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Hermann Jäger
Deutſche Baume. 275
Wuchs und zwergigen, ſtruppigen Buchen bedeckt, welche überall von einzelnen, hohen Kiefern überragt werden. Wie ſeltſam und wie ganz anders als im geſchloſſenen Wald des Tieflandes iſt ihr Anſehen und Bau! Hier ſehen wir einzelne Kiefern oder Gruppen von Bäu⸗ men, die ſich von unten auf in mehrere Stämme oder vielmehr Aeſte theilen und ſo nahe am Boden aus⸗ breiten, als wollten ſie ſo ſchnell wie möglich den heißen Felsboden decken und ihre eignen Wurzeln ſchirmen. Die Nadeln daran ſind kurz, aber lebhaft grün, und faſt glauben wir eine andere Art vor uns zu haben. Um den trocknen Fuß der Felſen und an ſeinen Abhängen und Spalten finden wir uralte Stämme oft von drei Fuß Stärke, zuweilen mit einem dreißig Fuß hohen Schaft, noch öfter aber ſich niedriger in ſtarke, eichen⸗ artig⸗gekrümmte Hauptäſte theilend, die ſich aber faſt immer wieder nach oben krümmen, um eine geſchloſſene Krone zu bilden. Ihr kupferfarbiger Stamm trägt eine faſt regelmäßig über's Kreuz geriſſene, glatte Rinde, wo⸗ durch ſchachbrettartige, abgerundete Vierecke entſtehen. Wie bei der Bergeiche haben einzelne Aeſte an der Licht⸗ ſeite eine ſtammartige Stärke und bilden eine Krone für ſich. So ſtehen die mächtigen Bäume ſtufenweiſe über einander, immer einzeln oder ſelten zu mehreren Stäm⸗ men und Kronen gruppirt. Man ſieht überall mehr Felſen und Stämme als Kronen, wie eigentlichen Wald. Die Spitze des Felſens ſelbſt trägt eine Gruppe ſchirm⸗ artig geſtalteter Bäume mit allſeitig gleich entwickelter Krone, unter deren Schirmdach wir die herbſtliche An⸗ ſicht auf das Wipfelmeer zu unſern Füßen genießen. Manche Felsſpitze trägt nur einen ſolchen Schirmbaum. Dieſe Felskiefern gleichen in der Form den Pinien des Südens, welchen wir faſt auf jedem italieniſchen Land⸗ ſchaftsgemälde begegnen. Eben vergoldet die ſcheidende Sonne alle Wipfel, aber keinen ſo roſig, wie die der hochragenden Kiefern; denn das Kupferroth der Rinde vermiſcht ſich hier mit dem goldnen Schimmer des Abends. Lenau's Abendlied:
———————„des Waldes Rieſen
Heben höher ſich in die Lüfte, um noch
Mit des Abends flüchtigen Roſen ſich ihr Haupt zu bekränzen.“
kann keine treffendere Anwendung finden.
Eilen wir mit dem Fluge der Gedanken aus Thüringen öſtlich in das Gebiet des Quaderſandſteins an die Elbe in Sachſen oder in das Felſenlabyrinth von Adersbach in Böhmen, ſo zeigt ſich uns ein ähn⸗ liches Bild; denn faſt jede der thurmhohen Felſenſäulen trägt in ſonniger Höhe eine oder mehrere ſchirmartig gewachſene Kiefern, während aus ſchattiger Tiefe die ſpitzige Fichte emporſtrebt. Aber auch in andern Ge⸗ birgen finden wir die Kiefer in dieſer Weiſe, und in Unteröſterreich(z. B. in der ſchönen Brühl bei Wien) iſt es die öſterreichiſche Schwarzkiefer, deren lange, dunkelgrüne Nadeln ihnen noch größere Schönheit ver⸗ leihen. Den gleichen Charakter hat die Kiefer auf Ruinen, wo ſie ſich nebſt der Birke vorzugsweiſe gern anſiedelt und zu einem ſchwachen Baum erwächſt. Dies kann nir⸗
gends ſchöner geſehen werden, als an der herrlichen Kloſterruine Paulinzelle im Thüringer Walde.
