182 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
raths hatte aber ein eigenthümliches Ungemach ge⸗ ſchwebt, das düſtere konventionelle Gewitterwolken heraufbeſchwor.
Karlchen, des Juſtizraths jüngſter Sohn, war
auf eine, bisher unaufgeklärte Weiſe, in die gute Stube gelangt. Hier war ihm plötzlich in den Sinn gekommen einer von der Natur gebotenen Nothwendigkeit zu fol⸗ gen, die uns Sterbliche von der Wiege bis zum Grabe verfolgt, nur daß die Kindheit das Vorrecht hat, ohne Menſchenfurcht und Scheu dem Naturgebote öffent⸗ lich folgen zu können.
Karlchen machte diesmal wenn auch nicht von der Oeffentlichkeit, ſo doch von einem gewiſſen Vorrechte und dem Teppich vor dem Sopha Gebrauch. So eben ſtand der kleine Uebelthäter da und ſtaunte mit Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Seelenruhe das Reſultat ſeiner Be⸗ mühungen an, als die Juſtizräthin mit dem Couſin in's Zimmer trat, natürlich den unvermeidlichen Informator im Gefolge.
Die junge Frau gewahrte mit ſchnellem Blick ſo⸗ fort das Vergehen, das ſich zugetragen, und warf raſch gefaßt das Taſchentuch auf's Corpus delicti. Der Couſin aber eilte als galanter Mann das Taſchentuch aufzu⸗ heben.
Sei es nun, daß durch die Erſchütterung des Rittes, die nachwirkte, ſei es durch die niedergebeugte Stellung, kurz im Innern des Couſins ſetzte ſich jene eigenthümliche Saite in Schwingungen, auf welcher der Menſch nur an ſtillen, abgelegenen Orten, überhaupt nur wenn er allein iſt, ſpielen ſoll.
Die junge Frau konnte nicht anders glauben, als der Officier habe Alles geſehen und in ſeinem Manöver einen Akt der Rache üben wollen. Sie faßte das aufge⸗ hobene Mouchoir mit zwei Fingern und ſagte pikirt: „Ich habe nicht geglaubt, daß der Blüthe auch die Frucht gleich folgen würde.“
„Aber, Kandidate, Kandidate,“ rief nun der Sa⸗ nitätsrath,„auf welchen Wegen ertappt man Euch.“
Dee Souſiu empfahl ſich und ward nicht mehr geſehen.
„Nennen Sie mir ein Wort in meiner Erzählun das Anſtoß erregt und ich widerrufe Alles.“ duhng
Wir lachten und ſetzten uns in den mittlerweile vorgefahrenen Wagen.
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Ein Brief aus Galizien vom Jahre 1 846.
er„Landsknecht“, beim jetzigen Zuſamm enſtoß und Kampf der Nationalitäten in Oeſtxerreich entſchieden auf Seiten der Altrechtler, dſde ge⸗ ſchichtliche Ueberlieferungen im Volkslebeſon für heiliger und naturgerechter erachten, dennf alle papiernen, nach abſtrakten Principien gegeh eenen Verfaſſungen, hat ein neues Bändchen„Antedilg jeia⸗ niſche Fidibusſchnitzel“(ein ſechſtes Fascikel) als Sfe Ap ſchrift für Freunde drucken laſſen. Es enthält Bl
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ſeines Tagebuches über die Ereigniſſe in Galizien vom Jahre 1846 und kurze Erinnerungen an den Sonder⸗ bundskrieg in der Schweiz von 1847. Der Verfaſſer war bei beiden Ereigniſſen ein thätiger Zuſchauer, ein mithandelnder Agent. Seinen Standpunkt in der Sache der Nationalitäten außer Betracht laſſend, finden wir namentlich in Bezug auf Galizien Blicke, Winke und Züge, die uns die Tiefe der Bewegung, wo nicht ſchil⸗ dern, doch andeuten. Der angebliche Brief eines Reiſen⸗ den auf jenem Schauplatz, den wir in Folgendem mit⸗ theilen, iſt um ſo intereſſanter, da Polen, ſelbſt auf preußiſch⸗deutſchem Gebiet, nicht blos unter ruſſiſchen Bajonneten, heute von Neuem Zuckungen verräth, die den alten Satz:„Polen iſt noch nicht verloren“, d. h. noch nicht begraben, wenn auch hundertfach in ſich ſelbſt verloren und erſtickt, abermals bethätigen. Ein Volk ſtirbt langſam und es nimmt ſeine langen Todeskrämpfe oft für Zeichen neuen Lebens. Jener Brief in des Lands⸗ knechts Papieren beginnt im März 1846 ſeine Schilde⸗ rungen wie folgt:
„Wertheſter Freund, Sie verlangen„einfache Wahrheit“, nichts als„einfache Wahrheit“, wie Sie ſagen, über die Ereigniſſe in Galizien und die Scenen, denen ich auf meiner Reiſe durch dies Land als Zeuge beizuwohnen Gelegenheit hatte.„Wahrheit!“— und wiſſen Sie denn, was Sie damit von mir fordern?— Wiſſen Sie denn nicht, daß gerade an die Wahrheit kein Menſch glaubt, eben weil er überhaupt nicht daran glauben will, und daß insbeſondere in leidenſchaftlichen, erregten Verhältniſſen derjenige, welcher ſie ausſpricht, ſchon eo ipso als Lügner paſſirt?
Wer in einer Kneipe unter Betrunkenen, die ſich ſtreiten, die Wahrheit predigen will, bekommt gewöhnlich die meiſten Schläge und wird über die Schwelle hinaus⸗ geworfen. Wer für Völker und Generationen die Wahr⸗ heit lehrt, wandelt ſicher zur Schädelſtätte, auf welcher Phariſäer und Sadducäer ihn an das erſt für die Nach⸗ welt heiligende Marterholz heften.
Alſo Wahrheit!— Gut, ich will ſie Ihnen über die beſagten Ereigniſſe geben, obſchon ich überzeugt bin, daß eben, weil es die Wahrheit iſt, kein Menſch, viel⸗ leicht auch Sie ſelbſt nicht, mir dieſelbe glauben wird.
Den von dem Komité in Paris abgeſendeten Emiſſären war es gelungen, die Elemente polniſcher Nationalität, welche durch die milde und gerechte Hand der öſterreichiſchen Regierung, beſonders in Galizien, erhalten worden waren, zu benutzen, einen großen Theil des Adels, welcher ſtets beinahe ausſchließlich das pol⸗ niſche Nationalprincip darſtellt, in eine umfaſſende Kon⸗ ſpiration zu verwickeln. Ueber das ganze Land dehnte ſich die weitverzweigte Verbindung aus. In Poſen und in Galizien hatte ſie ſich am meiſten ausgebreitet und befeſtigt;— am wenigſten im ehemaligen Königreiche,
— leider kein günſtiges Reſultat der Schonung und Milde— während Rußlands eiſerne und konſequente Strenge deſto zweckmäßigere Wirkungen hervorbrachte. Man ſtand auf einem ſchon ſeit Jahren unterminirten vulkaniſchen Boden, und ſchon nahte die Stunde der Eruption, nämlich eine polniſche Vesper, in welcher alle
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