Dorfleben in den Alpen.
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einzige Sorge. Gott gebe, mein liebes, theures Kind, daß das Band nicht zerriſſen werde; ich bin zu Allem bereit, was mein Gewiſſen erlaubt. Aber, wie groß Deine Liebe zu Louiſe auch ſein mag, Du wirſt zuge⸗ ben, daß ich mit meiner Einwilligung ein großes, ſchwe⸗ res Opfer zu bringen habe. Nicht wahr? Ich rede nicht von den gänzlich außer Acht gelaſſenen Vermögensver⸗ hältniſſen Louiſens; nicht von meiner in ihren Er⸗ wartungen getäuſchten Mutterliebe; ich rede nur von der Verſchiedenheit der Anſchauungs⸗ und Gefühlsweiſe, die nothwendig mit der ſocialen Differenz verbunden iſt. Wird es möglich ſein, zwiſchen mir und Louiſe irgend eine Gleichheit der Ideen, Meinungen, Anſchau⸗ ungen zu ſchaffen? Ach, Renél ich hatte geglaubt, Du würdeſt Vertrauen und Liebe zu mir genug haben, um nur von meiner Hand Deine Gattin zu nehmen. Und Du ſelbſt, mein Theurer, bedenke, wie ſehr ihre Erzie⸗
hung von der Deinigen abſticht. Alle dieſe Umſtände
beunruhigen mich ſehr; aber eins verſetzt mich in tiefe Trauer: Iſt es denkbar, René, daß ein Mädchen, das mehrere Jahre eine Nomadenexiſtenz friſtete, in der Welt heute hier, morgen dort auftauchte, die Reinheit einer Gattin, wie ſie Deines Herzens würdig iſt, mit⸗ bringe?“
„Mutter! Mutter!“ rief René mit Entrüſtung, „in dieſem Punkte leide ich keine Zweifel, keinen Verdacht.“
„Ich ſpreche nicht von ihrer Tugend,“ erwiederte die Gräfin;„aber kannſt Du wiſſen, daß ſie noch die liebenswürdige Unſchuld eines Kindes beſitzt, das noch nicht von der Seite der Mutter wich?“
„Ich glaube an ihre Unſchuld und Reinheit mehr als an die irgend einer andern Frau. Woher Ihre Zweifel ſtammen, weiß ich, auch, was ſie beſagen wollen. Mutter! Sie wollen, ich ſoll Madame von Saucour heiraten? Tröſten Sie ſich, das wird nicht geſchehen. Haben Sie mir alſo weiter nichts mehr zu ſagen?“
Hierauf machte die Gräfin den Vorſchlag, zu dem Lucia gerathen, Rens ſolle ſeine Liebe auf die Probe einer einjährigen Abweſenheit ſtellen; beſtehe ſie dieſe Probe, ſo möge er Louiſe heiraten.
„Ich habe Louiſe mein Wort gegeben,“ ent⸗ gegnete er,„ich kann ohne ſie hierüber nichts entſchei⸗
den; von ihr hängt die Entſcheidung ab.“
Sofort ſetzte er Louiſe mit gewohnter Offenheit von der Unterhaltung, die er eben mit ſeiner Mutter
gehabt, in Kenntniß.
„Befragen Sie nur Ihr eigenes Herz,“ ſagte er zu ihr;„ſeine Entſcheidung hat Geltung.“ Louiſe fühlte bei dieſer Mittheilung den unge⸗
8 heuren Schmerz, den ein tödtlicher Schlag verurſacht,
ohne auf der Stelle zu tödten. Nichtsdeſtoweniger war ihre Entſcheidung raſch; denn ihr Vertrauen zu René richtete ſie bald wieder auf, und dieſes wollte ſie nicht trüben. Sie erklärte, gegen den Wunſch der Gräfin nicht
das Geringſte einzuwenden zu haben. Dabei wies ſie entſchieden Ren és Plan, das Land zu verlaſſen, zurück;
ſie wollte nicht, daß er ſich von ſeiner Mutter und ſeinen gewohnten Beſchäftigungen trenne und eine große Reiſe unternehme, für die er überhaupt nie ſehr ſchwärmte. Erinnerungen. LXXXII. 1861.
„Das wäre ein unnützes Opfer,“ ſagte ſie;„denn ich weiß ſicher, daß mein Onkel mich nicht noch ein wei⸗ teres Jahr bei ſich behalten wird. Bleiben Sie alſo hier, René, wo wir uns geliebt; ich werde mich dann von Ihnen das Jahr trennen, aber Sie nicht von mir. Ich werde glauben, daß Sie mir um ſo ſicherer angehören, wenn Sie mich im Geiſte immer da ſehen, wo ſie mich in Wirklichkeit immer ſo gern ſahen. Sie werden hier unſer Paradies bewachen, mein innigſt Geliebter, und ich werde nie aufhören, in Gedanken in Ihrer Nähe, an Ihrer Seite zu leben.“
Hier erſtickten Thränen Louiſens Stimme. René, der in ihrer Entſchloſſenheit nur Verzweiflung erblickte, eilte darauf zu ſeiner Mutter und theilte ihr Louiſens Vorſchlag mit, ſprach aber auch zugleich zitternd die Befürchtung aus, es könne dieſer Zwiſchen⸗ fall ſeiner Geliebten leicht das Leben koſten. Allein es zeigte ſich bald, daß er ſich geirrt. Sie war und blieb gefaßt und änderte nichts an ihrem Entſchluſſe.
„Ich muß mir die Liebe Ihrer Mutter erwerben,“ ſagte ſie zu René,„oder Ihnen beweiſen, daß keine Liebe der meinigen an Selbſtverläugnung und Uneigen⸗ nützigkeit gleich kommt. Wir werden ihr ganz ange⸗ hören, wenn ſie uns ſegnet; wir werden ganz einer dem andern angehören, wenn ſie mir ihr Herz ver⸗ ſchließt.“
(Schluß folgt.) 5
Dorfleben in den Alpen*)
(Hiezu die Bilderbeilage:„Das Begräbniß“.)
ſo wie mit der geträumten Poeſie des Sennen⸗ Peebens auf den Alpen; man denkt ſich dasſelbe
Woin gewiſſen Beziehungen viel ideal romanti⸗ —= ſcher, als es in Wirklichkeit iſt. Der ſchwär⸗ 5 mende Beſucher aus dem Flachlande, dem alle Reiſe⸗Annehmlichkeiten zu Gebote ſtehen, nimmt nur den wonnigen, berauſchenden Eindruck der ſommerlichen, duftblauen Morgenlandſchaft in ihrer Totalität, oder den beſeligenden Abendfrieden mit ſeinen wunderheim⸗ lichen Staffagen aus dem Alpenthale hinweg, und über⸗ trägt dieſe Sättigung ſeiner Gefühls⸗Bedürfniſſe nun auf das Dorf, in welchem er weilte, auf ſeine Bewohner und deren erwerbliche und geſellige Zuſtände, ohne die⸗ ſelben in ihren inneren Verhältniſſen und Beziehungen⸗ eigentlich kennen gelernt zu haben; er konſtruirt ſich unter Zuhilfenahme des Vorhandenen ein ideales Alpen⸗ dorf aus den Phantaſien, welche in glücklichen Stunden ihn umranken, und ſchafft dadurch ein Ding, welches in Wirklichkeit nicht exiſtirt.
M it dem Dorfleben im Gebirge geht's faſt eben
*) Aus den„Alpen in Natur und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble.
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