Heft 
(1861) 6 06
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166 Erinnerungen. Illuſtrirte

trägt nicht mehr ſein Steinchen zu einem gemeinſamen Bau bei, ſondern man baut auf eigene Fauſt.

Ja, ſagte Louiſe,iſt's erlaubt, nach dem, was wir vor uns geſchehen ſehen, über die Künſtler zu urtheilen, ſo fehlt ihnen nicht nur nicht Begeiſterung, ſondern ſie erdrückt und lähmt ſie. Wir haben in der Welt gar kein Recht auf unſere Gedanken und Empfin⸗ dungen, ſie gehören nicht uns; wir verbinden mit un⸗ ſeren eigenen immer die, die vor uns ſchon gedacht und empfunden wurden. Ja, wir ſeufzen unter der Laſt der⸗ ſelben. Wir ſind die Träger der Welt, aber nach Art der Kariatiden: ſie ruht ſchwer auf unſerem Nacken, und wir haben weder Arme noch Beine, um ſie in Be⸗ wegung zu ſetzen.

Kommen Sie, ſagte René,ich erkenne Sie ganz wieder; Sie überlaſſen ſich immer nur Ihren Ge⸗ fühlen, zur That, zum Handeln ſind Sie nicht zu bewe⸗ gen. Sie brauchten nur einen Schritt zu thun, und unſer Beider Glück wäre auf immer gegründet. In der That, Sie verdienen dieſen Vorwurf... Warum wollen Sie nicht meiner Mutter vorgeſtellt werden? Wie ſoll ſie denn wiſſen, daß ſie in Ihnen eine ſo liebenswürdige Tochter finden würde?

Louiſe ſenkte die Augen und ſagte ausweichend:

Ich muß das Gebet für Klärchen verrichten, welches man von mir verlangt hat.

Sie trat dann in die Seitenkapelle ein, rechts vom Chor, wo ſie nach der Ausſage der Frau Tiercelin die Statue des anzurufenden Kirchenpatrons finden ſollte. Die Statue war unförmlich und plump. Louiſe warf ſich auf die Kniee, ohne einen Blick auf ſie zu werfen; ihre Lippen bewegten ſich nicht, aber ihre Ge⸗ ſichtszüge bezeugten die Herzlichkeit und Innigkeit ihres Gebetes; und dennoch war etwas in ihrem Innern, was ihr die Hoffnung raubte. Louiſe wußte, um die Wahrheit zu ſagen, nicht, ob ſie gläubig oder ungläubig ſei. Ihre regelmäßigen amtlichen Beſchäftigungen hatten ihr zur Beantwortung dieſer Frage weder Zeit noch Gelegenheit geboten. Ihre Frömmigkeit war eine un⸗ gleiche und vorübergehende Gemüthsbewegung. Im höchſten Unglücke erhebt ſich die Seele nicht ſelten zum Himmel. Aber, wie alle die, für die das Leben nur ein beſchwerlicher, mühſamer Kampf iſt, ohne die herben Schläge eines unerbittlichen Geſchickes, ſo war auch Louiſe in ihrem religiöſen Kultus nur lau, ja oft ſo⸗ gar kalt. Nichtsdeſtoweniger betete ſie und betete in⸗ brünſtig, weil ſie, ohne es zu fühlen, durch die Anwe⸗ ſenheit René's in der nöthigen Stimmung war; die

Vonne und Innigkeit, die er in ihr Herz ſenkte, theilte ſich ihren frommen Gefühlen mit. Nachdem ſie ihre An⸗ dacht verrichtet, erhob ſie ſich, um den Namen des Hei⸗ ligen auf dem Sockel der Statue zu leſen.

Heiliger Maurillus! ſagte ſie mit einer Art Entſetzen.

Ja, erwiederte René,und ich will Ihnen ſagen, warum ihn das Volk verehrt. Aber was iſt denn das? Sie thun, als wäre Ihnen der Name nicht geläufig. Indeß, Sie brauchen ihn auch nicht zu kennen; er iſt überhaupt wenig gebräuchlich.

