Vier Fakultäten. 181
Mich ritten die Herren Examinatoren auf eine wahrhaft unverantwortliche Art und Weiſe. Landrecht und Corpus juris, Corpus juris und Landrecht. Und darin war ich zu meinem Glücke, Gott ſei Dank, feſt und ſicher. Das Reſultat beſagte, daß ich mit„gut“, die übrigen Herren mit„hinreichend“ beſtanden hatten.
Nach dem Examen trat Herr Präſident Coctor auf mich zu, gratulirte und erſuchte mich dann, ihn am nächſten Tage Nachmittags zu beſuchen.
„Herr Präſident haben zu befehlen, um welche Zeit?“
„Bitte, Herr Aſſeſſor, nur zu bitten. Wenn es Ihnen recht wäre zu einem Schälchen Kaffee?“
„Wird mir eine unſchätzbare Ehre ſein.“
Jetzt erſt fiel mir das Herz vollſtändig in die Stiefel. Jene Taſſe Kaffee hatte damals juriſtiſche Be⸗ rühmtheit, wurde doch mit ihr ſtets ein durchaus nicht geringes Nachexamen verbunden. Freilich war ich glück⸗ lich durch, aber als eben erſt fertig gewordener, neuge⸗ backener Aſſeſſor blamirt man ſich wirklich nicht gerne.
Herr Coctor hatte, wenn ich nicht ſehr irre, da⸗ mals nochmals geheiratet und erfreute ſich des Beſitzes einer wirklich netten und liebenswürdigen Frau. Viel⸗ leicht konnte ich durch ſie von den Schrecken des Nach⸗ examens entbunden werden. Als ich mich alſo pflicht⸗ getreu eingeſtellt hatte, ſuchte ich um Alles in der Welt die gnädige Frau in ein intereſſantes Geſpräch zu ver⸗ wickeln, denn auf dem Balkon bemerkte mein zuckendes Herz die nöthigen Kaffeegeſchirre und den mir wohlbe⸗ kannten ſchweinsledernen Folianten.
Ich war gewiß an dem Tage groß in Allem was Kunſt, Wiſſenſchaft, Literatur, ja ſogar Mode betrifft, was aber nützten alle Kunſtſtücke, Herr Präſident Coc⸗ tor forderte mich bald auf, freundlichſt nach dem Bal⸗ kon zu kommen.
„Aber gnädige Frau werden uns doch die Ehre Ihrer Geſellſchaft ſchenken?“
„Ach, was die Herren da verhandeln, davon ver⸗ ſtehe ich nichts,“ meinte die niedliche Frau und ver⸗ ſchwand mit einem anmuthigen Knixe. Dieſe Grußart war nämlich zu jener Zeit noch nicht aus der Mode ge⸗ kommen.
Da ſaßen nun Herr Präſident Coctor und ich. Wir tranken Kaffee, ſprachen über juriſtiſche Problemata und kramten im alten Corpus juris herum. Der hin⸗ kende Bote des Examens kam wirklich nun erſt nach. Schon einige Male war ich bedeutend in die Enge ge⸗ trieben worden und hatte triumphirende Blicke des Prä⸗ ſidenten zu ertragen. Eben war ich wieder auf dem beſten Wege in die Klemme zu gerathen, als ein Ereig⸗ niß eintrat, das mich rettete, Herrn Coctor allerdings aber zwei Paar Taſſen koſtete.
Ich hatte damals einen reizenden Pudel von der Größe eines mittelmäßigen Kalbes. Das treue Thier konnte ich zu meiner Viſite doch unmöglich mitnehmen und hatte es deßhalb in meinem Zimmer gelaſſen. Stambul, ſo hieß mein Pudel, mußte aber Mittel und Wege zur Befreiung gefunden haben, meiner Spur ge⸗
folgt ſein und draußen auf dem Korridor nach Hundeart
um Einlaß gefleht haben. Irgend eine mitleidige Hand hatte die Thür geöffnet, und nun ſtürzte mein Stambul mit freudigem Gebrüll durch das Balkonzimmer nach dem Altane, ſprang aber dermaßen ungeſchickt auf der Tiſchſeite an mir in die Höhe, daß zwei Paar Taſſen ut dixi an der Erde lagen, man wußte nicht wie.
Der Präſident, welcher mit einer allzugroßen Doſis natürlichen Muthes nicht begabt ſein mußte und den Hund wahrſcheinlich für toll hielt, ſprang erbleichend und mit dem Ausrufe:„Schlagen Sie die Beſtia todt!“ hinter den Tiſch.
Ich hatte Mühe, den Pudel und den Präſidenten zu beruhigen und war nach den heutigen Vorfällen glücklich, das Examen geſtern beſtanden zu haben, denn „daß du ihn ſchwach geſehen vergibt er nie!“
Meines Bleibens war allerdings nun nicht mehr und ich empfahl mich, um in den nächſten Tagen nach Frankfurt als Aſſeſſor abzugehen. Dies meine Hiſtorie.
Nun kam der liebenswürdige Kandidat an die Reihe, der die bei Paſtoren ſeltene Kunſt beſaß, zur rechten Zeit heiter, zur rechten Zeit ernſt zu ſein und im Leben ſtets nach dem horaziſchen medium tenuere beati handelte.
Ich war Hauslehrer in— berg in der Neumark bei einer Juriſtenfamilie, die ſich aus alter Anhänglich⸗ keit in das kleine Neſtchen zurückgezogen hatte. Der Mann hatte ſich ſelbſt als Rechtsanwalt penſionirt und lebte von den Zinſen des erworbenen Vermögens, die Frau half ihm dabei und war eine höchſt gebildete, liebenswürdige Dame.
Man machte ein ziemlich angenehmes Haus, ſtand mit den Gutsbeſitzern der Umgegend auf Hoſpizkomment und ſah oft die Kavallerie⸗Officiere der kleinen Garni⸗ ſon bei ſich.
Eines ſchönen Tages ward eine Landpartie von den Officieyen arrangirt, man gab ſich mit den Kame⸗ raden der Nachbarſchaft ein Rendez⸗vous in einem aller⸗ liebſten Eichenwalde. Natürlich fehlte die juſtizräthliche Familie nicht unter den Eingelavenen and weie imman wurde der Fnformator als Anhängſel auch mit geſchleppt.
Draußen war ein fröhliches, bewegtes Leben, fehlte es doch eben ſo wenig an jungen Herren als jungen Damen. Punſere Juſtizräthin galt ſtets als Anführerin der jungem Damenwelt.
So wurde denn Alles unternommen, was auf Landpartſien unternommen zu werden pflegt. Geſungen, geſprungzen, Fanchon geſpielt und der Oritte abgeſchla⸗ gen, hiſgefallen, geſchäckert, geneckt und zuletzt im Freien ſoupirtiſ. Was aber nicht immer auf Landpartien einzu⸗ treten Rpflegt war eingetreten: in einem erſt kürzlich in die Naßchbarſchaft verſetzten jungen Officier entdeckte die lebensgluſtige Juſtizräthin einen cher cousin.
tMatürlich, daß der Couſin bei allen Göttern der alten Wund neuen Zeit ſchwor, die Couſine ſchon morgen luchen, und eben ſo natürlich, daß man dem Beſuch Freude entgegen ſah. 1. kreil Der andere Morgen kam, und richtig, zur geeig⸗ Viſitenſtunde trabte der Couſin vor das Haus. Ueber der ſogenannten guten Stube des Juſtiz⸗


