262 Crinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Crnſt und Humor. 6
nicht beſitzen werden, und das ein anderes ſein muß, thigkeit, der Korpsgeiſt, der unter Damen herrſcht, die
als die Schönheit eines Weibes, die ſich von tauſend Anderen wenig unterſcheidet.“ „Ich bin gekommen, Rache zu nehmen.“
Mit dieſen Worten zog ſich Dornet zurück. Nach
einer kalten Verbeugung trennten ſich Beide als Gegner, die in Betreff des Kampfes ſich geeinigt.
Als Dornet fort war, blieb Louiſe ruhig; vielleicht war es nur die Reſignation der Verzweiflung; aber auf einem gewiſſen Punkte angekommen, erkennt die Seele ſich ſelbſt nicht mehr wieder; ſie überſteht mit einem Male, ohne es zu wiſſen, welcher Sturm ſie im jene hohen Regionen trug, wo die Wirklichkeit ſchwindet und nur die Idee, das Gefühl herrſcht.
Dornet erreichte, während er ſich auf dem Wege immer wieder die Frage aufwarf:„Warum will miche denn Louiſe nicht, was hat denn ein René vor mir voraus!“ die Wohnung ſeiner Schweſter. Was wollte er nun thun? Wollte er Louiſe wieklich in den Augen Ren verächtlich machen, oder hatte er es nur ſo an⸗ gedroht, um von ihr bittweiſe um ſeine Vermittelung angegangen zu werden? Er wußte es ſelber nicht recht. Er war ein gefährliches Genie, aber vorher zu überlegen
war ihm fremd; er ließ Alles auf die Stimmung im
letzten Augenblick ankommen. Er hatte in ſeinem Leben mehr als eine grauſame That vollbracht; Verunglim⸗ pfung und böswillige Verleumdung waren von jeher die ſchrecklichen Waffen geweſen, deren er ſich mit diabo⸗ liſcher Geſchicklichkeit bediente; aber weil er ſeine aus⸗ erſehenen Opfer nicht kaltblütig hinſchlachtete, weil es immer der Zorn, der Haß und dergleichen war, der ſeine Streiche führte, ſo hielt er ſich ſtets für unverantwortlich, für unſchuldig. Die Schuld legte er denſenigen bei, die ihn in jene Stimmung ſetzten; er hielt ſich in ſeiner Eigenliebe gleich für verleßzt und glaubte darum immer einen Akt der Nothwehr, nicht aber ein Unrecht oder gar ein Verbrechen zu begehen. Ja noch mehr, er glaubte ſogar und wollte es auch Andere glauben machen, daß in Wahrheit nur er das bedauernswürdige Opfer war. Er wußte ſogar Thränen zu finden für die, welche er vernichtete.
Obgleich Lucla ihren Bruder in dieſer Bezie⸗ hung nur zu gut kannte, überraſchte ſie doch die Erbitte⸗ rung, die ſie an ihm bemerkte. Und doch beruhigte ſie ſich ſehr bald; denn daß ſich der Bruder ein Leid an⸗ thun würde, das wußte ſie, werde er in keinem Falle thun; in dem Punkte kannte ſie ihn auch. Nichtsdeſto⸗ weniger verhehlte ſie ſich nicht, daß die Leidenſchaftlich⸗ keit, mit welcher Moriz auf die Aaflöſung des Ver⸗ hältniſſes Louiſens zu René hinarbeitete, zu großen Unannehmlichkeiten nach allen Seiten führen müſſe.
Während ſich nun Lucia ſichtliche Mühe gab, ihren Bruder zu beruhigen, kam die Gräfin an. Sier hatte es vor Ungeduld nicht länger aushalten können; es wurde ihr gar zu lang, auf Dornets Beſuch und ſeine Mittheilungen zu warten. Hätte Lucla bis dahin noch Bedenken getragen, Louiſens Zukunft und Glück zu untergrahen, ſo wären dieſe ſicher durch die Ankunft von Ren Mutter verſcheucht worden. Die Einmü⸗
Forderungen der feinen Etiquette, machten, daß ſie um
jeden Preis derjenigen ſich gefällig zeigen mußte, die ſte zun Hilfe und Rath anging. Sie zog ſie daher ſtill zur Seite, bevor ſie ſie zu ihrem Bruder führte.
