Heft 
(1861) 9 09
Seite
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Erinnerungen. Illuſtrirte Bl

Frack, Hut und Halseiſen.

Vom Verfaſſer desRedakteurs.

s iſt zwar nicht wahr, was derBazar, deſ (wweitverbreitete Moden⸗ und Muſisrzeitung einf ſagte, daß nämlich die Moden der Männer alle Zeit auffälliger, unpraktiſcher, lächerlicher ge⸗ weſen ſind als die der Frauen. Im Gegentheil, die Frauenmoden haben vollſtändig Grund di Eigenſchaften zu reklamiren, die unſern Moden gege 3 worden ſind. Aber ſo aiſändig zein und erhaben ſteh⸗ ännliche Koſtüm auch nicht da. das echaſä ahern ſo zu Karl des Fünften und auch noch au Mallenſteins Zeiten Mode war, mag unge⸗ fähr ausgeſehen haben wie eine gereifelte Holzſcheibe, durch die der Kopf geſteckt worden iſt. Auch⸗ mag ſie nicht viel unpraktiſcher geweſen ſein als ſolche. Der ge⸗ tollte Buſenſtreifen oder Jabot hatte allerdings den praktiſchen Vortheil, als Schnupftabaksreſervoir zu dienen, denn liebevoll nahm er die Tabackkörner auf, welche beim Schnupfen der begierigen Naſe verloren gingen und ſonſt unrettbar auf dem Fußboden unter erbar⸗ mungsloſen Fußtritten umgekommen wären.

Der ſchwarzſeidene Strumpf war beſonders im Winter ein ganz angenehmes Kleidungsſtück, denn er er⸗ möglichte nicht nur, ſondern bedingte ſogar in den mei⸗ ſten Fällen eine wohlausſehende, ſchützende, erwärmende Wattur.

Seht ihr nun, ſchöne Frauen, daß unſere Moden ſtets auch ihre liebeswürdigen Seiten hatten? Ihr hal⸗ tet feſt an der Krinoline; ſollte das blos Vergeltung ſein, weil die Männer ſo feſt an ihren Moden halten? Ein Kleidungsſtück, wie es die Mode der Männer will, bleibt nicht nur Triennien, es bleibt Dezennien und darüber im Flor. Die Form erleidet hin und wieder Abwechſelungen und Aenderungen, das Ganze aber mit ſeiner eigenthümlichen Grundidee bleibt.

Man betrachte ſich den Frack. Welche verſchiedenen Stadien hat er ſeit einem halben Säkulum durchge⸗ macht; die Form aber mochte ſein wie ſie wollte, das Ganze blieb immer ein Frack, d. h. kein Rock, keine Jacke, ſondern ein Gemiſch von beiden, wobei der Erfinder mit ſeltenem Takte das, was an beiden Kleidungsſtücken un⸗ praktiſch war, zu verſchmelzen wußte in Ein Ganzes.

Erſt erſchien der Frack in einer Form, die heute un⸗ fehlbar ſelbſt den Antinous zur Vogelſcheuche machen müßte, wenn er ſich den Einſegnungsfrack ſeines Groß⸗ vaters anziehen wollte. Die Aermel waren möglichſt eng und konnten nur dann über die körperlichen Arme ge⸗ bracht werden, wenn krampfhaft der Daumen und die ſogenannte Maus in die innere Höhlung der Hand ge⸗ preßt wurden. Ob wir Epigonen nun ausgebildetere Armmuskeln oder nicht die Geſchicklichkeit unſerer Vor⸗ eltern haben, ich weiß es nicht, nur das wird mir un⸗ vergeßlich bleiben, daß ich mich einſt vergeblich bemühte, meines ehrenwerthen Großpapa's Hochzeitsfrack, behufs einer Maskerade, anzuziehen.

lätter für Ernſt und Humor.

