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260 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
wünſchte ſie jetzt. Sie glaubte eine ſolche durch die Ver⸗ mittelung des Doktor Renoult am eheſten erzielen zu können; aber dazu war keine Zeit.
An demſelben Tage erneuerte Moriz ſeinen Be⸗ ſuch vom vorigen Abend. Veronika war noch nicht vom Markte heimgekehrt, Herr Meunier war abwe⸗ ſend, nur Louiſe war zu Hauſe; als die Hausklingel ertönte, überlief ſie ein ſo kalter Schauer, wie dies bei einem Angeklagten zu geſchehen pflegt, wenn ſeine Rich⸗ ter nach einem Glockenzeichen ſich anſchicken, das Urtheil zu ſprechen. Anfangs zweifelte ſie einen Augenblick, ob ſie die Thür öffnen ſollte; zuletzt aber faßte ſie ein Herz, öffnete und herein trat der, den ſie als ihren Feind fürchtete.
Hätte Louiſe nicht ein ſo ungünſtiges Vorurtheil über Moriz gehabt, ſo würde ſie ſich über ſeinen Be⸗ ſuch beim Anblick ſeiner höchſt reſpektvollen und cere⸗ moniöſen Erſcheinung alsbald beruhigt haben. Sie er⸗ ſuchte ihn aber einfach, Platz zu nehmen, und ſprach kein Wort. Sie ſchien gar nicht gewillt, dem unerwar⸗ teten Beſuche gegenüber ſich galant zu zeigen. So mußte denn ſchließlich er das Wort ergreifen.
„Ich würde nur auf einen kalten Empfang Ihrer Seits gerechnet haben, wenn ich nicht in einer für Sie höchſt angenehmen Angelegenheit käme. Zunächſt komme ich, Ihnen meine Aufwartung zu machen; Ihre Stel⸗ lung zu meiner Schweſter, der Madame von Sau⸗ cour, gibt mir dazu das Recht, von unſerer alten Be⸗ kanntſchaft will ich ſchweigen; und dann,“ fügte er hinzu,„komme ich, Ihnen zu gratuliren zu Ihrer be⸗ vorſtehenden Vermälung. Sie werden Herrn René von Bourgueville heiraten, hat man mir geſagt.“
Louiſe ſagte ein kaum vernehmbares„Ja“.
„Das iſt ein trefflicher junger Mann,“ ſagte Moriz in einem Tone, der die arme Louiſe kalt überlief;„da werden Sie ein ſchönes Vermögen haben — ein ſchönes Beſitzthum ꝛc. Liebt er Sie wirklich ſehr, dieſer René?“
„Zweifeln Sie daran?“ ſagte Louiſe, die die impertinente Frage offenbar beleidigte;„gibt's einen beſſeren Beweis, als wenn er, ein ſo reicher Mann, ein Mädchen ohne alles und jedes Vermögen wie mich heiratet?!“
„Ach! Sie mißverſtehen mich; nicht daraus, daß er Sie ohne Vermögen heiratet, ſchließe ich auf ſeine Liebe; das Opfer hätten auch Andere noch gern ge⸗ bracht; Sie ſind ſo liebenswürdig und ſo talentvoll, daß Sie ſtets in weiblichen Kreiſen glänzen müſſen; aber—“
„Hören Sie auf,“ ſagte Louiſe.
„Warum denn?“ erwiederte er;„ſind Sie über⸗ raſcht oder erſchreckt ob meiner Rede?“
„Keines von Beiden; es iſt die reine Neugierde,“ ſagte ſie; aber ſchon der Ton, in dem ſie es ſagte, ſtrafte ſie Lügen.
„Ja, René muß Sie in der That ſehr lieben, ſonſt würde er nicht bei allen Schikanen und Verleumdungen, die gegen ihn auftauchten, Ihnen treu geblieben ſein. Vielleicht kennt er aber auch nur das Geſchehene nach
Ihren Angaben, das heißt, der Wahrheit gemäß, und nicht mit den Entſtellungen und Lügen, die über uns Beide in der Welt kurſiren.“
„Ueber uns Beide?“ rief Louiſe laut;„wie kann die Welt über uns Beide ſich ein Urtheil erlauben. Wie kann ſie dazu ſich berechtigt glauben in Folge eines kurzen freundſchaftlichen Verhältniſſes zwiſchen uns, das bald ſo entſchieden gebrochen wurde. Das iſt und kann nur Verleumdung ſein!“
Moriz erwiederte mit erheuchelter Ruhe:
„Können Sie es läugnen, daß wir zuſammen ge⸗ reiſt ſind in einem téte-à-téte von ſechsunddreißig Stunden, während zweier Tage und einer Nacht, und zwar nicht etwa zufällig, ſondern in Folge förmlicher Verabredung? Man hat uns geſehen, nicht wahr? Iſt das alſo Verleumdung? Wenn nun die Leute allerlei darüber reden, ſo ſind Sie hauptſächlich daran Schuld, weil Sie mich plötzlich verließen und wie eine reu⸗ müthige Sünderin in einem Kloſter eine Zuflucht ſuchten.“
„Wie, ein Schritt, der für meine Unſchuld ſpricht, ſollte gegen dieſelbe ausgebeutet werden können? Wenn das die Folge Ihres mir angebotenen Schutzes iſt, dann haben Sie meine Unerfahrenheit ſehr grauſam miß⸗ braucht.“ 8
„Nur ſich ſelbſt können Sie anklagen; nicht da⸗ durch, daß Sie mir Vertrauen ſchenkten, ſondern nur dadurch, daß Sie es nicht thaten, haben Sie uns Beide entehrt. Ja, entehrt, denn Sie haben mich in den Ver⸗ dacht unlauterer Abſichten und ſich ſelbſt in den der Schamloſigkeit oder wenigſtens der Inkonſequenz ge⸗ bracht. Wären Sie, wie ich wollte, mit mir weiter nach Paris gereiſt, ſo wäre Alles gut geweſen; Niemand würde es aufgefallen ſein, mich an Ihrer Seite zu ſehen, und eine paſſende Placirung, wie ich ſie Ihnen bald verſchafft haben würde, hätte die Lauterkeit meiner Ge⸗ ſinnung und Ihre Unſchuld inss klarſte Licht geſetzt. Nun Sie es vorgezogen, hier in die Provinz zurückzukehren, iſt die Sache von ſelbſt in aller Leute Munde, und man fragt ſich allerwärts, wer bei der höchſt unangenehmen Geſchichte das Opfer des andern geweſen. Mich ſelbſt hat man gefragt; was ſollte ich ſagen?“
„Die Wahrheit,“ antwortete Louiſe;„ſie läu- tert Alles!“
„Das Weib, welches ſeine Fehler läugnet, findet nie Glauben.“
„So bin ich verloren!“ ſagte Louiſe;„man kann mich bei René anklagen und ihn zwingen, ſich meiner zu ſchämen; auf ſein Glück zu verzichten! So möge er denn eine reine Erinnerung an ſeine Geliebte behalten; nie werde ich ſeine Gattin ſein! Aber vielleicht nehmen Sie nur Rache,“ fuhr ſie fort;„vielleicht wollen Sie mich nur in Schrecken ſetzen! Jal ich will, daß Rens ſelbſt mein Richter ſei; ich werde ihm Alles er⸗ zählen; dann ſoll er mich entweder freiſprechen oder verdammen.“
„Und ſeine Mutter, werden Sie auch die befra⸗ gen? Das wäre jedenfalls ſehr gerathen. Das Urtheil einer Frau von ihrer Erfahrung iſt viel werth, um ſo


