Heft 
(1861) 9 09
Seite
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274 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Moos, und einzelne Stellen ſind mit dem Adlerfarrn dicht bedeckt. Die Kiefern an den Hügeln ſtehen dünner und haben faſt alle das Anſehen voller Randbäume, nach allen Seiten ſtarke, gekrümmte, rothe Aeſte aus⸗ ſtreckend. Manche haben eine bedeutende Höhe, vielleicht 100 Fuß und darüber, Wir finden kaum eine Aehnlich⸗ keit mehr zwiſchen dieſen Bäumen und den Krüppeln auf der Heide, denn auch die Färbung iſt eine ganz andere, friſchere, und es ſchimmern namentlich die tieferen Zweigpartien lebhaft blaugrün. Ungern faſt treten wir aus dieſer hübſch beleuchteten Gruppenlandſchaft in die Tiefe eines düſtern Hochwaldes, welcher eine ganz breite Thalmulde bedeckt. Am Rande der feuchten Wieſe zeigen ſich Erlen, an höheren Stellen einzelne Eichen; die ein⸗ zelnen ſpitzen Phramiden, welche die Oberfläche unter⸗ brechen, ſind Fichten; denn überall, wo die Kiefer auf gutem Boden ſteht, ſiedeln ſich gern andere Bäume, vorzugsweiſe Fichten und Weißtannen(wo ſie in der Gegend vorkommen) dazwiſchen an, was ihnen bei dem ſtets lichten Stand der Kiefern ſo gut gelingt, daß ſie im Laufe der Zeit die urſprünglichen Beſitzer verdrängen. Nur in der armen, trocknen Heide herrſcht die Kiefer ohne Nebenbuhler, denn die Birke dürfen wir mehr als freundlichen Begleiter betrachten. Noch herrſcht in dieſem Walde die Kiefer vor, und ſie erreicht auf dem mäßig feuchten humusreichen Sandboden eine erſtaunliche Höhe und Stärke. Aſtlos erheben ſich die zwei bis drei Fuß ſtarken Stämme in allmäliger Verjüngung bis zu der Höhe von 100 bis 120 Fuß, dann erſt eine ſchwache, von unten wenig bemerkbare Krone tragend. Die Höhe erſcheint faſt ſchwindelnd, weil ein Ende nicht recht ſicht⸗ bar iſt. Kein anderer Baum hat einen ſo hohen nackten Stamm, ſelbſt die Fichte nicht, weil ſie tiefer herunter grün bleibt, und kein Nadelholzbaum ſchließt oben die Walddecke ſo vollkommen wie die breitkronige Kiefer. Unten ſind die Stämme ſchuppig, mit Flechten bewachſen, graubraun, oft ſchwärzlich, nach oben zu werden ſie lederbraun, bis endlich die Stammſpitze am Geäſte die junge kupferrothe Rinde zeigt, welche im Gegenſatz zu dem Düſter der Tiefe, von der Sonne beleuchtet, noch farbenreicher erſcheint. Faſt unheimlich wird das Dunkel dieſes Waldes zur ſinkenden Tageszeit und bei dem im Abendwind erwachten, dem Kieferwald ganz eigenthüm⸗ lichen unbeſchreiblichen Sauſen oder Rauſchen. Aber was ſchimmert dort zwiſchen den dunkeln Stämmen im lich⸗ teſten Maigrün? Was ſchwebt wie ein duftiger Schleier über dem ſchmarzen Moderboden? Faſt wie eine Wieſe breitet es ſich aus, aber ſo lichtgrün iſt keine Wieſe, und im Kiefernwalde hat nur derElfentanzplatz(freier, runder Platz im Walde) etwas Graswuchs. Näher tretend löſt ſich das Räthſel in maſſenhaft verbreiteten Adler⸗ farrn(Pteris aquilina) auf, welcher an lichten Stellen den ganzen Boden überzieht, während andere faſt aus⸗ ſchließlich von zwei Fuß hohen Gebüſchen von Sumpf⸗ heidelbeeren(Vaccinium uliginosum) und Porſt(Le- dum palustre) eingenommen werden. Dieſer ſchönſte einheimiſche Farrn wird in dem ſandigen, feuchten Humusboden oft vier Fuß hoch, iſt auf geradem dach⸗ artigem Stengel ausgebreitet und deckt ſo den Boden

