Heft 
(1861) 6 06
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Vier Fakultäten. 179

Quartier genommen hat, den verwunderſamen Namen Vandaleuberg erſann.

Vor Höôtel Bellevue ſaßen wir nun alſo bei einer Flaſche trinkbaren Rothweines(es iſt auch möglich, daß es mehrere geweſen ſind) und verkürzten die Zeit durch lehrreiche und luſtige Anekdoten. Die vier Fakultäten kamen der Reihe nach an's Erzähleramt. Der Sanitäts⸗ rath als Alterspräſident begann:

Es iſt eine geraume Zeit vergangen, wie Ihr mir wohl glauben könnt, Herrſchaften, daß ich das bunte Band und Mützchen des Studenten trug und acht Se⸗ meſter länger iſt es her, daß ich die Alma mater bezog, um an den Brüſten der Weisheit zu ſaugen.

Von jeher hatte ich viel Neigung für die Wiſſen⸗ ſchaft, der ich nun ein treuer Jünger bin. Ich ſkalpirte ſchon in früher Jugend todte Ratten und Katzen und entſinne mich, als Sextaner ein allerliebſtes Mäuſe⸗ ſkelett hergeſtellt zu haben, indem ich eine verewigte Maus in einem Glaskäſtchen ausſtellte und dieſes nebſt Inhalt einem Ameiſenhaufen zur Beluſtigung gab.

Meine Neigung für die Medicin wuchs aber zur Leidenſchaft, nachdem ich als Sekundaner den Fauſt ge⸗ leſen hatte. Kann es auch wohl was Schönres geben, als Mephiſto's Worte:

Der Geiſt der Medicin iſt leicht zu faſſen: Ihr durchſtudirt die groß und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu laſſen

Wie's Gott gefällt.

Das klingt doch für ein Sekundanerherz erfreulich. Der Geiſt der Medicin war nach der Meinung des Biedermannes Mephiſto leicht zu faſſen und ſchließlich fällt doch noch all' und jede Verantwortung auf den lieben Gott. Ich kann mich auch nicht enthalten, die andern ſchönen Verſe anzuführen, obgleich Ihr ſie alle ſchon kennt; in der Erinnerung ſchwelgt ſich's ſo ſchön und ein ganzes Panorama ſchöner Jugendſcenen ent⸗ wickelt ſich vor meinen Augen, wenn ich die Worte citire. Vater Goethe kannte die Welt und die Gefühle der Ju⸗ gend. Welchen angehenden Mediciner müſſen nicht Wonneſchauer durchrieſeln bei den Worten:

Ihr ſeid noch ziemlich wohlgebaut,

An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen, Und wenn ihr euch nur ſelbſt vertraut, Vertrauen euch die andern Seelen. Beſonders lernt die Weiber führen.

Es iſt ihr ewig Weh und Ach,

So tauſendfach

Aus Einem Punkte zu kuriren.

Und wenn ihr halbweg ehrbar thut,

Dann habt ihr ſie all' unterm Hut.

Ein Titel muß ſie erſt vertraulich machen, Daß eure Kunſt viel Künſte überſteigt; Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebenſachen, Um die ein andrer viele Jahre ſtreicht, Verſteht das Pülslein wohl zu drücken Und faſſet ſie mit feurig ſchlauen Blicken Wohl um die ſchlanke Hüfte frei,

Zu ſehn wie feſt geſchnürt ſie ſei.

Welche herrliche Ausſicht vor meinen feurig ſchlauen Blicken. Und täglich jubelte ich mit meinem Kollegen, dem Schüler:

Das ſieht ſchon beſſer aus! Man ſieht doch wo und wie?

und Mephiſto, der ſchon mein Mann war, wurde es noch immer mehr durch ſeine geniale Weisheitsregel: Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie Und grün des Lebens goldner Baum.

Drei Jahre ſpäter machte ich ein erträgliches Abiturientenexamen und ſtand nun als Mulus an den Pforten des Paradieſes.

Das mediciniſche Studium hat aber nicht den Vorzug großer Billigkeit und mein Wechſel hatte nicht den bedeutenden innern Werth. Ich mußte Alles daran ſetzen, einige Stipendien oder ſonſtige Bevorzugungen zu erlangen. Jedenfalls mußte um möglichſte Erlaſſung reſpektive Stundung der Kollegiengelder petitionirt wer⸗ den. Manchmal waren es unangenehme Gänge, die ſich leider auch nur in ſeltenen Fällen als erfolgreich erwie⸗ ſen. Einen dieſer Gänge will ich erzählen.

Der Profeſſor X las über Anatomie und ſeine Kollegien zu belegen fiel meinem Geldbeutel außeror⸗ dentlich ſchwer. Hier mußte alſo eine Petition verſucht werden. Ganz denſelben Gedanken mußte auch ein Kollege moſaiſchen Glaubens gehabt haben, denn wir Beide trafen uns in dem Flur der profeſſorlichen Woh⸗ nung. Das Jüdlein war nicht unbemittelter Eltern Kind, gedachte aber ebenfalls ſeinen Wechſel durch Privatſpe⸗ kulationen noch zu erhöhen. Ich wußte, daß der Pro⸗ feſſor es nicht leiden konnte, wenn mehrere gleichzeitig ſein Zimmer beſuchten, und den angeſtrengteſten Be⸗ mühungen gelang es auch, Herrn Markus zu bereden, meiner draußen zu harren, damit ich erſt die Stim⸗ mung des wetterwendiſchen Mannes da drinnen erkun⸗ den könne.

Allerdings war ich nicht aufrichtig gegen den Kolle⸗ gen, da in meines Herzens tiefſter Tiefe etwas wie eine Ahnung ſchlummerte, daß nur einer von uns Beiden ſo glücklich ſein würde, ſeinen Zweck zu erreichen. Und ich wollte dieſer Glückliche ſein.

Als ich aber die Thür öffnete, ſchlüpfte auch Herr Markus mit hinein. Wahrſcheinlich hatte er den mora⸗ liſchen Katzenjammer wegen ſeiner Nachgiebigkeit be⸗ kommen. Und um mir nun ganz den Rang abzulaufen, trat Herr Markus auch zuerſt mit ſeinem Anliegen hervor.

Wie heißen Sie? fragte der Profeſſor.

Joſef Markus, erhielt er zur Antwort.

Ihr Vater?

Auch Markus, ſagte der Sohn verblüfft.

Das will ich nicht wiſſen, entgegnete der Pro⸗ feſſor ungeduldig;ſondern welch' Standes Ihr Va⸗ ter iſt.

Ein armer Handelsmann, Herr Preofeſſor.

Wie viel Geſchwiſter?

Frechheit hilf! mochte der Kollege denken. Ich wußte, daß er nur eine Schweſter hatte, aber trotzdem antwortete er:Vierzehn, Herr Profeſſor.

Und ſiehe da, ihm wurde die Hälfte der Gelder erlaſſen.

Nun kam ich an die Reihe.

Dasſelbe Examen begann. Da ich der Wahrheit gemäß den ärztlichen Stand meines Vaters nannte, er⸗

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