„Ach! meine Theuerſte,“ rief ſie aus,„was habe ich gethan, indem ich mich an meinen Bruder wendete? In welche Verlegenheit habe ich mich dadurch geſtürzt? Wiſſen Sie, was ich entdeckt habe? Er war in jenes Fräulein Louiſe verliebt; ſie hat ihm, ſcheints, durch ihre Leichtfertigkeit vielen Kummer bereitet; aber er iſt ſtets bereit, ihr zu verzeihen, ja ſie zur Gattin zu neh⸗ men; ich fürchte aber, wir werden bei ihr nichts aus⸗ richten.“
„Sie hat ihm Kummer verurſacht, ſagen Sie? Wodurch?“
„Ich weiß es nicht; mein Bruder ſpricht mit mir von dem Abenteuer immer nur in halben, unverſtänd⸗ lichen Worten; ich fürchte ihn zu beleidigen, wenn ich ihn um nähere Auskunft frage. Sie könnten das eher wagen; ich bitte Sie, ſprechen Sie mit ihm, berufen Sie ſich auf ihre Mutterpflichten; er wird Ihnen gewiß nä⸗ here Aufklärung geben.“
Nach dieſer kurzen Unterhaltung, die im Garten⸗ geführt wurde, traten beide Damen in das Zimmer, in welchem Moriz war. Lucia wendete ſich dann an ihren Bruder mit den Worten:
„Du weißt, was Madame von Bourgueville von Dir erwartet ziich hoffe, Du wirſt das ehrende Ver⸗ trauen, welches ſit uns ſchenkt, durch rückhaltloſe Auf⸗ klärung rechtfertigen.”
Moriz grüßte mehr als kalt; ſeine Stirn legte ſich in tiefe Falten, ſeine Geſichtszüge verriethen Be⸗ ſorgniß und Angſt.
„Ja, mein Herr,“ begann Madame von Bour⸗ gueville;„ich habe geglaubt, Sie würden die Be⸗ kümmerniſſe einer Mutter um die Zukunft ihres einzigen Sohnes begreifen. Ich glaube darum mit Recht verlan⸗ gen zu können, daß Sie mir jetzt über Louiſe die ge⸗ naueſten und ausführlichſten Aufklärungen geben.“
„Fräulein Louiſe iſt ein liebenswürdiges Mäd⸗ chen,“ erwiederte Moriz kurz und ungeduldig.„Ihre
Schoͤnheit, ihren Geiſt, ihr Talent kennen Sie; darüber
brauche ich Ihnen nichts weiter zu ſagen. Ihr Charakter iſt untadelhaft.“
„Sie machen mich durch dieſe Ihre Mittheilung ſehr glücklich, mein Herr,“ ſagte Madame von Bour⸗ gueville;„aber in der Frauenmoral gibt's noch einen weſentlichen Punkt, über den Sie nichts geſagt haben.“
„In einem ſo delikaten Punkte dürfen Sie ſich nicht an einen Mann wenden. Den öſſentlichen Anklä⸗ ger bezüglich der Frauen zu ſpielen, kömmt uns nicht zu; was mich ſpeciell betrifft, ſo würde ich nicht einen Augenblick anſtehen, Fräulein Louiſe gegen alle ver⸗ leumderiſchen Angriffe zu vertheidigen; ich würde Nie⸗ mandem das Recht zuerkennen, gegen ſie etwas zu ſa⸗ gen, außer mir.“
„Sie alſo haben doch etwas gegen ſie zu ſagen,


