Heft 
(1861) 6 06
Seite
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170 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

Vortheilen im Felſenklettern, daß man ebenſowohl über ihre eminente Gewandtheit als naturaliſtiſche Gymna⸗ ſtiker, wie über ihre ſeltene Unerſchrockenheit und ihren reſoluten Ueberblick, mit welchem ſie den rechten Pfad ausſpähen, erſtaunt. Da, wo man wähnt, es könne kaum eine Maus auf dem ſchmalen Felſenkarnieß vorüber⸗ ſchlüpfen, geſchweige denn eines Menſchen Fuß Raum für Tritte finden, ſpäht der Geißer Wege für ſich und ſeine Ziegen aus. Pfeifend und johlend kriecht er wie eine Katze an den Abſätzen herum, denn er hat ein Kletterbedürfniß in den Gliedern, das ihn nicht ruhen läßt. Schwindel iſt ein Ding, das nicht in ſeinem Be⸗ griffs⸗Vokabularium ſteht. Als J. G. Kohl auf ſeinen Alpenreiſen einen Gotthards⸗Bergbauer fragte, ob denn ſein Bube keine Furcht habe, an den Zacken herumzu⸗ klettern, antwortete dieſer ihm:non ha paura di cervello d. h. er hat keine Gehirnfurcht(Schwindel); als Säugling iſt er mit Ziegenmilch genährt worden, und das gibt Berggeſchick und Klettermuth. Das iſt der gleiche Volksglaube wie mit dem Gemſenblut, von dem, ältere Alpenbeſchreiber faſeln, daß die Jäger es warm tränken, um den Schwindel zu verlieren.

Und adlerartig ſcharf bildet das Auge ſich aus, eine Kräftigung der Sehorgane, die an's Märchen⸗ hafte grenzt. So ein Bube zeigt uns auf ſtundenweit entfernten Höhepunkten Gemſen, beſchreibt ihre Be⸗ wegungen und ſpecialiſirt das Terrain nach ſeinen kleinſten Formverhältniſſen, wo der Ungeübte nur eine große, unbelebre Geſammtmaſſe erblickt. Aus ſolchen Buben werden dann in der Regel auch die verwegenſten Wildheuer, die furchtloſeſten und leidenſchaftlichſten Gemſenjäger. Ich habe Geißbuben geſehen, die den Ernſt eines in der Schule des Lebens geſtählten Mannes hatten; unter der braunen, verwitterten Wildheit des Antlitzes ſchaute etwas von der kalten Energie jener Marmorgeſichter hervor, welche die Helden alter Zeiten auszeichnete. Ol Exemplare ſolcher Jungen gibt's, die, wenn ſie auf einem in der Weide liegenden Felſenbrocken ſtehen, trotz der zerlumpten Lodenhoſe und dem form⸗ loſen, alten Filzdeckel etwas Diktatoriſches in ihrem ganzen Weſen haben; in dem ruhig beobachtenden Blicke, in den jugendlich entſchloſſenen Mienen des ver⸗ brannten Geſichtes, in der dreiſten, ungezwungenen Haltung, liegt das ausgeprägte Bewußtſein:Hier bin ich Herr! Und er iſts im vollſten Maße, er iſt Alleinherrſcher in dem von ihm betriebenen Gebiete. Gehen wir hinauf auf die Hochalp in die Steinrieſete oder in die Gocht, wo der Geißer hauſt! Er, der vorhin uns mit einem elektriſchenJuchzger, wie man ihn weit und breit in den Bergen nicht mehr hört, bewill⸗ kommnete, hält uns nun, wo wir ihm näher kommen, keines Grußes werth. Keck ſchaut er uns in's Geſicht, als ob er fragen wollte:Und nun? Es liegt etwas Herausforderndes in dem meſſenden Blicke, und dabei ſpielt ein verſchlagenes Lächeln, wie fernes Wetterleuchten, um die Mundwinkel. Nun gut! grüßen wir ihn zuerſt und richten wir irgend eine Frage an ihn. Die ſeinem Ohre fremden Laute müſſen ihm unendlich komiſch klingen, denn das Lächeln nimmt einen leicht höhnenden

