Heft 
(1861) 9 09
Seite
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Gͤ.

268 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Vaterlande, bis der Tod auf dem Schlachtfelde ihn heimruft oder eine armſelige Civil⸗Verſorgung ihn dürf⸗ tig im Alter erhält. Die meiſten Alpenknaben aber, die nur einige Mittel beſitzen, bleiben in ihren Bergen, und weichen in ihrer Lebensart nicht eine Linie breit von dem althergebrachten Wirthſchafts⸗Betriebe der Ureltern ab. Je nach ihren Fähigkeiten und den ortsüblichen Be⸗ ſchäftigungen widmen ſie ſich entweder der Viehzucht, lernen die Märkte und den Handel kennen, und ver⸗ ſuchen ſelbſt ihr Glück, oder ſie werden Flößer, Holz⸗ hacker, Wurzelgräber und im Sommer vielleicht Frem⸗ denführer. Nur wenige Gegenden gibt's, in denen, wie im Berner Oberlande, ein eigentlicher Fabrik⸗Erwerb und induſtrielle Thätigkeit Raum gewonnen haben.

Der Aelpler hängt in ſeinen Lebensbedürfniſſen weit weniger von fremder Hilfe und fremden Erzeug⸗ niſſen ab, als der Bauer des Flachlandes. Fleiſch, Milch, Käſe und Butter liefert ihm der Stall, rauhes, ſchwar⸗ zes Brod geben ihm die ſelbſt gebauten Körnerfrüchte, und ſeine Körperbekleidung webt er ſelbſt. Es gibt Fa⸗ milien in den Bergdörfern, die Monate lang nicht das kleinſte Geldſtück für ihren Lebensunterhalt zur Hand zu nehmen brauchen. Wirthshäuſer gibt's in gar vielen Alpenthälern nicht, und wo dennoch ſolche exiſtiren, da ſind es mehr Sprech⸗ als Zech⸗Häuſer. Da ſitzen z. B. die Bauern des vom Spoel durchfloſſenen Livinen⸗Thales oft Stunden lang im Wirthshauſe beiſammen, qualmen ihren(zu öſterreichiſcher Zeit ausſchließlich gebräuchlichen) Regie⸗Tabak, ohne einen Tropfen Wein oder Brannt⸗ wein zu verzehren; dabei aber ſchreien ſie ſo entſetzlich und disputiren beim Mora⸗Spiel ſo fieberhaft aufge⸗ regt, als ob ſie über und über berauſcht wären.

Es gibt eine große Menge von Alpendörfern, in denen die äußerſte Einſamkeit und das abſoluteſte Still⸗ leben ſich niedergelaſſen haben; wohl aber wenige wer⸗ den vom Rofnerhof am Oetzthaler Ferner in Tirol über⸗ troffen, wo einſt der vom Konzil zu Konſtanz geächtete Herzog von Oeſterreich, Friedrich mit der leeren Taſche, ein verborgenes Aſyl fand. Vier Brüder wirthſchaften dort miteinander und üben alle Handwerke gemeinſam aus, die ſie für ihren Lebensbedarf beanſpruchen müſſen; wie eine robinſonſche Kolonie, ſind ſie von allem Ver⸗ kehr ziemlich abgeſchloſſen, und der Winter in dieſer Hö⸗ henlage von mehr als 6000 Fuß über dem Meeres⸗ ſpiegel trennt ſie für faſt halbjährige Friſt von den näch⸗ ſten Nachbarn.

Bei aller dieſer Abgeſchiedenheit von der lärmen⸗ den, in Genüſſen ſich überſtürzenden Außenwelt geht's dennoch in manchen Alpengegenden, je nach des Volkes Temperament und Sitten, zu Zeiten ganz fröhlich und vergnüglich her. Der ſommerlichen ländlichen Feſte, der Alpen⸗Auffahrt, desGoh⸗Meſſe Tages, der Schwin⸗ geten und Alpſtubeten wurde ſchon ausführlicher ge⸗ dacht; aber damit begnügt ſich das Bergvölklein noch nicht. Auch wenn die Herden wohlbehalten und gemäſtet von den hohen Triften heimgekehrt ſind, feiert Alt und Jung die Wiederkunft der Hausgenoſſen; das iſt die Aelpler⸗Kilbi, die mit dem Kirchweihfeſt an manchen Orten zuſammenfällt. Da gehts denn ländlich, ſittlich

