184 Erinnerungen.
keit darauf verwendet hätten, wenigſtens bis zu einem gewiſſen Grade, eine Kataſtrophe, wie die ſtattgefundene, unmöglich gemacht haben würde. Aber, obgleich ſie wußten, daß ſie ſeiner bedürfen würden, dauerte die Bauernſchinderei fort, und gab den Kreisämtern be⸗ ſtändige Gelegenheit, die dankbare Rolle des Beſchützers gegen die Bedrückungen der Gutsherren und Verwalter zu ſpielen.
Bemerkenswerth iſt die Ordnung, die Disciplin, welche das Landvolk in ſeiner Reaktion, beſonders an⸗ fänglich beobachtete. Während der vier oder fünf Tage, in welchen die erſte und größte Aufregung vorwaltete, und Scharen von Bauern— oder zu ihren Regi⸗ mentern ohne irgend eine militäriſche Aufſicht wandernden Urlaubern— die Straßen überfüllten, war der Anblick eines Betrunkenen eine höchſt ſeltene Erſcheinung. Bei dieſen blutigen und traurigen Exekutionen wurde zwar der Verdächtige erſchlagen, vwielleicht hier und da auch ein Unſchuldiger, wenn er als„untreu⸗ dem Kaiſer“ be⸗ zeichnet war, aber Weiber und Kinder durchgängig ge⸗ ſchont, Raub und Brandlegung fielen anfangs gar nicht vor; erſt ſpäter, als ſich der Bewegung ſchon bösartigere Elemente anſchloſſen, oder wenn ſich die Bewohner der Edelhöfe hartnäckig vertheidigten, wobei auch einige Frauen thätigen Antheil nahmen, traten Ausnahmen ein, es wurde dann Feuer angelegt, geplündert, und bei ſolchen Veranlaſſungen ſind auch, wiewohl höchſt ſelten, Frauen mißhandelt worden.
Graf R. flüchtete mit ſeiner Frau und ſeinem Knaben. Auf der Landſtraße hielten ihn die Bauern an, hießen ihn ausſteigen, und als ſie in ihm einen der Hauptinſurgentenführer erkannt hatten, wurde er mit Dreſchflegeln todtgeſchlagen, ſammt Kleidern, Uhr und Börſe wieder in den Wagen hineingelegt, und dem Kutſcher geheißen weiter zu fahren. Die Bauern hatten vortreffliche Notizen. Sie hielten nach Erſtürmung eines Sdelhofes ordentlich Gericht über„die Getreuen oder Ungetreuen“.
Beim Grafen L., einem ehemaligen Officier und dem Kaiſerhauſe bekanntermaßen ſehr ergebenen Kavalier, ſchirmten ſeine Unterthanen deſſen Perſon, Familie und Vermögen, erſchlugen aber vor dem Hauſe zwei ſeiner polniſchen Beamten, und richtig, es fanden ſich in deren Wohnungen Vorräthe von Waffen und Munition.
Bei M. wurde der Grundherr S. verſchont, aber der Pfarrer und Schenkwirth erſchlagen, und hier fand ſich auch das für die im Dorfe ſtationirte Militärmann⸗ ſchaft beſtimmte Gift.