Blätter für Ernſt und Humor.

nen höre.

Nach dieſen Worten blickte ſie mit derſelben Hoch⸗ achtung zu der Statue hinauf, die ſie vor dem Taber⸗ nakel bewieſen, und fügte hinzu:

Möchte er mich in ſeinen Schutz nehmen!

Aber ihre Züge verriethen noch immer eine ge⸗ wiſſe Unruhe, und Rensé, der dieſe beſchwichtigen wollte, ſetzte ihr auseinander, daß die Landleute dieſen oder jenen Heiligen oft nur verehren wegen eines Wort⸗ ſpieles, wozu ihr Name Veranlaſſung bot. So werde der heilige Eutropius(weil man ihn von eau de trop, d. i.zu viel Waſſer herleite) von Waſſerſüchtigen verehrt. In derſelben Weiſe bete man bei allen Krank⸗ heiten, welche eine Anſchwellung der Hände und des Geſichtes verurſachen, zum heiligen Maurillus weil man ſpreche Mori, und dieſes gleichzeitig die Benen⸗ nung einer Kryptogame ſei, die bei fleiſchlichen An⸗ ſchwellungen gute Dienſte thut.

Während dieſer Unterhaltung ſchritten ſie langſam der Kirchthür zu, um wieder fortzugehen. In dem Au⸗ genblicke aber, wo ſie aus dem Weihkeſſel Weihwaſſer nehmen wollten, ſprach René:

Dieſer Ort iſt ſo recht geeignet zu unſerer Ver⸗ lobung. Sehen Sie, dieſen Ring habe ich für Sie be⸗ ſtimmt, und mit dieſen Worten ſteckte er ihr einen Ring an den Finger in Form einer Roſe, die mit feinen Per⸗ len gefaßt war;den nehmen Sie, ſetzte er hinzu, nicht als Geſchenk, ſondern als Gelöbniß. Er möge uns auf ewig binden. Sagen Sie mir, Louiſe, daß nichts Sie je von mir ſcheiden wird und daß Sie bereit ſind, mir Ihre Hand und Ihr Herz zu ſchenken.

Ich verſpreche Ihnen mein Herz auf ewig.

Ach, Louiſe, iſt es nicht Stolz Ihrerſeits, wenn Sie in ein noch engeres Verhältniß zu mir zu treten ſich weigern?

Stolz oder Selbſtbewußtſein; Sie wiſſen, das ſind Dinge, die ſich oft nur ſehr ſchwer unterſcheiden laſſen.

Es lag bei dieſen Worten ſo viel Melancholie und Liebe in den Blicken Louiſens, daß René ſich un⸗ möglich durch ihre Zurückhaltung verletzt fühlen konnte.

Er hielt inzwiſchen fortwährend die Hand Loui⸗ ſens feſt.

Ich nehme mein Verſprechen darum nicht zurück, weil Sie mir Ihr Wort noch verweigern; nur Sie kön⸗ nen mir eine glückliche Zukunft ſchaffen; Ihre Liebe wird bald ſtark genug ſein, Ihnen zu beweiſen, daß nichts auf dieſer Welt uns trennen kann.

Warten Sie bis Klärchen wieder geſund ſein wird; ich muß mit ihr zu Rathe gehen. Wenn ſie ihre

Zuſtimmung gibt, ſo werde ich zu Allem bereit ſein, was Sie von mir verlangen.

Dann bin ich meiner Sache gewiß, ſagte René; Klärchen kann unmöglich mit mir in dieſem Falle abweichender Anſicht ſein.

Man begab ſich nun gegen vier Uhr Nachmittags auf den Heimweg. Als der Wagen vor dem Hauſe Re⸗ noults hielt, nahm Louiſe beim Ausſteigen Renés

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