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Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
186 Crinnerungen.
den kriegenden Edelmann und den arbeitenden Fröh⸗ ner gab, fiel Alles, was in der Mitte liegt, Handel und Wandel, Induſtrie und Geldgeſchäft,— wohl
auch Intelligenz und Geſchäftsſinn in ihren Bereich. Durchaus der Regierung zugethan, aber doch zu furcht⸗ ſam zu einer poſitiven Handlung, wußten ſie doch den Maßregeln der Regierung durch ihren Einfluß viel Vorſchub zu leiſten und jenen der Verſchworenen zu hemmen. Das Judenthum in Galizien iſt eine mächtige Potenz,— es iſt durchaus konſervativ, und hat das Bewußtſein, daß die ſogenannte Juden⸗Emancipation, wenn ſie mit allen ihren Folgen durchginge, die Macht des iſraelitiſchen Princips in Galizien durch innere Auf⸗ löſung mehr ſchwächen, als eine Verbeſſerung herbei⸗ führen würde.
Es wurde in meinem Beiſein ein Veaihtweceß angehalten und von den Grenziägern viſitirt, die eröffneten Fäſſer zeigten ſchöne Orangen in Schichten gepackt. Schon war man Willens die Fäſſer wieder zu ſchließen, als ein dabei ſtehender Iſraelit kläglich wim⸗ merte:„Haben Se den Kern nit geſehen,— der macht Geimen(Schmerzen)!“ Dadurch dufneitian gemacht, unterſuchte man genauer, und— ſiehe da— unter den Orangen funkelten bald die geſchliffenen Senſen⸗ klingen heraus.
In Krakau fand ich lebhaftes Truppengewimmel. Der Tſcherkeſſe und Koſak, der preußiſche Uhlane oder Landwehrmann, der öſterreichiſche Reiter und Muske⸗ tier wanderten wieder, was ſeit dreißig Jahren nicht geſchehen, neben einander, und ihre Poſten löſten ſich mit derſelben Parole ab. Ob es von den Polen klug war, ſich zum Magnet zu machen, der die Lanzenſpitze des ruſſiſchen Koſaken, das preußiſche Bajonnet und den öſterreichiſchen Pallaſch wieder in einen gemein⸗ ſamen Eiſenring ſchmiedet, laſſe ich Sie ſelbſt beur⸗ theilen.
Krakau ſprach mich wehmüthig an. Der Eindruck, welchen ich empfand, war jenem ähnlich, der mich in Venedig befängt. Hier und dort ſtehe ich an Rieſen⸗ gräbern der Zeit. Auch Krakau iſt eine Königswiege und ein Heldenſarg,— ja! der Sarg eines ganzen
Volkes! Ich begreife den wehmüthigen Blick des Vene⸗
tianers, der vom Palazzo Mocenigo und von der Piazza St. Marco hinausſtreift auf die Lagunen!— ich verſtehe das geſenkte Haupt des Polen in der Gruft, wo Sobieski's, Kosciusko's und Poniatowski's Helden⸗ aſche ruht!— Jedes Volk, wie jeder einzelne Menſch denkt dabei an die geheiligte Aſche der Vergangenheit, die er ſelbſt begraben hat!— Aber eben deßhalb muß man von den Gräbern wieder hinaufblicken in das grünende, wogende Leben, und ſeine Thatkraft nicht an Mauſoleen und in Nekropolen verdorren laſſen.
Ich ſtieg auf das Krakauer Schloß, einige ver⸗ palliſadirte Tambours und die auf die Stadt gerich⸗ teten Geſchütze machten die alte Jagellonen⸗Burg zu einem Zwing⸗Krakau. Dies iſt die Sühne für unſere, im Krakauer Freigebiete hinterliſtig überfallenen und meuchleriſch gemordeten Soldaten und den tapfern Lieutenant Begg von Kaiſer⸗Cheveauxlegers, der nach
heldenmüthiger Gegenwehr von dem Blei der Mörder fiel.— Sein Kamerad, Lieutenant Berndt, gleichfalls meuchleriſch überfallen, hatte noch Zeit ſein Roß zu be⸗ ſteigen, und nachdem er mit Piſtolen und Säbel ſechs ſeiner Angreifer erlegt hatte, gelang es ihm, trotz eines Schuſſes durch den Unterleib— mehrere Kugeln hatten Mantel, Sattel und Helm durchlöchert— ſich durchzu⸗ hauen, den langen Ritt bis Krakau— etwa drei deutſche Meilen, trotz ſeiner zahlreichen Verfolger, glücklich zu⸗ rückzulegen, und als er von den Letztern beinahe ſchon umringt, den vorgezogenen Schlagbaum am Krakauer Thore erreicht hatte, durch einen kühnen Sprung den⸗ elben zu überſetzen, und auf dem Platze ſich der aufge⸗ ſtellten Infanterie anzuſchließen, wo er aber, durch An⸗ ſtrengung und Blutverluſt erſchöpft, vom Pferde ſank.
Vom Krakauer Schloſſe bot ſich eine weite Aus⸗ ſicht dar. Mein Blick folgte dem krummen trägen Laufe der Weichſel, die zwiſchen ſchlammigen Ufern nach dem Norden ſich wälzt. Gegen Südoſt ſtiegen über die Kar⸗ pathen dichte Nebel auf, und im Weſten war die Sonne längſt hinabgeſtiegen am trüben Horizont, und kaum ein fahler röthlicher Schimmer bezeichnete, daß ſie da⸗ geweſen!
Da blickte mein Auge zu den Sternen, die eben heraufſtiegen und durch die Nebel blinkten.
Und ich erkannte, daß nur der, welcher aufrichtig emporſchaut, aus all dieſem Schlamm, Moder und Nebel nach dem ewigen Himmel, dort Beruhigung und die Löſung jener Probleme findet, welche ohne dieſe Beleuchtung in der Geſchichte der Völker ſowie in jener der einzelnen Menſchen für Verſtand und Herz ſtets ein dunkles unauflösbares Räthſel bleiben würden.“
(Eur.)
Der Kamin im Juſtizpalaſt zu Brügge.
ie alte Stadt Brügge bewahrt eins der ſchönſten —PDenkmäler der Holzſchnitzerei, und zwar iſt dies ein Kamin, der ſich in dem ſeit 1722 zum Juſtiz⸗ palaſte umgewandelten Schloſſe der Grafen von Flandern befindet. Man muß die Mannigfaltig⸗ 88 keit und den Reichthum dieſes außerordentlichen Werkes ſelbſt ſehen, um ſich eine richtige Vorſtellung machen zu können, welcher Vollendung die Kunſt der Holzſchnitzerei überhaupt fähig iſt. Der Kamin hat einen Flächenraum von hundert Quadratellen. Statuen in Lebensgröße, einige von koloſſalen Verhältniſſen; Karha⸗ tiden, Medaillons, Säulen, Ornamente, Kranzleiſten und Wappenſchilder ſind ſämmtlich aus Eichenholz ge⸗ ſchnitten und nur die vier Basreliefs, we lche die Ge⸗ ſchichte der Suſanna darſtellen, beſtehen aus weißen Marmor. Das Kunſtwerk wurde im Jahre 1529 z Ehren Kaiſer Karls des Fünften errichtet, deſſen Stati auch den Mittelpunkt des Kamines einnimmt. Zu ſein Linken erblickt man Karl den Kühnen, Herzog ve Burgund, und Margaretha von Jork, deſſen Gemali
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