Ausdruck an; es zuckt über die Stirn, als ob er ſagen möchte:Ach! Ihr Mode⸗Mannli, was wollt auch Ihr da in meinem Revier? Nöthigen wir ihn endlich zu einer Antwort, ſo fragt es ſich noch ſehr, ob's nicht eine ziemlich abweiſende, wenn nicht gar trotzige iſt. Er be⸗ trachtet es eben als abſolut überflüſſiges Unternehmen, da in die Wildniß zu ihm herauf zu ſteigen, und man darf es ſolchen in dieſer Einöde aufgewachſenen, fern von allem geſelligen Umgange abgeſchnittenen, urnatürlich entwickelten Knaben nicht verübeln, wenn Mißtrauen gegen fremde Leute in ihm wohnt. Eine Ausnahme davon machen die Appenzeller Buben; das Bedürfniß, in einem derben, ungeſuchten Witze ihren Anſchauungen und plötzlichen Launen Luft zu machen, der im ganzen Volke tiefwurzelnde Hang zur Spöttelei, tritt bei dieſen Buben ſchon draſtiſch zu Tage, und es bedarf eines recht gemüthlichen, durchaus nicht empfindlichen Ein⸗ gehens auf den angeſchlagenen Ton, um ſie zu einiger Vertraulichkeit zu bewegen. Hat man dies Ziel erreicht, dann iſt ſolch ein Knabe aber mitunter auch ein wahrer Goldkerl voll friſcher, urwüchſiger Gedanken, wie eine flott gewurzelte a la prima-Skizze eines genialen Malers. Aug. Corrodi ſchwärmt(in ſeinen genialen Alpenbrie⸗ fen) mit Recht für den Hanbiſchli(Johann Baptiſt) auf der Ebenalp.

Aber auch den Gefahren gegenüber ſind ſolche Bu⸗ ben völlig Herren ihres Revieres; von der Vermeſſenheit ihres Muthes, von ihrer ſpannfriſchen, nervigen Schlag⸗ bereitſchaft, von ihrer momentanen Entſchloſſenheit, macht man ſich kaum einen Begriff. Sie ſind gleichſam auf der Menſur großgewachſen, haben von Jugend auf den feindlichen Elementen trotzen lernen, und darum überraſcht ſie auch durchaus Nichts. Wehe dem Räuber, der ein Herdeſtück anzugreifen wagt, er hat's mit einem hartnäckigen, beſonnenen und entſchloſſenen Kämpfer zu thun. Am meiſten haben's die Buben auf die großen Raubvögel abgeſehen; wiſſen ſie das Neſt eines ſolchen, ſo iſt's um die junge Brut geſchehen. Beiſpiele von den frecheſten Wageſtücken, um Neſter von Stoßvögeln aus⸗ zunehmen, gibt's in den Alpen allenthalben. Aber auch den Alten gegenüber ſtellen ſie ihren Mann. Ein Bra⸗ vourſtück jüngſter Zeit möge hier Platz finden. Gegen Ende des Juli 1859 befand ſich der vierzehnjährige Knabe Jann Guler auf einer Schafalp im Gemeinds⸗ gebiete von Kloſters(Prätigau), da wo esim Hafen heißt. Schon früher hatte er einigemale einen großen Raubvogel in den Lüften über ſeinem Weideplatze kreiſen ſehen und war deßhalb beſonders aufmerkſam. Eines Tages ſieht er plötzlich ſeine Thiere aufgeſchreckt aus⸗ einanderfahren, und in dermächſten Sekunde ſtürzt ein völlig ausgewachſener Adler hernieder und verfolgt ein in die Legföhren ſich flüchtendes Lamm. Der Knabe, raſch entſchloſſen, ſpringt mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Bergſtecken zu dem Gebüſch, in welches der Raubvogel ſich ſo völlig verſtrickt hatte, daß er von den Flügeln keinen Gebrauch machen konnte; hier hämmerte nun der Knabe ſo lange energiſch auf den Adler ein, bis dieſer tödtlich getroffen erlag.

Nicht mindere Beſonnenheit, Muth, Ausdauer