Heft 
(1861) 9 09
Seite
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266 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Der Alpenbauer, wie wir ihn bereits in einzelnen Umriſſen kennen lernten, iſt allenthalben, diesſeits und jenſeits des Gebirges, ein ungemein derber, höchſt pro⸗ ſaiſcher Menſch, der ſich beim erſten Anblick(vielleicht Tracht und Haltung ausgenommen) wenig vom Bauer des Flachlandes unterſcheiden würde, wenn hinter ſeiner Nüchternheit und in ſeiner Proſa nicht ein weit kernige⸗ res Naturell, eine gewiſſe urwüchſige Originalität, man möchte faſt ſagen ein klaſſiſcher Ernſt ſteckte. Er iſt bei Weitem nicht ſo dreſſirt und gehobelt wie ein großer Theil der agrikolen Bauern, die durch ihre fortwährende Beziehung zum Stadtleben viel von dieſem gelernt und aufgenommen haben; aber eben darum iſt er auch wahrer, urſprünglicher und trägt weniger fremdes Weſen in ſich als jener. Es iſt die Eigenthümlichkeit, die bei jedem Gebirgsvolke, gegenüber dem Flachlandsbewohner, heraustritt; das patriarchaliſche Moment, getragen und gehoben durch die kräftigere, präciſere Ausdrucksweiſe, die wiederum ein Reſultat der Einwirkungen jener impoſanten, oft fruchtbar⸗erhabenen Natur ſind. Sie ſtählt und kräftigt nicht nur den Körper, ſondern auch den Charakter des Volkes, das unbekannt mit den, im Sturme ſich häufenden, täglich neuen Bedürfniſſen der großen Welt, genügſam in ſeinen Lebens⸗Anſprüchen iſt, und in einer Altherkömmlichkeit der Sitten und Ge⸗ bräuche verharrt, die, eben ihrer uns fremd gewordenen Alterthümlichkeit halber, uns auffallen und anheimeln.

Dieſen ungekünſtelten, naturgemäßen Lebensfor⸗ men begegnen wir zunächſt und am Unmittelbarſten an dem uns fremden Habitus der Häuſer. Sie ſind ein integrirender Theil der uns entzückenden Landſchaft und beleben dieſelbe durch ihre, weit über die Matten zerſtreute Lage ungemein. Dennoch aber würden ſie den maleriſchen, poetiſchen Effekt nicht erreichen, wenn wir an ihnen nur eben wieder den uns bekannten, geraden Linien, den äußerlichen Merkmalen der modernen Tief⸗ lands⸗Architektur, und den nüchternen, weißen Anſtrichs⸗ farben begegneten. Die Wohnungen in den Alpendör⸗ fern ſehen nicht aus wie Kunſtgebilde von Menſchen⸗ hand, ſie ſcheinen mit den Bergen und Bäumen aus der Erde gewachſen zu ſein. Da iſt noch die ſaftige, weiche, braune Holzfarbe, wie ſie die Natur den Stäm⸗ men ſelbſt verlieh, da ſind die ſilberglänzenden Schin⸗ deldächer, auf denen ſchwere bemooſte Steine laſten, die trotzenden Hüter gegen den wilden Föhn. Breit und niedrig ſteht es da das Berghaus, als ob's vom jahre⸗ langen Druck der Steine und des Schnees halb in den Boden verſenkt wäre; aber gerade dieſe behäbige, la⸗ gernde Breite gibt ihm eine unendlich wohlthätige Ruhe, die der erhabenen Einfalt und Stille der Alpenwelt ent⸗ ſpricht. So vortheilhaft nun dieſe Häuſer in der land⸗ ſchaftlichen Kompoſition wirken, ſo wenig würde deren innere Verfaſſung und Einrichtung den Beſucher befrie⸗ digen. Die mehr oder minder allen Hirten⸗Völkern eigene geringe Sorgfalt für die Reinlichkeit ihrer Woh⸗ nungen zerſtört jede idylliſche Illuſion. Ueber alle Begriffe einfach iſt der Hausrath; ein großer Theil des⸗ ſelben iſt Produkt eigener Handfertigkeit, und es gibt noch manches Dorf der inneren Alpen, in denen das