vollſtändig. Dieſes köſtliche Grün läßt uns faſt vergeſſen. wo wir ſind, und unbewußt erreichen wir den Rand des Holzes, wo eine tiefe Wieſenbucht einſchneidet, und ein kleiner Weiher das moorige Waſſer der Vertiefungen aufnimmt. Die kleine Waſſerfläche iſt faſt ganz mit ſtarken Kiefern umgeben, die ſich mit einigen weit über⸗ hängenden Birken darin abſpiegeln. Das Waſſer iſt klar und ruhig, der Grund ſchwarz, das Licht fällt nur von einer Seite darauf, daher entſteht ein ſo ſchöner Natur⸗ ſpiegel, wie er ſelten gefunden wird. Und hier können wir die Prachtgeſtalten der Kiefern noch einmal in ganz anderer Weiſe ſehen, denn ihre rothen Stämme und Aeſte leuchten in dem ſchwarzen Spiegel Allem vor. Wir ſehen unter uns, was wir oben nicht ſuchten und ſo ſchön erkannten, das Ganze des merkwürdigen, ſelt⸗ ſamen Geflechtes der Aeſte unbeſchattet. Der Blick dringt immer tiefer in den wunderbaren Spiegel, es erfaßt uns Schwindel als müßten wir auf den Wald unter uns ſpringen. Darum hin zu den Hügeln jenſeits der Wieſen, der untergehenden Sonne zul Die kleinen raſigen Anhöhen ſind mit Gruppen alter, nicht hoher, aber breitkroniger Kiefern beſetzt, welche ſich mit ihren tief eingeſchnittenen Kronen ſcharf auf dem röthlichen Abend⸗ himmel abzeichnen und zum Theil wie zerfetzte rieſige Schirme daſtehen, unter denen der Horizont goldig ſchimmert.

In der gegebenen Schilderung erkennen wir an⸗ fangs den traurigen Kiefernwald der Heide, wie er uns zwiſchen Meer und Bergen in ganz Norddeutſchland häufig, aber auch in andern Niederungen und Fluß⸗ ebenen, wo der unfruchtbare Sand herrſcht, und auf den trocknen Hochebenen des bunten Sandſteins und Muſchelkalks entgegentritt. Weiter ſehen wir ihn in ſeiner ganzen Schönheit und Vollendung, wie ihn das vom Waſſer und beſſeren Sandboden begünſtigtere Tief⸗ land der Niederlauſitz, die Gegenden der Neiße(vor⸗ züglich von Moskau aufwärts) und noch manche andere Gegend, jedoch ſelten in ſolcher Vollkommenheit zeigt. Dann finden wir aber auch in jener Schilderung den Kiefernwald, wie ihn die meiſten Gegenden, die ſandigen Vorberge und Ebenen haben, mit ſeinem einförmigen,

nüchternen Anſehen. Aber die Kiefer iſt nicht nur der

Baum des Tieflandes, ſondern tritt uns auch im eigent⸗ lichen Gebirge häufig und zwar meiſt in höchſt eigen⸗ thümlicher Geſtalt entgegen. Wir wollen ſie auch dort aufſuchen. Zwar ſinkt ſchon die Sonne; allein der Gold⸗ grund des Abendhimmels iſt ja die rechte Unterlage für die Formen der Bergkiefer.

Schön geformte Berge, mit Laubholz dicht be⸗ wachſen, umſchließen ein tiefes Thal, das kaum bemerk⸗ bar ein Wieſenſtreif durchzieht. Obſchon die Buche vor⸗ herrſcht ſo iſt doch der Wald durchaus auch mit Nadel⸗ holz gemiſcht. Ueberall, wo Felſen aus dem Wipfel⸗ meere hervorragen oder unſichtbar unter einer ſchwachen Moosdecke lagern, hat ſich die Kiefer angeſiedelt und behauptet beſonders die Sonnenſeite der Berge. Der Laubwald iſt auf dieſer Seite nur in den Thalmulden und Vertiefungen üppig, auf den trocknen Rücken und Köpfen nur mit knorrigen Traubeneichen von niedrigem