164 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humotr.
Mädchen ſo gefällig und gewandt wie Sie; aber darum bleibt's doch dabei; mein Mann hätte es nicht zugeben ſollen, daß Sie meinetwegen hier blieben; er konnte Sie leicht unglücklich machen, Sie konnten ſelbſt erkranken und dann weiß er nur zu gut, daß ich nicht gerne Ver⸗ pflichtungen übernehme, denen ich nicht entſprechen kann.“
„Aber, Madame, es kömmt mir nicht im entfern⸗ teſten in den Sinn, irgend eine andere Vergeltung als Ihre Freundſchaft von Ihnen zu erwarten für einen Liebesdienſt, den Freunde ſich unter einander freudig und gern erweiſen.“
„Ach! ſagen Sie das nicht, Klärchen; ich weiß etwas, was Ihnen lieber ſein würde als meine Freund⸗ ſchaft. Ich wollte ſchon... aber, liebes Kind, es iſt das eine ſchwere Sache! Indeß, ſie drängt nicht; wir wollen ſehen, nicht wahr? Sie ſind noch ſehr jung...“
Klärchen erwiederte lächelnd:
„Eben weil die Sache gar nicht dringend iſt, ſoll⸗ ten Sie ſich damit nicht abquälen, und wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, laſſen Sie dieſen Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung gänzlich fahren.“
Frau Tiercelin kam aber immer wieder darauf zurück; von dem Gedanken an dieſe Heirat war ſie voll⸗ ſtändig beſeſſen; gab ſie ihre Einwilligung, ſo verur⸗ ſachte ihr das Kummer; gab ſie dieſelbe nicht, ſo machte ſie ſich darauskeinen Vorwurf. Sie hätte es am liebſten geſehen, Klärchen hätte dieſelbe ſelbſt für unmöglich angeſehen.
Alles das konnte am allerwenigſten dem Scharf⸗ blick Klärchens entgehen. Sie ſuchte daher bei jeder Gelegenheit dergleichen Gedanken der Frau Tierce⸗ lin aus dem Kopfe zu verſcheuchen, und— noch war der letzteren Geneſung nicht vollſtändig, als die junge Wärterin ihre Vorkehrungen zur Abreiſe traf. Der Tag der Letzteren war ſchon feſtgeſetzt; aber Abends mußte man an Doktor Renoult ſchreiben, daß ſeine Nichte ein leichtes Unwohlſein verſpüre und daß man deßhalb ihre Abreiſe um vierundzwanzig Stunden aufſchieben mußte. Gleich darauf aber ging ein zweiter Brief ab, der ihn um ſchleunige Herüberkunft bat. Das arme Klärchen war während ihrer Krankenwärterſchaft— angeſteckt worden.
Dieſe Kunde machte auf alle Mitglieder der Fa⸗ milie Tiercelin zwar einen verſchiedenen, aber doch überall einen tiefen Eindruck. Jerome, für den Au⸗ genblick untröſtlich, um die nächſte Zukunft ängſtlich be⸗ ſorgt, hätte gerne ſein halbes Leben für die Geſundheit ſeiner heiß Geliebten hingegeben. Herrn Tiercelin bereitete der Gedanke an die Gefahr, die das arme Kind lief, große Unruhe und mehr Sorge, als ihm je ſeine würdige Ehehälfte eingeflößt hatte; alle Augenblicke hielt er mit thränenden Augen Nachfrage über das Be⸗ finden der Kranken. Vor Allen aber war es Frau Tiercelin, die das Mitleid ganz umgeſtimmt hatte. Sie hatte, wie alle Leute ihres Schlages und Kalibers, mehr Mitgefühl, wenn ſie Jemanden körperlich, als wenn ſie Jemanden geiſtig leiden ſah. Ja, von dem Augenblicke an, wo ſie ihr den erſten Löffel Medicin
