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Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
weilen. Gegen eilf Uhr beginnen die Audienzen. Pu⸗ blikum findet ſich ſtets dazu ein, denn die verſchieden⸗ ſten Angelegenheiten werden vor den heiligen Vater gebracht und Pius IX. macht wenige Schwierigkeiten. Er ſitzt bei den Audienzen, ganz weiß gekleidet, auf einem Armſeſſel mit hoher Lehne. Vor ihm ſteht ein Tiſch. Jeder Vorgelaſſene macht drei Kniebeugungen. Der Pantoffel wird für gewöhnlich nicht geküßt, nur wenn man abtritt, wird der Ring geküßt. In der Regel ſpricht Pius IX. nur wenige, zwei oder drei Worte in der Sprache, in welcher er angeredet wird, d. h. italie⸗ niſch, franzöſiſch oder ſpaniſch. Engliſch und deutſch iſt ihm nicht geläufig und für dieſe beiden Sprachen iſt ein Dolmetſcher erforderlich. Franzöſiſch ſpricht der Papſt ziemlich gut, nur miſcht er jeden Augenblick ita⸗ lieniſche Wörter hinein. Zu Zeiten unterzeichnet er in voller Sitzung Indulgenzgeſuche, welche ihm ſchriftlich überreicht werden. Solche Geſuche ſind ſehr häufig, und manche Perſonen ſuchen nicht blos um Indulgenz im letzten Augenblicke für ſich, ſondern auch für ihre Kinder und ſelbſt für Verwandte bis in's dritte Glied nach. Mit Bereitwilligkeit zeichnet der heilige Vater meiſt unten hin:„Fiat. Pio Nono.“ Jetzt werden ihm häufig Geld und Beileidsadreſſen überreicht und er ſchreibt dann unten an den Rand der letzteren:„Im- pleat vos Dominus gratia,“„benedicat te Deus et tuam familiam“, oder einige andere wohlwollende Worte. Dabei ſitzt er ſtets ruhig, lächelnd da, und trotzt ſo oft der mächtigſten Aufregung, welche ihn umgibt. Um zwei Uhr beginnt das Mittagsmahl. Der Papſt ißt ſtets allein an einer erhöhten Tafel. Speiſen andere mit, was indeß ſelten geſchieht, ſo eſſen die Gäſte, ſelbſt Fürſten und Könige, an getrennten, tiefer ſtehenden Tiſchen. Eben ſo geht es bei Generalen zu, wenn dieſe zur Tafel gezogen werden. Es wird dann indeß nicht im Vatikan, ſondern im Kaſino des Gartens geſpeiſt. Die Einſamkeit des päpſtlichen Mahles wird ſtets ſtreng feſtgehalten und wie etwas Heiliges betrachtet. Nach dem Mahle hält der Papſt, wie die ganze vornehme Welt in Rom ſeine Sieſta. Um dieſe Zeit iſt kein Kar⸗ dinal zu ſprechen, die Antwort ſeines Dieners lautet Um fünf Uhr Nachmittags findet die Spazierfahrt ſtatt. Sie iſt im⸗ mer feierlich, immer mit Nobelgarden, welche daher galoppiren, immer mit Lakaien, Camerieri und anderen Monſignori, immer mit Benediktionen. Die päpſtliche Kutſche fährt gewöhnlich außerhalb der Stadt, um dem allzuhäufigen Begegnen von Leuten und den Segnun⸗ gen auszuweichen. Dort fährt der heilige Vater oft auf den einſamſten Wegen. Die ihm Begegnenden knieen, wie es Gebrauch iſt, nieder, und es iſt ſchwer, wenn nicht zu viel Menſchen zugegen ſind, ſich dieſem Gebrauche zu entziehen. Nur die Fremden bleiben gewöhnlich ſtehen und grüßen nur durch eine Verbeu⸗ gung. Die Römer knieen faſt alle nieder. Das gewöhn⸗ liche Volk pflegt, während der Papſt es ſegnet, mit den Fingern in der Höhe des Magens ein Hörnchen zu machen, um vor ſeinem böſen Blicke bewahrt zu blei⸗ ben, denn es geht unter ihm das eigenthümliche Ge⸗
ſtets:„La ma Eminenza riposa.“
rücht, daß Pius IX. einen böſen Blick habe, daß er Unglück habe und Unglück bringe, ſelbſt durch ſeinen Blick während der Benediktionen. Das Hörnchen ſoll dagegen ſchützen, wie es überhaupt den Teufel und das Böſe vertreibt. Es gibt in Rom nicht ein Haus, nicht ein Zimmer, in denen es nicht Hörner gebe, aus Mar⸗ mor, Erz, natürliche, oft in rieſigen Größen. Das Horn iſt das römiſche Krucifix. Geht ein Prieſter vorbei, ſo macht eine gute Römerin verſtohlen ihr Hörnchen unter der Schürze, iſt es ein Jeſuit, aber zwei. Nach der Spazierfahrt nimmt Pius IX. um ſieben Uhr ein leichtes Abendbrod, la cena, zu ſich, gibt dann noch einmal Audienzen und ſpielt zum Schluß des Tages eine Partie Billard. Um zehn Uhr verlöſchen die Lichter im Vatikan. Der heilige Vater iſt zur Ruhe gegangen.
Aus dem deutſchen Epigrammenſchatze. (Doderich Benedix iſt auf den guten Gedanken gekommen, eine„Sammlung deutſcher Epi⸗ veßgramme“(Leipzig, bei Hartknoch) zu veranſtal⸗ — ten und hat ihn gut ausgeführt. Wir glauben 8 das Buch nicht beſſer empfehlen zu können, als indem wir einige der weniger bekannten Epi⸗ gramme, die wir darin gefunden haben, an einander reihen. Verlangt unſeren Leſern nach Mehrerem, ſo mögen ſie ſich an die Quelle halten.
Vater und Sohn.
Wer ſich den Vater zum Rechtsfreund wählt, Der iſt fürwahr recht ſehr zu bedauern, Er verliert den Proceß und verliert ſein Geld. Doch wenn ihn der Gram darüber dann quält, Und er an den Sohn, den Arzt, ſich nun hält, Wird er den Verluſt nicht lange betrauern.
Süßer Tod eines Arithmetikers.
Ginge jeder ſo wie er Seinem Richter ohne Furcht entgegen! Ihm fällt's ſicherlich nicht ſchwer Jenſeits ſeine Rechnung abzulegen.
Der Zerſtreute.
Zu meiner großen Plage Muß ich ſchon dreißig Tage In tiefer Trauer geh'n Und weiß nicht mehr für wen.
Ein Mann ein Wort.
„Dein Nachbar will Dein Unglück, Till,“ Sprach Theodat
Der Advokat,