eiſerne Thürſchloß noch keine Aufnahme und Anwen⸗ dung gefunden hat, und der brennende Kienſpan die Stelle des Talglichtes oder der Oellampe vertreten muß. Dem Rauch vom Herd und Ofen iſt kein Kaminweg angewieſen, durch den er ſeinen Ausgang ſuchen muß; in vielen Berghäuſern geht die Schornſteinleitung bis in den Bodenraum, und dort dampft es dann durch alle Lucken und Spalten des Daches hinaus. Menſchen und Vieh leben und gedeihen gemeinſam im gleichen Hauſe; die Stallungen nehmen meiſt einen weſentlichen Theil desſelben ein und ſchützen durch ihre natürliche Wärme im ſtrengen Winter gegen die ſcharfe Kälte. Betritt man dann des Alpendorfes Kirchlein, ſo iſtss auch hier wieder, als ob man einen Rieſenſchritt zurück in's graue Mittelalter machte. Die meiſten ſind im Bau Urtypen der Einfachheit und verrathen kaum, aus welcher Zeit ſie ſtammen, welchem Styl ſie angehö⸗ ren. Das Innere hat einſt die fromme Einfalt mit allerlei Zierathen oder die Hand eines wandernden Maler⸗Dilettanten mit Bildwerk aus dem Leben des Orts⸗Patrons oder anderen Heiligen⸗Legenden ge⸗ ſchmückt, in denen gewöhnlich der Teufel mit Hörnern und Pferdefuß eine hauptſächliche Rolle ſpielt; da iſt's denn nicht ſelten der Fall, daß die liebe Dorfjugend an dieſen hölliſchen Mißgeſtalten ihren Zorn ausgelaſſen und den Herrn Satan im heiligen Glaubenseifer ganz zerkratzt hat. Oder man findet plötzlich, zu ſeiner größten Ueberraſchung, ein neues, von tüchtigem Künſtler ge⸗ maltes Altarblatt und hört bei weiterer Nachfrage, daß ein Münchener oder Düſſeldorfer Maler, der einen gan⸗ zen Sommer lang im Wirthshäusle des Dorfes logirt, dies Bild gemalt und dem Kirchlein geſchenkt habe. Indeſſen gibt's auch Alpendörfer, ganz verſteckt, zu hin⸗ terſt im Thal, die Gotteshäuſer haben, groß, edel im Styl, ſogar prunkvoll in der Ausführung, mit Marmor⸗ ſäulen und trefflichen Bildſchnitzereien, Kirchen, die jene mancher ehemaligen Reichsſtadt weit übertreffen. Entweder ſteht oder ſtand ein Kloſter dort, welches aus ſeinem wohlgeſpickten Säckel und unter Beihilfe der dienſteigenen Thalleute den überraſchend ſchönen Bau herſtellte, oder es lebte einſt in dieſem von der Welt abgeſchiedenen Alpenwinkel ein Mann, der ſeine Nach⸗ barn zu ſolch' großem Werk zu entflammen wußte, daß Alle Hand anlegten, bis das Gebäude vollendet daſtand. Die Herrſchaft der äußerſten Gegenſätze, die in den Alpen allenthalben zu Tage tritt, zeigt ſich auch hier. Und nun das Leben ſelbſt in dieſen Dörfern, in dieſen großen Einſiedeleien Central⸗Europas, wie tritt auch hier uns wieder ſo viel Uranfänglich⸗Einfaches entgegen! Ohne Beiſtand der Wehmutter, ohne ärzt⸗ liche Hilfe, treten die meiſten Alpenbewohner in den Kreis ihrer Familie ein. Die erſte Pflege, welche ihnen wird, ſteht nicht ſelten weit unter jener, mit der die wilde Bärenmutter ihre Jungen inſtinktiv verſorgt und hegt und ſchützt. Nicht wenig Gegenden im Alpenlande ſind's, deren Bewohner den Kinderſegen als eine große materielle Laſt betrachten; denn iſt's die Armuth allein, welche die wandernde Savoyarden⸗Jugend in die ferne, fremde Welt, ohne Schutz, ohne Anhalt, ohne Mittel