116 Erinnerungen. Illuſtrirte einer von den Gefährten und Genoſſen, und verdorben iſt leider auch manch einer. Und die übrig blieben, ſchreiben mir nicht, und ich ſchreibe nicht ihnen, denn ſie wiſſen und ich weiß es, daß unſere Geiſter bei einander weilen auch ohne daß das Wort uns deſſen verſichert. So leben wir ein geiſtiges Leben, das vielleicht reeller iſt, als jenes des werthen Kadavers.—
Eine Wolke zieht vor den Mond. Ah, Du willſt mich erinnern, alter Herk dort oben, daß auch eine Wolke vor mein Leben gezogen iſt, ſchwarz und düſter, und daß ich oft vergebens ſchon gekämpft habe ſie zu zerſtreuen. O, ich habe ſchon Manches gethan, was andere mir als unmöglich anſchwärzten, ich that es, weil ich es eben thun wollte. Und dieſe Wolke will ich zerſtreuen, be⸗ ruhige Dich alſo und jage auch Deine Wolke fort. So
Blätter fü
iſt's hübſch, aber lächle gefälligſt ein Bischen wohlge⸗
fälliger. Siehſt Du, ſo lieb' ich's. Woher wir nur ge⸗ lernt haben uns zu verſtehen, ich kenne doch Deine
Sprache nicht und Dir ſollte es wohl ſchwer werden, p
ein redliches, wenn auch hausbackenes Deutſch zu ſpre⸗
chen. S'iſt ein merkwürdiges Faktum, aber eben ein
Faktum.
Nun, wo biſt Du geblieben? O ſchade, ſchwarzes, düſteres Schneegewölk iſt aufgezogen und verbirgt Dich meinen Blicken für heute.— Doch halt, noch einmal ſiegt er, adieu für heute, ſchlaf wohl.
Finſter iſt es draußen, finſter in der Stube und auch die Cigarre iſt im Verglühen.
Aber nicht lange und um ſo heimlicher wird es im Stübchen. Die Lampe brennt, dichte Rouleaus hindern das Schneegeſtöber draußen zu ſehen. Nicht am Fenſter iſt jetzt mein Platz, ſondern dort in der Sophaecke, den Tiſch mit meiner Schreiberei vor mir, gleich links die Bücherſpinde und rechts die Lampe. Da überkommt mich
Ernſt und Humor
Er hätte eine abſcheuliche, längere Rede über das Ver⸗ derbliche des Tabaksgebrauches gehalten, und mir durch mediciniſche Explikationen und Aphorismen vielleicht den Gebrauch und Genuß meiner Freundin und Trö⸗ ſterin in einſamen Stunden verdorben.
Was ſollte ich mich aber abhalten laſſen von einem ſolchen armſeligen Haar. Es wäre lächerlich, jetzt nach Entfernung des Haars die Cigarre fortzulegen, deren Genuß doch vorher ſo befriedigend war. Und dann in wie vielen Sachen habe ich ſchon ein Haar gefunden! und leider Gottes war die Sache mir dadurch doch nicht verleidet worden.
Und nun die letzte Cigarre vor dem Schlafengehen.
Sie ſchmeckt ſtets am beſten, denn es iſt die letzte vor einer Trennung von mindeſtens acht Stunden. Sie ſoll mich vorbereiten auf die Ruhe für Körper und Geiſt, denn erſt wenn die erſte Hälfte der Cigarre aufgeraucht iſt, greife ich zu den Werken moderner Philoſophen, die dann das Uebrige thun.
Ruhe iſt ein herrliches Wort und eine behagliche Ruhe wohl einer der ſchönſten Genüſſe. Solch ein mit Verſtand ausgeführtes dolce far niente kann durch nichts übertroffen werden. Das kennen die meiſten Menſchen nicht, denn es iſt eine Kunſt, mit Verſtand nichts zu thun. Jeder Menſch aber, der nicht unter der Laſt peinigender Gewiſſensangſt zu ſtöhnen hat, iſt fähig, dieſe Kunſt zu erlernen.
Man nehme ein gutes, womöglich vorzügliches Diner ein, trinke nach der Suppe ein Gläschen Madeira
und dann während des Diners ein Fläſchchen guten
das Gefühl der wohlthuendſten Behaglichkeit, ſo iſt es
reizend und recht con amore fann nun geſchrieben werden.
Schreiben? Nein, heute nicht, der Abend begann ſo ſchön, laßt mich weiter ſchwärmen, träumen und phantaſiren.
Und die zweite Cigarre beut mir das braune, von Freundeshand geſchenkte Etui.
Weit, draußen, in der Havanna, ſchneit es nicht, herrſcht milde Luft, ausländiſch Gewächs und Fieber. Ob wohl die Schwarze noch leben mag, welche dieſe Cigarre mit kunſtgeübter wenn auch ſchwarzer Hand ge⸗ macht hat? Ich möchte ein Zeichen haben, ob ſie noch zur ſchwarzen Vegetation zählt, ich möchte es wirklich gern wiſſen, ich gebe etwas darum. Was Teufel kitzelt denn meine Zunge; wie? ein Haar, ein gekräuſeltes nicht gerade ſeidenweiches Haar! Auf welche Weiſe kommt dieſes Haar in ſolchen wohlgeformten Tabaks⸗ eylinder und ich muß es jetzt finden, bei verſchwiegener, zu Betrachtungen und Nachdenken auffordernder, ſtiller
Abendzeit! Es iſt zwar maliciös vom Schickſal, mir ſolch' ein Lebenszeichen der Schwarzen zu ſpenden, doch
iſt wenigſtens meine Bitte erfüllt. Mag es gut gehen
der Kleinen, ich wünſche es ihr und nebenbei auch ein
Fläſchchen eau de Lob. Gut, daß mein Freund Dr. X. nicht zugegen war.
Sechsundvierziger, dem man zum Deſſert ein kleines Glas Malaga folgen läßt. Dann trinke man eine Schale guten Kaffee's, brenne eine Havanna oder Manilla an und lege ſich auf ein Divanſopha in die muöglichſt be⸗ quemſte Lage. Kann man es aber irgend haben, ſo wähle man ſtatt des Sopha's lieber den amerikaniſchen Schauckelſtuhl, der durch die kleinſte Bewegung in ein anmuthiges Wiegen verſetzt werden kann. Iſt das ge⸗ ſchehen, ſo ſehe man nach der Decke des Zimmers oder nach einem beliebigen, wo möglich verſchwimmenden Punkt vor ſich. Nun denke man an nichts, rauche aber ruhig weiter. Wer das erſtere nicht kann, der denke an eine einſtige deutſche Flotte, das iſt dasſelbe. Im Uebri⸗ gen lernt man durch einige Uebung das an„nichts“ Denken ſehr leicht, auch kann ich nicht unerwähnt laſſen, daß Leute, welche ein ſolches Diner ſich gönnen, wo möglich oft gönnen können, von vorn herein das Talent: an nichts denken zu können, mit ſich herum⸗ tragen und durch Uebung am leichteſten dieſes Talent ausbilden.
Nach einer halben Stunde, während welcher Zeit der Körper die bei richtiger Verdauung ſtets eintretende wollüſtige Ermattung gefühlt hat, kann man dann ein Wenig des edlen Schlafes pflegen oder man kann ſei⸗ nem Geiſte eine nicht große Anſtrengung im wachen Träumen auferlegen.
Fehlt das beregte gute Diner, ſo braucht man nur die übrigen Vorſchriften zu erfüllen, um eines leidlichen dolce far niente ſich zu erfreuen.——
und Nat Wä