Was die Aermel an Unvollkommenheit leiſteten, bemühte ſich wieder der Kragen auszugleichen. Unendlich hoch, unendlich ſteif, war er der natürliche Gegner dom aufrecht getragenen Häuptern. Auf dieſe Weiſe muß e der Kopf nach vorn ſinken und ſtets eine Lage annehmn die freien Männern nicht geziemt. Freilich aber, damals hatten wir in Deutſchland noch keine Verfaſſung! f

Vorn trug der Kragen ſtets ein zierlich wisgehnit tenes Dreieck zur Schau, wo unſere heutigen Rieldundie ſtücke nur einen einfachen Einſchnitt haben. Dus Huiiet diente ebenſo zur Zierde als zum Beweiſe der Kunſt

ertigkeit des Schneiders. 3 kinſalant Taille war kurz und mußte bei argolerchier Bauart des Fracks eine Handbreit unter dem dlerne. loch aufhören. Daran ſchloß ſich dann ein ſihwaltn. ſchwanzähnlicher unbad Aeaüciedehehen e

ſt den Kniekehlen r. deſiedeediuzdedan ſah de Stammvater des Geſchlechts er Fracke aus. Von Frack⸗Generation zu Frack⸗Genera⸗ Solree nun der Baumeiſter, deſſen Symbol Schere, tion legte, iſt die beſſernde Hand an das Erzeug⸗ Elle und Nadheen Schneiderphantaſie. 9 niß einer erhitztdblieb zwar enge, das war einmal ſchön

Der Aermel Vond trefflich anerkannt, der Kragen

und als praktiſch uͤlkt zedriger gemacht und mit ſteifem ward aber ein Wenig nra. der Seitenanſicht halbmond⸗ Zeuge ſo gefüllt, daß er in egef, welche zuerſt möglichſt förmig erſchien. Die Schöße in op jetzt in behaglicher ſpitz konſtruirt wurden, gefielen ſieguse Breite. tenſtie ſich die Kultur

Immer mehr und mehr verbeſſerit vten verfiel die des Fracks. Sogar auf verſchiedene Arto ur den Phan⸗ Phantaſie. Ich nenne von dieſen Arten näſozeht ſich jeg⸗ taſie⸗ und den Reitfrack. Der erſtere entzunbetändig den licher Erklärung, da ſeine Konſtruktion vollfn, durde, der Wünſchen des Beſtellers gemäß ausgeführt wohl emiſch. zweite jedoch graſſirte eine Zeit lang ſogar epidein zt des Sein charakteriſtiſches Merkmal war die Abweſenhale ung Ausſchnitts, die Schöße ſchloſſen ſich in ſanfter Rund en an die Taille an. Hin und wieder ſieht man dergleich er Fracke noch heutigen Tages, ja konſervative Gemüth werden nicht müde, zumal in ſchöner Sommerzeit, eie neues derartiges Exemplar ſich bauen zu laſſen, dan S das Genre nicht ausſterbe. e

Heute, wo die Mode überhaupt dem Grund m der Bequemlichkeit möglichſt huldigt, iſt der Krager Fracks ſchmal und hübſch, die Aermel ſind luftig t und nur unten am Gelenk eng, was ſeine gute pre⸗ Seite hat, die Taille iſt nach anatomiſchen Geſet fertigt und Ausſchnitt wie Schöße zeigen einen ne⸗ Mittelzuſtand. Freilich erreicht der Frack in Kleidſamkeit,? lichkeit und praktiſcher Anwendung den Rock lan und doch wird er bleiben, ſo lange die Welt von Vorurtheilen ſich nicht zu emancipiren vermag. Das ſchöne Rheinland revoltirt gewaltig den Frack, das übrige Deutſchland wird wohl er ten, ob der hohe Bundestag ein Geſetz betreffe Abſchaffung des privilegirten Ball⸗ und Feſtkleides

Nicht erſt an dieſem Orte, ſchon zu öfteren?