferde ſind, bewerk⸗