Eine Cigarrenphantaſie.
gehört, und wenn nicht, vererbe auch er ihn. Sein Sohn wird ihn dann betrachten als ein verwunderſames Zeichen der Thorheit ſeiner Vorfahren.
Wo ſind hingekommen die Attribute vorzeitlichen gemüthlichen Stilllebens: die Pfeifen. Hat doch beinahe auch der Student, in dieſer Beziehung ſonſt ſo konſer⸗ vativ geſinnt, ſie abgeſchworen. Nur hin und wieder noch findet ſich eine ſchöne Anhänglichkeit an die geheiligte Sitte der Väter. Aber immer mehr und mehr muß ſie Platz machen der Alles vor ſich niederwerfenden Cigarre. Die moderne Bequemlichkeit und die moderne Verſchwendungsſucht ſind der Cigarre mächtige Bundes⸗ genoſſen.
Ich ſchäme mich, wenn ich mein wohlbeſetztes Pfeifen⸗ brett betrachte und den wohlgefüllten Tabakskaſten, den eine zarte Hand mir einſt verehrt hat. Ich bin ein begeiſterter Verehrer der Pfeife, aber ſelten, ſehr ſelten berühren meine Lippen die einladenden Spitzen der Rauch⸗ inſtrumente. Es iſt Bequemlichkeit und Unluſt Pfeife zu ſtopfen, die meinen Treubruch veranlaßten. Dieſer Bequemlichkeit aber ſchäme ich mich aufrichtig und wahr⸗ haftig von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüth. Der Teufel der Neuzeit jedoch hält mich feſt in ſeinen Krallen, ich kenne die Schwäche, verwünſche ſie, klage mich an und bezahle ruhig in jedem Viertel⸗ jahr ein anſtändiges Sümmchen an den Cigarrenhändler. Gegen den Zeitgeiſt aber kämpfen die konſervativſten Ritter ſelbſt vergebens; ich ergebe mich in mein Schickſal.
Der Tabak und die Pfeife, zu welchen hochpoetiſchen Gedichten begeiſterten ſie nicht die Leierſchläger früherer Zeiten.
Zu welcher Erhabenheit des Gedankens ſchwingt ſich der alte Gleim hinauf, wenn ſein Auge die Pfeife trifft:
Mauſoleen, Pyramiden, Tempel Werden Trümmer, werden Staub. Alles wird der Zeit zum Raub:— Meine Pfeife zum Exempel.
Wie wunderbar ſchön iſt jenes reizende Lied, das gleich nach dem Schiller'ſchen Dithyrambus„an die Freude“ erſchien, und die Pflanze aus der Familie der Nicotiana preiſt! Schiller ſingt:
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund. Und wer's nie gekonnt, der ſtehle ꝛc.
Der Tabaksdichter aber ruft: Ja, wer auch nur Lauſewenzel Schmaucht in ſeinem irdnen Topf,
Schließe ſich an uns als Schwänzel, Und wer's nicht kann, bleib ein Tropf.
Was hat die Neuzeit aufzuweiſen an poetiſchen Verherrlichungen ihres Götzen: des Glimmſtengels?
Es gibt wohl Verſuche, aber erheben ſie ſich in ihren Vergleichen und Anſchauungen bis zu Mauſoleen, Pyramiden, Tempel? O nein.
Die Cigarren und die Menſchen Sind in vielem ſich ganz gleich. Beide ſind oft ſchief gewickelt,
Bald zu hart und bald zu weich.
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Recht praktiſche Ideen in recht realer Anſchauungs⸗ weiſe. Was aber der ſelige Leſſing zu dieſen Verſen ſagen würde, mögen die Götter wiſſen.— Und doch, doch kann die Cigarre dem einfachen und einſamen Manne recht lieb und werth, eine theure und treue Freundin werden, denn ſie iſt einfacher als die komplicirte Pfeife, und einſamer als der Tabak in der Pfeife, der doch mit Porzellan, Horn, Rohr ꝛc vielfachſt in Berührung kommt.*
Bilde Dir ein, mein guter Leſer, daß ich ein einfacher und einſamer Mann bin, und laß Dir etwas vom zärt⸗ lichen Umgange mit meiner Freundin, der Cigarre, er⸗ zählen. Nur einen Tag, das heißt, einen Zeitabſchnitt von vierundzwanzig Stunden, ſei mein Gaſt und ver⸗ zeihe, wenn ich, wie Hippel einſt, in meiner Betrachtung nicht den breitgetretenen Pfad wähle, alſo nicht am Morgen anfange.
Ein klarer, ſonniger Wintertag, denn auch im Winter gibt es ſonnige Tage, iſt eben beſtattet worden. Die Dämmerung iſt eingetreten und mächt deutliche Bemü⸗ hungen in Nacht überzugehen.
Ich ſitze in meinem warmen, traulichen Stübchen und habe den Stuhl anss Fenſter gerückt. Hinaus ſchaue ich in die klare Luft, welcher ausnahmsweiſe der landes⸗ übliche Winterdämmerungsnebel fehlt. Mir iſt, als könnte ich die Kälte ſehen.
Frieden und Stille herrſchen rings umher, Gott ſei Dank, es iſt auch Frieden in mir. Ich bin ſo allein, ſo ganz allein, vorläufig vom Geſchick verſchlagen in dieſes kleine Landſtädtchen. Nicht fremd bin ich hier, es iſt ja mein Heimatſtädtchen, aber ich bin ihm mehr entfremdet, als ich bisher glaubte. Wenigſtens ohne Freund bin ich hier. Ich bin ſehr allein.
Da fällt mein Blick auf eine zierlich gebaute Taſche von Leder. Es iſt ein engliſches Cigarrenetui; von einem Freunde mir mitgebracht, noch bevor daran zu denken war, daß ſolche Futterale einſt auch in Deutſchland ſo ſehr in die Mode kommen würden.
Und ich langte nach dem Etui und nahm eine der duftenden Havannas. Draußen ging der Mond auf und ſah neugierig in meine Fenſter. Ich weckte den alten Geſellen und Freund, indem ich würzige Rauchwolken zwiſchen ihn und mich brachte. Er konnte nur ſelten mein Geſicht ſehen, gelang es ihm aber, dann ſchien er mich ernſt und bekümmert anzuſchauen, als wolle er ſagen: Du mußt fort, fort von hier, Du mußt wieder hinaus
in's Leben.
Ja, alter Freund, das will ich, hinaus in's Leben, hinaus zu meinen Freunden. Aber jetzt, in dieſem Au⸗ genblicke, bin ich nicht mehr allein und einſam. Ich habe Dich alten grämlichen Rathgeber vor mir(werde nur nicht gleich wieder böſe, ich weiß ja, daß Du es gut meinſt) und dieſe glühende Freundin an meiner Lippe. Sie erinnert mich an die Freunde und mein Bischen Phantaſie zaubert ſis alle um mich her.
Ich denke an Poſen und Frankfurt, an Weimar und Koburg, an Leipzig und Glogau, an Jena und Berlin. Verrauſcht ſind jene Zeiten, verrauſcht mit dem größten Theile der Jugend. Und geſtorben iſt manch
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