Heft 
(1861) 4 04
Seite
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Jetzt kommt her, biedere Einſchläferer. Es iſt Zeit und ſchon euer bloßer Name iſt meiner nicht verwöhnten Natur genügend die Lampe brennt düſterer der Wächter pfeift. Gute Nacht!

Wie wundervoll iſt der Morgengenuß einer guten Cigarre. Man hat ſich erſt vergeblich bemüht, dem Ge⸗ dächtniß die Träume aus der vergangenen Nacht zurück⸗ zurufen, dann erſt ſetzt man die vom Burſchen ſchon hergerichtete Kaffee⸗ oder Theemaſchine in Thätigkeit.

Das Waſſer ſingt, die Flamme im Ofen, kann man es irgend haben die des Kamins, kniſtert und die Win⸗ terſonne wirft ihren erſten Strahl über die beſchneete Flur. Die Eisblumen am Fenſter erzählen ſich wunder⸗ ſame Märchen von jenen magiſchen Kräften und Be⸗ dingungen der Natur, denen ſie ihr kurzes Daſein ver⸗

danken. Das undurchdringliche Fenſter geſtattet nicht

den Blicken die Gegenſtände draußen genau zu unter⸗ ſcheiden, aber die Blumen verblühen und zerfließen ſchnell unter den heißen Hauchen der Havanna. Die Kinder des Nordens vergehen vor der Tochter des Sü⸗ dens, aber die Siegerin ſtirbt von dem Siege und ihre Aſche zerſtiebt in den Lüften, während die zähen Nord⸗ landskinder, moderne Phönices, am andern Morgen von Neuem, wo möglich noch in üppigerer Kraft er⸗ blühen.

Dann geht es an die Geſchäfte des Tages, denen wir obliegen können in dem gemüthlichen Raume unſe⸗ res Zimmers. Und ſpäter eilen wir hinaus in den klaren Wintertag, die kalte aber wunderbar reine Luft mit Entzücken einſchlürfend. Die Cigarre aber, die kleine, treue Begleiterin verläßt uns auch hier nicht, ja ſie ge⸗ währt uns nebenbei noch das ſchöne Schauſpiel, zu ſehen, wie der aus Gluth entſtandene Hauch ſich mit dem Athem des kalten Nordens vermält.

Unſer Diner kann nicht ſo prächtig ſein, wie wir oben angegeben, es iſt einfach und ſchmackhaft und doch iſt das dolce far niente nachher ein vollſtändig be⸗ friedigendes, da wir, nach vieler Mühe, die Kunſt des an nichts Denkens begriffen haben.

Dann nicken wir wohl ein Wenig, gehen aber bald wieder an die Arbeit, um frei zu ſein, wenn die Dämmerung von Neuem anbricht, um uns von Neuem treiben zu laſſen auf das ungewiſſe aber ſchöne, wo⸗ gende Meer der Phantaſie.

Schön aber iſt es von der liebenden Vorſehung, daß ſie ein Kraut wachſen ließ, aus welchem für mich und gewiß auch noch für manchen anderen Mann eine Freundin hergeſtellt werden konnte. Und ich werde treu zu der Fahne dieſer Freundin halten, die ſo leicht transportabel iſt, und nur eine Bitte nähren, daß ſie billiger werden möge. Ich kenne keine Eiferſucht und gönne ihre Erwerbung auch dem ärmeren Bruder.

Das Haberfeldtreiben.

edes Land hat ſeine Gebräuche, jeder Volksſtamm ſeine eigenthümlichen Sitten. Sie wachſen meiſt aus dem innerſten Weſen des Volkes heraus und 9 haben zum größten Cheile eine tiefere ſinnige Be⸗ deutung. So auch das Haberfeldtreiben. Es iſt ein Ueberreſt der urgermaniſchen Rügegerichte, der ſich in einzelnen Gegenden des baieriſchen Oberlandes zwiſchen Inn und Iſar, insbeſondere im Cegernſee ſchen, Miesbach'ſchen, dann in den gebirgigen Theilen der Landgerichte Roſenheim und Aibling bis auf die jüngſte Zeit erhalten hat und die Rüge jedweden öffentlichen Aergerniſſes bezweckt, vor Allem, wenn ein ſolches von angeſeſſenen Perſonen, oder gar von Beamten, Geiſtlichen u. dgl. begangen wird.

Es wird von einem förmlich organiſirten Geheim⸗ bunde geleitet, an deſſen Spitze die Haberfeldmeiſter ſtehen, welche nur angeſeſſene, verheiratete und gut beleumundete Männer ſein können. Wird dieſen ein ſolcher ärgernißgebender Lebenswandel angezeigt, ſo erfolgt zunächſt eine Warnung an den Schuldigen, entweder mündlich durchAnſagen, oder bildlich durch Ausſchneiden von Spänen an der Thür ſeines Hauſes. Bleibt dieſe Warnung erfolglos, ſo verſammelt ſich plötzlich in der Nacht eine Schar von mehreren hundert Männern und Burſchen vor dem Hauſe des Schuldigen, die aber nie von dem nämlichen Orte ſind, ſondern oft viele Meilen weit herkommen. Der Schuldige wird ſofort an's Fenſter oder auf dieLoabn citirt, worauf ihm einer von den Verſammelten in Knittelverſen ſein Sündenregiſter verlieſt. Dann folgt eine Katzenmuſik, worauf die Haberfeldtreiber ſich ſpurlos, wie ſie ge⸗ kommen, wieder zerſtreuen.

Wir mußten zum Verſtändniß dieſe Worte voraus⸗ ſchicken und folgen nun der trefflichen Erzählung von Clemens SteyrerDurch Irren zur Einſicht, ein Sitten⸗ bild aus dem ſüdbairiſchen Volksleben unſerer Tage. (Stuttgart, Verlag von Gebrüder Scheitlin.)

Die Buchau iſt ein ſtilles Hochthal an der Tiroler Grenze. Grüne Waldhügel ſchließen ſie von allen Seiten ein und hoch darüber ragen erſt die ſchroffen, zerklüfteten Felsriffe des Hochgebirges, wodurch dieſes ſonſt ſo freundliche Thal einen mehr großartigen, beinahe wilden Charakter erhält. Ein friſches Forellenwaſſer rauſcht mit luſtigem Geplätſcher durch das Thal, um an deſſen Aus⸗ gange in ſchäumenden Kaskaden in die Tiefe zu ſtürzen, wo es noch etliche Mühlen treibt, dann aber in raſchem Laufe dem Inn entgegeneilt, der es mit Freuden in ſeine grünen Wellen aufnimmt und in die weite Ferne mit ſich hinausführt. Dieſer Bach theilt die Buchau in zwei, beinahe gleiche Hälften. An ſeinen Ufern, bis an die Berge hin, lagern fette Wieſen. Hier und dort ſteht ein Feld Weizen oder Türkenkorn, und dazwiſchen liegen die ſtattlichen Höfe der Einödbauern, welchen die ganze Buchau mit all' ihren prächtigen Wieſen und reichen, weitläufigen Bergwaldungen zu eigen iſt.

Ungefähr ein Dutzend ſolcher Bergeinöden gibt es

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