In traurigſter Geſtalt tritt uns die Kiefer in den öden Mooſen(Torfmooren) der Donau und Oberbaierns entgegen. Nicht Baum, nicht Strauch, bildet ſie dort kleine Zwergwälder, die ſich nicht zu verändern ſcheinen, ein kümmerliches Daſein friſten und, mit grauen Flechten behangen, ewige Greiſe bleiben. Sie bilden ſchwarze Inſeln in der öden, braunen Sumpffläche.
Wir haben die Kiefer nun ſo in allen Lagen und
Verhältniſſen geſehen, daß ich nur noch wenig zu ſagen
habe. Obſchon zum Nadelholz gehörend, hat ſie doch im Alter den Bau eines Laubholzbaumes, von dem ſich die Krone oft nur durch eine vortretende Spitze in der Form unterſcheidet. Sie hat gruppirte Aſtpartien, welche an manche Eichen erinnern. Einzeln ſtehend, iſt ſie ein ſchöner Baum, der dem Landſchaftsmaler willkommen iſt und der Landſchaft reiche Formen und große Ab⸗ wechſelung gibt. Im geſchloſſenen Wald iſt ſie nicht ſchön, und weil die meiſten Menſchen ſie nur ſo kennen, ſo gefällt ſie ſelten. In der Jugend iſt ſie nie ſchön, wodurch ſie ſich ganz von andern Nadelhölzern unter⸗ ſcheidet. Das meiſt düſtere Grün wird durch die lichter⸗ artig ſtehenden jungen Endtriebe von ſchmutzigem Grau vom Mai bis Auguſt noch unreiner, ſo daß die Kiefer eigentlich nur vom Herbſt bis zum Frühjahr ſchön grün iſt. Der quirlartige Aſtſtand der Jugend verliert ſich ſcheinbar nach zwanzig bis dreißig Jahren ganz, indem einzelne Aeſte ſtärker werden, vortreten und ſich krümmen, obſchon der Aſtſtand immer quirlförmig bleibt. Dieſer veränderte Wuchs und büſchelförmige Stand der Zweige alter Bäume ſcheint wie bei der Eiche durch häufigen Verluſt der Endknoſpen durch Inſekten hervorgebracht zu werden. Schöner iſt die Schwarzkiefer aus Oeſterreich mit dreimal ſo langen, dichterſtehenden, ſtärkeren, dunkel⸗ grünen Nadeln; dieſe iſt als volläſtiger, junger Baum ſogar ſehr ſchön. Stets bedeutend iſt die Wirkung alter, freiwachſender Bäume gegen den Himmel geſehen, be⸗ ſonders wenn dieſer auch unter der Krone ſichtbar iſt. Solchen Kiefernwald erkennt man auf Bergen Stunden weit. Die Felſenkiefer bildet meiſtens einen flacheren, breiteren Schirm, als die des Tieflandes auf gutem Boden, deren Krone die Form einer Glocke oder ſtumpfen Pyramide hat. Die Kiefer ſucht überall das vollſte Licht, verkümmert im Druck anderer Bäume und bildet, ſich ſelbſt überlaſſen, nur lichte, hochſtämmige, hainartige Wälder. Eigenthümlich iſt das Sauſen des Kiefernwal⸗ des im Winde, welches ſchon einige Bäume hervor⸗ bringen. Der Kiefernwald ſpricht ganz anders als der Tannen⸗ und Fichtenwald, der auch rauſcht; denn die langen Nadeln, die büſchelförmige Bildung der Zweige geben im Winde Veranlaſſung zu einem zeitweiſen Säuſeln, gleichſam einem Pianiſſimo, welches die anderen Nadelhölzer nicht hervorbringen können. Dieſes iſt noch zarter bei der auch in Deutſchland ſchon hie und da in Wäldern verbreiteten ſchönen Weymouthskiefer aus Nord⸗ amerika, deren lange, feine Nadeln das leiſeſte Säuſeln hervorbringen. Als natürlichen Standort erwählt die Kiefer das Tiefland, vorzüglich das ſandiger und niedriger
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