reichte, betrachtete ſie Klärchen als ihre Tochter. Fort und fort jammerte ſie:„Welches Unglück war es, daß ich meine Zuſtimmung zu der Heirat nicht gab; das iſt der Grund ihrer Krankheit; ich habe ihr Herz ge⸗ brochen.“. „Werden Sie mir erſt wieder geſund, mein Kind,“ ſagte ſie halblaut zu Klärchen, ſo oft ſie ſichihrem Bette näherte;„man wird Ihnen Ihren Jerome ſchon geben. Fürchten Sie nichts; er wird nicht darauf ſehen, wenn Sie auch einige Pockennarben haben. Wenn man übrigens auf dem Lande lebt, hört's von ſelbſt in Folge der Sonnenhitze, der man ſtets ausgeſetzt iſt, mit dem weißen Teint auf— da iſt nachgerade alles ge⸗ hauen wie geſtochen.“. So oft Klärchen dieſe Troſtpredigten zufällig hörte, konnte ſie nicht umhin, ihre Empörung oder doch ihre Ungläubigkeit durch Zeichen zu erkennen zu geben. Wenn ihre Schmerzen etwas nachließen, was zwar ſelten geſchah, ſo wünſchte ſie ſofort, man ſolle ihr auf's Ge⸗
ſicht Watta legen, weil ſie ſagen gehört, daß die dadurch
eintretende Transſpiration die Beulen leichter heile und das Zurückbleiben von Spuren erſchwere. Der Doktor hatte verſucht, dies Vorurtheil zu bekämpfen; aber ohne Erfolg, ſo ſehr er es auch betonte, daß ſie ſich vor zu⸗ rückbleibenden Spuren der Krankheit gar nicht zu fürch⸗ ten brauche, weil ſie als Kind geimpft worden. Es wur⸗ den allerlei kindiſche Verſuche zur Hintanhaltung ent⸗ ſtellender Folgen gemacht, ſo wie ſie in der vox populi zur Geltung gelangt waren; das Beſte an allen war, daß ſie wenigſtens nicht ſchadeten, wenn ſie auch den erwünſthten Erfolg nicht erzielten.
Louiſe brannte indeß vor Ungeduld, ihre Freun⸗ din zu ſehen; ſie beſtürmte den Doktor täglich, er möchte ſie doch in ihre Nähe bringen; aber er verweigerte dies immer unter dem Vorwando, er befürchte weitere An⸗ ſteckung.
„Fürchten Sie nur nichts,“ ſagte Louiſe,„es iſt kaum ein Jahr her, daß ich zum zweiten Male ge⸗ impft wurde. Nur keine allzu große Vorſicht zur unrech⸗ ten Zeit, lieber Herr Doktor! Die Doktoren wollen nur immer Vorſichtsmaßregeln brauchen, wenn es ſich um die Wiederherſtellung eines Kranken handelt; wenn es ſich aber um ihre eigéne Geſundheit handelt, oder um die ihrer nächſten Anverwandten, dann vertraut man der Natur mehr und läßt ſie ſchalten und walten.“
„Wollen Sie mich etwa durch dieſen Vorwurf einer zeitweiligen Unvorſichtigkeit bewegen, eine neue zu begehen?“
„Das nicht; aber Sie ſollen dieſes Syſtem auf⸗ geben; bis dahin haben Sie überall, wo Sie die Wahl „hatten, die Natur der Wiſſenſchaft und Kunſt unterge⸗ ordnet; jetzt bitte ich Sie, die Kunſt der Natur unter⸗ zuordnen.“
„Sie verſpotten mich,“ ſagte der Doktor,„aber ich verſtehe Sie; bin ich Skeptiker, ſo ſind Sie ganz und gar ungläubig. Wohlan, bei meinem nächſten Beſuche ſollen Sie mit mir zu Klärchen gehen. Was wäre das Leben, wenn die Furcht vor Gefahr uns immer abhielt, unſere Wünſche zu befriedigen, unſere Pläne
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