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(1861) 6 06
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Der Geißbub. 169

Unfalls, welcher Madame Saucour getroffen; dadurch wurde ich mißtrauiſch und ich biete es Niemandem mehr an.

Iſt es ſcheu?

Keineswegs.

Gut, geben Sie mir's; wir werden bei dem Tauſche Beide gewinnen.

René fügte ſich dem Willen Louiſens; die Sättel wurden gewechſelt und bald darauf ritten Beide nach demSchlößchen, um daſelbſt Madame Sau⸗ cour abzuholen.

Viel kleiner als Louiſe, unterſetzt, wenn auch nicht unſchön, machte Lucia zu Pferd eine minder graciöſe Figur; aber was ihr in dieſer Beziehung ab⸗ ging, erſetzte ſie durch eine Lebhaftigkeit, ein Feuer und ein Ungeſtüm, die die Aufmerkſamkeit ihrer Geſellſchaft nothwendig beſonders auf ſich ziehen mußten. Sie trug ein einfaches Sammtmützchen, unter welchem ihre grauen Augen hervorleuchteten.

Rensé, obgleich jeden Augenblick von ſeiner un⸗ ruhigen Nachbarin geſtört, beobachtete dennoch heimlich ſeine Louiſe. Sie zeichnete ſich immer aus, ohne zu blenden; ſie ritt trefflich, ihre Haltung war tadellos; aber auch hier fehlte ihr, wie überhaupt, jenes Feuer, welches ſo leicht und ſo raſch zündet und alles im Sturme mit ſich fortreißt.

(Fortſetzung folgt.)

Der Geißbub*).

(Hiezu die Bilderbeilage.) lüſterndes, ſäuſelndes Glockengeläute, ineinander G verſchwimmend, bald fern vom Winde verweht

und erſterbend, verſtummend, dann plötzlich S wieder laut anſchwellend, im gaukelnden Durch⸗ einander eine akkordloſe Harmonien⸗Fülle, ſtrömt von der Höhe hernieder. Nun tönt einfarbig, hohl, aber doch auch von den Lüften weich modulirt und abgerundet ein Hornruf dazwiſchen, der kommt und geht, bald nah und grell ans Ohr ſchlägt, dann wieder weit, weit hinein in's Schluchten⸗Gewirr der Felſen ſich verkriecht, ein neckiſcher Kobold, der Ver⸗ ſteckens zu ſpielen ſcheint. Du ſtehſt und lauſcheſt dieſem geiſterhaften Klangſpiel, das zauberiſch und unbeſtimmt daher weht, und Dich gefangen hält, ein neuer, wunder⸗ barer Reiz der Alpenwelt. Er iſt der Geißbub, der droben an den Flühen ſeine genäſchige, neckiſche, klet⸗ ternde Herde weidet. Er hat uns erblickt und ein freude⸗ſchmetterndesJuhu ſendet er uns als kernigen Alpengruß herüber. Der Geißbub iſt ein Attribut der Gebirgswelt wie der Lauinendonner und das Alpenglühen, wie der

*) Aus denAlpen in Natur⸗ und Lebensbildern von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ kaubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble.

Erinnerungen, LXXXII. 1861.

Gemsjäger und das fliehende, pfeifende Murmelthier. Er iſt ein Schmuck der Berge, ein jovial die hohen Fluhtoſſen und Felſenwüſten belebendes Element. Wohin kein Senn die ſchweren Thiere treiben darf, weil Weg und Steg verſchwinden und die Kräuterdecke nur wie zerzauſte Flocken am verwitternden Geſteine hangt, da klettert der braune, fröhliche Knabe mit der meckernden Ziegenſchar hinauf und träumt ſich größer und reicher und ſeliger als Ordens⸗Komthure und Kapital⸗Regenten.

Und doch iſt's gewöhnlich der ärmſte Bube des Dorfes, oft vaterlos oder ganz verwaiſt, der nicht die Jugendfreude anderer Kinder kennen lernte, nicht am elterlichen Herde Schutz und Nahrung und Frieden fand. Damit er nicht der Gemeinde zur Laſt falle und früh ſein Brod verdienen lerne, wies ihn die Vormund⸗ ſchaft hinaus in die Einöde des Gebirges, wo ſonſt keines Menſchen Fuß weilt. Dort iſt ſein Aufenthalt vom beginnenden Frühling bis ſpät hinaus ins Jahr; dort zieht Mutter Natur an ihrem Buſen ihn groß und tränkt ihn mit reinem Aether und macht ihn groß und ſtark zum gefährlichen Beruf, den er ſpielend und mit Freude erfüllt. Aber er liebt ſie auch, die nährende Mutter, und der wie ein wildes Reis aufgeſchoſſene, halb verwilderte Knabe ſchwelgt in Genüſſen, die wir bedürfnißvollen Thalmenſchen kaum zu ahnen vermögen.

Der Bergbauer theilt die große reiche Tafel, welche die Alpen ſeinem Viehſtande darbieten, nach ſeiner Kon⸗ venienz, nach der Möglichkeit: den größten Nutzen aus den Weideplätzen zu ziehen, in verſchiedene Klaſſen ein. Was drunten in der Nähe der menſchlichen Wohnungen und in denVorderen Berggütern liegt, das ſchneidet die Senſe für die winterlichen Vorrathskammern, für die aromatiſchen Heuſtöcke ab. Weiter hinauf, was ſanft geneigt als flächenhafte Halde oder Hochmulde ſich aus⸗ dehnt, iſt zu Kuhalpengerechtſamt und verbrieft und wird nach den verſchiedenen Staffeln mit einer beſtimmten Anzahl Viehbeſtoßen undabgeätzt. Was darüber hinausliegt, ſteil und ſteinig wird, wo nur ganz kurzes Futter wächſt, das ſteht imAlprodel alsSchafalp verzeichnet und wird in Tirol und Graubünden an die Bergamasker Hirten verpachtet oder, in anderen Gegenden, ſonſt vomSchäfler ab⸗ geweidet. Und jene Parzellen endlich, die dann noch wilder und zerklüfteter ſind, wo nur Legföhren und Alpenroſengeſträuch den kleinen Kräuterwuchs über⸗ wuchern, oder die Holzſchläge undForſt⸗Stocketen, in denen eine reichfarbig⸗blühende Flora prangt, nach der das große Milch⸗Vieh aber wenig Gelüſten zeigt, dieſe gehören dem Geißbuben und ſeiner Herde an.

Es iſt ein ganz anderes, lebensfriſcheres, be⸗ ſtimmteres Naturell, das aus ſolch' einem Geißbuben herausſchaut, als das träge, verſchwommene Element des ſtrumpfſtrickenden Schäfers in der norddeutſchen Heide, oder des halb ſtumpfſinnigen, platt vegetirenden Dorfhirten in den Agrikultur⸗Diſtrikten. Hier iſt Elaſti⸗ cität, Feſtigkeit, Rage, wenn auch noch ſo roh und naturwüchſig. Durch das tägliche Verweilen in der Wildniß und bei ſteter Uebung werden dieſe 12 bis 16jährigen Knaben ſo vertraut mit allen anwendbaren

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