Heft 
(1861) 6 06
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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

freute ich mich eines Seitenblicks vom Profeſſor, der faſt wohlwollend genannt werden konnte. Gleich darauf aber ſchrieb der Profeſſor weiter.

Wie viel Geſchwiſter?

Einen Augenblick ſchwankte ich, ob ich nur meinen Bruder und meine Schweſter nennen, oder dem Schöpfer vorgreifen und, ähnlich dem Kollegen, meine Familie ſelber vermehren ſollte. Von der nöthigen Unverſchämt⸗ heit hing aber manches Goldſtück ab und ſo ſtammelte ich denn:

Sieben, Herr Profeſſor!

Kaum aber war mir die Mittheilung geworden, daß mir ein Drittel erlaſſen ſei, als der Handelsgeiſt in meinem Kollegen rege wurde und er mir ins Ohr raunte:Aber, Menſch, warum ſagen Sie nicht einund⸗ zwanzig, er hätte Ihnen das Ganze erlaſſen.

Die Situation wurde mir nun doch zu komiſch. Nolens volens brach ich in ein homeriſches Gelächter aus, Markus fiel mit ein und hinaus ſtürzten wir, den erzürnten Profeſſor zurücklaſſend.

Natürlich konnte weder Markus noch ich von der Güte des Herrn X Gebrauch machen.

Ein anderer Profeſſor, der über Pſychologie und Phyſiologie las, gab uns einſt eine Erklärung der vier Fakultäten, ihrem Benehmen bei gewiſſen Krankheits⸗ fällen nach. Da ich aber nur von der Eigenthümlichkeit der Erklärung erzählen will, ſo erlaube man mir jene Krankheitsfälle in einem noch viel mehr verbreiteten, abnormen Zuſtand zu überſetzen, in die Geldbeutel⸗ ſchwindſucht. Von beſagtem Profeſſor war bekannt, daß er den Studioſen gern half mit Rath und That.

Es klopft.Herein! Ein ſchmächtiger Jüngling mit langen Haaren tritt herein. Die Spuren verſchie⸗ dener durchwachter und durchkneipter Nächte, die deut⸗ lichſten Symptome der Geldbeutelſchwindſucht, ſind auf ſeinem Geſicht verzeichnet.

Der Friede Gottes ſei mit Ihnen, Herr Profeſſor!'

Ich danke.

Werke der Liebe und Werke der Barmherzigkeit, von denen ich zu ſprechen nur hier vor Ihnen, unter vier Augen, wage, da man das Gute thun ſoll ſtill und verborgen, Werke des Erbarmens alſo haben meinen Geldbeutel in jüngſter Zeit ſo ſehr angegriffen, daß ich gekommen bin, Sie um liebevolle Hilfe, das heißt um ein Darlehen zu bitten, wofür Gott der Herr, unſer Vater, Ihnen mit ſeinem reichſten Segen lohnen wird.

Wer mit dieſen Worten Geld zum Verkneipen borgt, iſt ein Theologe

Es klopft.

Guten Morgen, Herr Profeſſor.

Guten Morgen.

Beſtrebt in meiner Bibliothek das zu erſetzen, was im Laufe der Zeit durch Verborgen mir abhanden gekommen iſt, und eingedenk des Goetheſſchen Wortes: ‚der Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beſte Werkzeug halten, erlaube ich mir, Sie ganz gehor⸗ ſamſt um ein Darlehen zu bitten, da mir gerade jetzt Gelegenheit zu einem vortheilhaften. Büchereinkaufe ge⸗ boten iſt.

Wer auf dieſe Weiſe ſich Geld verſchafft iſt natür⸗ lich Philologe.

Heißt es aber:Guten Morgen, Herr Profeſſor. Ich muß ſchon wieder einmal ſtören, aber nach Ihrer eigenen Theorie braucht der Menſch verſchiedene feſte und flüſſige Subſtanzen, durch deren Genuß er ſein Le⸗ ben friſten kann. Mich hungert barbariſch und Geld habe ich nicht. Leihen Sie mir, beſter Herr Profeſſor, nur diesmal noch etwas.

Aus dieſer Rede guckt der Mediciner heraus.

Kommt aber ein luſtiger Bruder, der noch auf dem Korridor ſein Butterbrod und Leberwurſt, juchheidi, juchheida ꝛc. ſingt, ſo weiß man in der Regel ſchon im Voraus, wer ſich dem Zimmer naht.

Schönen guten Morgen, Herr Profeſſor. Sie ſind zwar Mitglied des Senats, aber doch wenigſtens ein vernünftiger Mann, der ſich daran erinnert, daß er auch einmal jung geweſen. Ich bin in der nichtswürdigſten Verlegenheit von der Welt. Manichäer belagern mit ſeltener Konſequenz mein Haus und ich wittre das Schlimmſte, wenn Sie mir nicht diesmal aus der Patſche helfen. Pumpen Sie mir, verehrteſter Herr Profeſſor, nur diesmal noch zehn Thaler. Ich cedire Ihnen meinen Monatswechſel als Sicherheit und bekomme das Uebrige dann heraus.

Der ſo Sprechende iſt Juriſt natürlich: er pumpt, der Mediciner leiht, Philologe und Theologe bitten um Darlehen. Der Philoſoph ſchwankt ſelbſtverſtändlich zwiſchen Medicin und Philologie.

Das wollte ich Ihnen erzählen und nun, Bürger⸗ meiſter, ſind Sie an der Reihe.

Der Sanitätsrath ſchwieg und mein Vetter be⸗ gann die Geſchichte von einem Nachexamen.

Es war vor Achtundvierzig. Wir gingen damals unſrer fünf hoffnungsvolle Referendarien in's dritte Examen und mir war keineswegs hoffnungsfroh zu Muthe. Leider Gottes hatte ich viel zu ſpät den ver⸗ nünftigen Gedanken gefaßt, die Fachwiſſenſchaften zu kultiviren und erſt vor gar nicht langer Zeit den Di⸗ lettantenmalerpinſel fortgeworfen, um nun dem Corpus juris obzuliegen.

Lieber Gott! Ich wußte wohl, daß es mit der dicken ſchweinsledernen Schwarte allein nicht abgethan ſei, und gerade freundlich ſahen mich die alten, ſeit langem vernachläſſigten Lettern auch nicht an. Aber ein Feld muß doch einmal vorzüglich bebaut ſein, da⸗ mit ſein Glanz auf die ganze Wiſſenſchaft ſtrahle. Wir machten unſre Viſiten und ſchon hier, wenn ich die

Sicherheit meiner Kollegen ſah, konnte man mir mit

Recht zurufen: it ei jam podex cum glacie funda- mentali, ein jedenfalls eben ſo paſſender wie eleganter lateiniſcher Stammbuchvers.

Als wir den Präſidenten des Ober⸗Tribunals, Coctor, verlaſſen hatten, konnte ich nicht umhin, meinen Kollegen für die Sicherheit, mit welcher ſie dem alten Herrn nicht nur entgegen getreten waren, ſondern ihm Sottiſen geſagt hatten, meine Bewunderung auszuſprechen. Nun, dieſe Sicherheit hat ſich beſtraft genug, irre ich nicht, ſo ſchleppten ſie ſich nur mit Mühe und Noth durch's Examen.

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