her. In manchen Thälern des Wallis bringen ſie den Decem dem Pfarrer in's Haus, beſtehend aus großen, fetten Käſen; Wohlehrwürden regalirt dagegen die Spender mit einem feſten, wohlbereiteten Mittagsmahl, bei dem es dann am Weine nicht fehlen darf. Im Kan⸗ ton Unterwalden zieht die ganze Sennenſchar mit Blu⸗ menſträußen überſchwänglich ausſtaffirt an einem Herbſt. ſonntage in die Kirche und nimmt daſelbſt die Ehren⸗ plätze des Tages auf den vorderſten Bänken ein. Nach⸗ dem das Standbild ihres Schutzpatrons, des heiligen Wendelinus, auf dem Altare ausgeſtellt iſt, hält der Ortsgeiſtliche eine Predigt zum Lobe des Hirtenſtandes, und der übrige Theil des Gottesdienſtes verläuft nach dem Ritual. Nun aber, wenn die Kirche zu Ende iſt, beginnt draußen vor den Thüren ein jubelvolles Leben. Die Muſiker ſchmettern ihre Fanfaren luſtig hinaus, hoch weht die Aelpler⸗Fahne, und der heilige Wendelinus wird in jauchzender Prozeſſion, begleitet vom Pfarrer, durch's Dorf getragen. Als Wildmann und Wildweib verkleidete Burſchen, ganz in grünes Tannenreis gehüllt, mit Bärten von der langen Rag⸗Flechte(Usnea bar- bata) treiben Tollheit über Tollheit, indeſſen kunſtgeübte Fahnenſchwenker ſich produciren. So geht der Zug zum Wirthshauſe, wo die Begeiſterung auf's Höchſte ſteigt und mit einem ſchönen Akt der Humanität in der Weiſe geſchloſſen wird, daß der Bratenmeiſter den Aermſten der Gemeinde den mit Blumen geſchmückten Kirchweih⸗ braten und eine große Kanne Wein zum Beſten gibt. Am andern Morgen dann, wenn Alle ausgeſchlafen ha⸗ ben, beginnt, nach abermaligem Gottesdienſt, der Tanz, der lärmend und tobend ſo lange fortgeſetzt wird, als ſich nur noch ein Bein regen kann. Noch toller trei⸗ ben's die Appenzeller auf ihrer Kilbene zu Urnäſch; dort geht es Tag und Nacht in Saus und Braus. Und was gilt dann als die größte Chre für ein Mädchen, das vom Kirchweihfeſte kommt? Was glaubt man wohl? Blitzblaue und blutig geſtoßene Elbogen! das iſt ein Zeichen, daß ſie brav Tänzer hatte, und keine Allemande auszulaſſen brauchte. Der Saal, in welchem getanzt wird, iſt für die Menſchenmenge nämlich ſo klein, daß bei dem ungeſtümen Drehen die entblößten Elbogen allenthalben anſtoßen, und daher die blutigen Sieges⸗ male. Im Graubündner Vorderrheinthal findet ein ſolches Tanzfeſt zur Faſtnachtszeit ſtatt, welches drei Tage und drei Nächte dauert; zu dieſem bringen die Tanzgäſte ſelbſt ihre Speiſen mit und entnehmen bei dem Wirthe blos den Wein. Die Luſt am Tanzen(das meiſt nur an wenigen Tagen im Jahre geſtattet wird) iſt ſo groß beim Alpenvolke, daß die wunderbarſten Er⸗ ſcheinungen dabei vorkommen. So iſts im Appenzeller Lande der Brauch, daß nach der ſ. g.Trägete, d. h., nachdem das Heu von den Vorbergen herunter in die tiefer liegenden Gaden getragen iſt, von dem Beſitzer den ledigen Burſchen, die ſich bei der Trägete betheilig⸗ ten, in einer Scheunen⸗Tenne ein Tanz mit einem ſehr frugalen Eſſen als Entſchädigung gegeben wird. Da drängt ſich denn Alles herzu, an dieſer Hilfeleiſtung ſich zu betheiligen, nur um einige Stunden ausgelaſſen tanzen zu können. 5

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