Auf dem von deutſchen Beamten nach Recht und
mit Humanität verwalteten Gute Tuszow des Herrn v. E.(Bankier in Wien) bewachten die Gemeinden die herrſchaftlichen Vorräthe und verübten nicht den ge⸗ ringſten Unfug, ebenſo auf jenem des Freiherrn von B. Dasſelbe geſchah auf den Gütern des Grafen T., in Woynicz beim Grafen 3. und bei mehreren andern durch ihre Anhänglichkeit an Oeſterreich und ihre humane Behandlung der Unterthanen bekannten Grundherr⸗ ſchaften, und zwar gerade im Tarnower, Bochnier und Rzeszower Kreiſe, wo ſich das Landvolk am aufgeregteſten
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor
zeigte. Die Gemeinden, durch ihre Ortsrichter mit Bei⸗ wirkung ausgedienter Kapitulanten geleitet, hatten ſich ganz militäriſch geordnet, hielten ſtreng Wache, machten Patrouillen und man hörte bei Nacht von Dorf zu Dorf das Blaſen der Wächter mit dem Kuhhorn, auf der Straße das Feldgeſchrei der mit Dreſchflegeln und Miſtgabeln bewaffneten Bauern. Und eben dieſe Bauern, an deren Dreſchflegeln und Miſtgabeln noch das Blut klebte, ließen ſich von jedem dazu geſendeten Beamten, von einem Korporal oder Gefreiten folgſam leiten, be⸗ fehligen und von jeder Ausſchweifung abhalten. Leider aber war es nicht möglich, ſchnell genug überall Re⸗ gierungsorgane hinzuſenden, um jedes Uebergreifen der einmal entwickelten. Bewegung zu hindern, dieſelbe in den Schranken der Nothwendigkeit zu erhalten und dadurch manches traurige Ereigniß zu verhüten.
In Lyſagora bei Tarnow ſiel der Schuß, welcher zuerſt Dreſchflegel und Miſtgabel in Bewegung ſetzte. Dieſes ungefähr eine Meile von Tarnow befindliche Dorf war einer der vier Hauptſammelplätze, an welchen ſich die vier zum Angriff auf Tarnow beſtimmten Sturm⸗ kolonnen vereinigen ſollten. Tarnow war als der Haupt⸗ punkt auserſehen, welcher zum Foyer der Bewegung im weſtlichen Galizien dienen ſollte. Nach dem anfänglichen Plane ſollte dort ein Ball veranſtaltet werden, dem alle Civill- und Militärbehörden beigewohnt hätten. Die Damen ſollen die Aufgabe übernommen haben, die Officiere durch Aufforderung zum Tanz zu ent⸗ waffnen. Bei einem gegebenen Zeichen ſollten dann die anweſenden Polen über die Waffenloſen herfallen und ſie niedermachen. Zu gleicher Zeit wären die Truppen und die wenigen zurückgebliebenen Officiere in ihren Quartieren überfallen und vereinzelt, ohne Führer leicht bewältigt worden, während die vier Sturmkolonnen durch das Aufſteigen einer Rakete vom Gelingen des Anſchlages in Kenntniß geſetzt, auf Tarnow losgerückt wären und es beſetzt hätten. Den andern Tag hätte die Inſtallirung der revolutionären Regierung mit dem Blutgerichte begonnen, als deſſen Opfer zunächſt die oberſten Regierungsbehörden, der Kreishauptmann und die andern übrig gebliebenen Beamten im voraus be⸗ zeichnet waren, die am nächſten Morgen als die erſten Früchte am blühenden Freiheitsbaume aufgeknüpft wer⸗ den ſollten. Dann ſollte das neue Gouvernement in Funktion treten. In Bochnia, Rzeszow, auch in Lem⸗ berg, Stry, Tarnopol ſollte nach demſelben Plane gleichzeitig die Bewegung auf dieſelbe Art losbrechen und ſonach mit einem Schlage die politiſche Admini⸗ ſtration und die militäriſche Gewalt in ganz Galizien vernichtet werden.
Allein durch vielfache Andeutungen aufmerkſam gemacht, und durch die Ereigniſſe in Poſen gewarnt, hatte die Regierung, deren Milde und Gerechtigkeits⸗ liebe bis jetzt jede gewaltſame Präventiv⸗Maßregel zu⸗
wider war, mehrere Arreſtationen vornehmen zu müſſen geglaubt, und die Verſchworenen beſchloſſen daher, die Ausführung ihres Planes zu beſchleunigen, um den Be⸗ hörden keine Zeit zu laſſen, ſich auf den projektirten Angriff vorzubereiten.


