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178 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Vier Fakultäten.
Ein Genrebildchen.
5s wird in dieſem Jahre, erzählt der Verfaſſer SOr des Renommiſten, wieder einmal jährig(zum — wie vielten Male,— das iſt mein Geheimniß), daß ich mich ein Sohn der Mark, aufmachte, um o ernſtliche und Pecielle Unterſuchungen darüber — anzuſtellen, ob'die Provinz meiner Heimat den Namen„des lieben Gottes Streuſandbüchſe“ auch wirk⸗ lich verdient.
Ich ſtelle nicht in Abrede, daß es in der Mark auch Sand gibt, im Gegentheil, ich pflichte denen bei, die da behaupten, es gebe viel Sand in der Mark. Diejenigen aber fordere ich vor die Feder, alias Lanze, die deßhalb gleich über die ganze Mark den Stab brechen.
Oft hat's michzgekränkt, wenn ich, ein harmloſer Märker, im Coupé ß und nun rechts und links über meinen Heimatgau hergezogen wurde, daß einem braven Kerle, der die Scholle liebt, auf welcher er zuerſt laufen lernte, die Fauſt gewaltig jucken mußte.
Und Geibel hat recht wenn er ſingt:
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O Heimatliebe, Heimatluſt,
Du Born der Sehnſucht unergründet,
Der jedem einſt in ſeiner Bruſt
Vom Himmel ſelber ward entzündet. Gefühl, das wie der Tod ſo ſtark
Uns eingeſenkt ward bis in's Mark,
Das uns das Thal, da wir geboren,
Mit tauſendfarb'gem Schimmer ſchmückt, Und wär's im Steppenſand verloren,
Und wär's vom ew'gen Schnee gedrückt. ꝛc.
Stellt den einfachen Wüſtenſohn an den Strand Andaluſiens, die Wunder der Erde ringsumher, die Wunder des Meeres dort oſtwärts, wohin er den Blick kehrt, und er wird Euch ſagen: Gott iſt groß und die Erde iſt ſchön und ſchön das Meer. Aber die Wüſte, mein Heimatland mit ſeinem flimmernden Sando, ſeiner flim⸗ mernden Luft, ſeinen Kameelen und ſeiner Fata morgana, iſt doch tauſendmal ſchöner. Wann werde ich dich wieder⸗ ſehen mein ſchönes, mein geliebtes Heimatland!
Ich alſo ballte im Coupé die Fauſt und entgegnete nichts. Man ſicht nicht gern gegen Windmühlen, wenn man nicht eine ſympathetiſche Verwandtſchaft zu dem ehrenfeſten Ritter von La Mancha fühlt! Und die Herren, die meinen Heimatgau beſudelten, gehörten zu Denen, die in faſhionabelſter Kleidung, aber mit Muſterkaſten unterm Arm, auf den Straßen der Städte umherlaufen, und die ich nur in einigen wenigen Exemplaren, die mir lieb und werth geworden ſind, goutiren kann. Ich blieb in meiner Ecke ruhig ſitzen und las den Roman„Ein Sohn der Mark“, der in den märkiſchen Kreiſen viel Aufſehens machte und den ehemaligen Hauptmann Karl Guſtav von Berneck, damals in Frankfurt g. O. irre ich nicht Adjutant, zum Verfaſſer hatte. Allen meinen Leſern iſt
dieſer liebenswürdige Schriftſteller als Bernd von Guſeck
bekannt. Führt man die Leute, welche der Mark ſpotten,
allerdings mit ausgeſuchter Raffinerie in die Steppen der Mark, nun, dann ſehen ſie freilich nur Steppen. Wir haben aber auch recht hübſche Oaſen.
Auf einer dieſer Oaſen hauſe ich jetzt, in der Nähe meines freundlichen Oderdorfes Tſchicherzig. Rings um mich her auf dem Sandhöhenzuge, der die Oder treulich ein gut Stück Weges begleitet, grünt und blüht und zittert im ſpielenden Winde der Weinſtock; von vielen Hügel⸗ kuppen ſchauen freundliche Villen in die gelben Oder⸗ wellen. Und dort vor mir das ganze lachende Oderthal. Vorn Wieſen und belebte Triften, dazwiſchen wieder Eichenwälder und Dörfer, und hinten kiefernbewachſene Höhen Schleſiens, als Ruhepunkte für's Auge.
Glaubſt Du nicht, lieber Leſer, daß man hier ſehr gut wohnen kann, glaubſt Du nicht, daß man hier manche andere ſchöne Gegend des Vatertandes vergeſſen kann, zumal wenn noch ein neuer Reiz hinzukommt, die Nähe der Heimatſtadt z. B. und die Nähe vieler Weſen, die dem Herzen theuer ſind.
Hier, guter Leſer, ſind auch die meiſten dieſer Skizzen, Betrachtungen und Genrebildlein aufgezeichnet worden, wie denn auch hier, in den Oder⸗Weinbergen, meine geiſtreiche Kollegin Julie Burom einige ihrer bekannteſten Romane geſchrieben hat,„den Arzt in einer kleinen Stadt,“„Aus dem Leben eines Glücklichen“, und die gekrönte Preisnovelle„das Pfarrhaus in Na⸗ thangen“.
Ich alſo ſaß im Coupé und ließ mich von der Loko⸗ motive durch das reizend gelegene Frankfurt nach Po⸗ delzig bugſiren und war desſelben Abends per Poſtge⸗ legenheit in Wriezen, woſelbſt ich in den letzten Jahren, der Nähe des freundlichen Bades Freienwalde wegen, einige Wochen des Sommers zuzubringen pflegte.
Ein Vetter von mir, Bürgermeiſter in Wriezen, war mein liebenswürdiger Wirth, ein angeſehener Arzt der Stadt wurde mir ein väterlicher Freund, und ein zum Beſuch anweſender Kandidat der Gottesgelahrtheit ſchenkte mir bei Spaziergängen die Ehre ſeiner Beglei⸗ tung. Ich vertrat ein Weniges die Philoſophie.
Freienwalde wurde ſo bald als möglich beſucht. Die tüchtigen Renner des Arztes trugen uns auf der wohlkonſervirten Chauſſee in einer kleinen Stunde nach der Perle der Mark. Im Höôtel Bellevue, unſerm ge⸗ wöhnlichen Standquartier, wurde eingekehrt, und das liebliche Bad mit ſeinen Sehenswürdigkeiten dann ab⸗ geſucht. Am Brunnen beſuchten wir den Profeſſor Kiß, den genialen Bildhauer, deſſen Amazonengruppe vor dem Muſeum in Berlin meinen Leſern bekannt iſt, und der es liebt, die erquickliche Sonnenluft Freienwaldes den Staubwolken Berlins vorzuziehen.
Wir klommen den Kapellenberg hinan und mach⸗ ten dann den ziemlich weiten Weg über den Monte Caprino nach dem königlichen Schloſſe mit ſeinen präch⸗ tigen Gartenanlagen. Den Vandalenberg mit ſeinen paar einſamen Föhren verſchmähten wir heute. Der Weg iſt zu langweilig jetzt, nachdem die Väter der Stadt Freienwalde den Berg abholzen ließen, weßhalb die Le⸗ gion penſionirter Officiere, welche in Freienwalde, der Billigkeit und Annehmlichkeit des Aufenthaltes wegen,
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