114 Erinnerungen
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor
Eine Cigarrenphantaſie. Von M.
A” welches Jahrhundert, o welche Zeit, in der wir leben. Wo iſt die Poeſie der ſonſtigen gemüth⸗
22¶ Plichen Tage, die Poeſie, welche die damals noch zartbeſaiteten Herzen ſich für Ideale begeiſtern ließ, ſo der Epigonenwelt kaum noch dem Namen nach bekannt ſind. Reales Leben und Real⸗ Schulen und dabei doch ſelten etwas Reelles! Wo ſind ſie hin, die ſchönen Tage der Siegwartzeiten und ſenti⸗ mentalen Liebe? Wo ſteht heut noch ein liebender Jüngling ſtundenlang vor den Fenſtern der Theuren, die Laute im Arm und ſchwärmeriſche Melodien im Kopfe? Die alten ſchönen Lieder ſind vergeſſen, die alte Mutter und Großmutter nur laſſen die Blicke weh⸗ müthig haften auf den kleinen Büchern, in die ihre Hand, vor Zeiten! die Gefühle des Herzens einſchrieb, in der Form, welche die zeitgemäßen Poeten dafür am paſſend⸗
ſten hielten.„Hebe, ſieh in ſanfter Feier“ o welche
Erinnerungen ſteigen da auf;„das waren mir ſelige Tage,“ o, weiß Gott, das waren ſie;„ich denk an euch ihr himmliſch ſchönen Tage der ſeligen Vergangenheit,“ ja wohl, und mit Thränen, die ihrem Andenken geweiht ſind,„ich denke dein, wenn ſich der Abend röthend im Hain verliert, und Philomelens Klage leiſe flötend die Seele rührt,“ und auch nun denkt ſie ſein, der in die kühle Erde ſich betten ließ, nachdem er ſein drittes En kelchen geküßt hatte.„Schwermuthsvoll und dumpf er ſchallt Geläute vom bemoſten Kirchthurm herab,“ das war das erſte Lied, das er ihr in's Album geſchrieben hatte.
Und dieſes Album! Die Blätter ſind ſtarkes, feſtes Büttenpapier, der Einband iſt nur dauerhaft, nicht ele⸗ gant. Die Schriftzüge tragen den Stempel und Typus der Zeit und verſchiedene Anzeichen, die darauf hindeu⸗ ten, daß die Stahlfeder noch nicht erfunden war. Wohl mag es dem verzärtelten Jahrhundert des Goldſchnitts wunderbar vorkommen, daß man auf ſo antediluviani⸗ ſches Papier mit petrefaktiſchen Federn und vorweltlichen Buchſtaben Empfindungen, Verſe ſchreiben konnte. Verſe, aber was für welche! ſagt das halbwüchſige Penſions⸗ dämchen, das ſchon mehr Liebeserfahrungen und Liebes⸗ ſchwüre in dem noch werdenden Buſen herumträgt, als damals gereifte Gattinnen thaten.
„Verſe, und was für welche!“— Als ob das Gemüthvolle nicht tauſendmal beſſer wäre als das Ge⸗ klingel und Gebimmel.
Es war freilich das Jahrhundert des Zopfes, aber es war auch das Jahrhundert, das Schiller und Goethe und den alten Fritz erzeugte. Und unſer Jahrhundert? Das Gott erbarm'.
„Als ich auf meiner Bleiche,“„mein Herr Maler will er wohl,“„verzeihen Sie mein Herr Baron, mein armes Herz das wählte ſchon,“ das ſind doch Alles, weiß Gott, wenn auch einfache, ſo doch hübſche Lieder. Und ob man das von den meiſten derer ſagen kann, die
jetzt in Albums und auf dem Klimperkaſten Mode ſind das wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen.
Kurz, es war doch eine recht ſchöne Zeit, die alte, gute Zeit. Und damals die Lindenbäume! O, das mußte (ja poetiſch werden. Die Aeſte reichten hinauf bis nach ihrem Fenſter, das ſie Abends öffnete, um anſcheinend den entzückend balſamiſchen Duft der Blüthen einzu⸗ ſaugen. Aber ſchon nach wenigen Minuten bewegten ſich ihre Lippen und aus der Linde erſcholl ein Flüſtern, daß man meinen mußte, die Dryas konferire mit der ſchönen Jungfrau. Denn die Großmutter war ſchön! Näheres Hinſchauen hätte uns wohl überzeugt von der Natürlichkeit des Vorgangs. Der Vielgetreue war nur hinaufgekrochen, um ſo recht con amore mit der Herz⸗ allerliebſten manch' Wort von Lieb' und Treue zu wech⸗ ſeln. Aber gehorſam entfernte er ſich dann, wenn es ihm die Jungfrau gebot, die keuſch und züchtig nun ihr Lager aufſuchte.
Das war damals, als noch die Lindenbäume ſtan⸗ den. Aber ſie ſind verſchwunden wie die alte Zeit ver⸗ ſchwunden iſt, kaum daß auf Dörfern noch hin und wieder ein Exemplar von geſchwundener Pracht zeugt, und auch dieſes, ſchon geborſten, kann ſtürzen über Nacht.
Wo aber noch der Lindenbaum ſeine weiten Zweige dem Himmel entgegenſtreckt als einſamer, müder Poſten, als Zeichen der wandelbaren Welt, welchen profanen Zwecken muß er oft jetzt dienen. Denn auch er beſchattet das Fenſter einer minniglichen Maid, auch er wird von nächtlichen männlichen Gäſten beſtiegen, aber kein koſend Wort flüſtert durch die Zweige und durch den Blüthen⸗ duft; die Jungfrau weiß nicht einmal, daß lüſterne Blicke draußen, aus den verſchwiegenen Aeſten des Baumes, ihren üppigen Reizen entgegenlauſchen.
So war es einſt, ſo iſt es heute, wie wird es morgen ſein? Doch quid sit futurum cras, fuge quaerere!
Und unſere Väter in ihren jungen Jahren, unſere Großväter, was waren das für Männer, abgeſehen na⸗ türlich von dem Zopfe. Sie konnten, mußten und wollten auch ihre Körperſchönheit zeigen, und war ſie nicht vor⸗ handen, eine ſolche leihen. Schnallenſchuhe, Waden⸗ ſtrümpfe, Schenkelhoſen, die letztern beiden mit geheimen Fächern zur Bergung von Watte verſehen. Dazu die lange Weſte, der lange Rock oder Frack und der Drei⸗ maſter, das waren kräftige Geſtalten, die ſo einherſchritten. Mit Wehmuth betrachte ich ein Paar ſchwarz ſeidene Strümpfe, die ich von meinem ſeligen guten Vater erbte. Der alte Herr ruht nun ſchon lange in der Erde und dachte
wohl nicht, als er vor mehr als einem halben Säkulum die Strümpfe kaufte, daß jene Strümpfe in einem phantaſtiſchen Kapitel vockommen würden. Nun dieſe Strümpfe ſoll einſt mein Sohn erben als Andenken an den Großvater, und dazu irgend ein modernes Kleidungsſtück als Andenken an mich. Die Strümpfe kann er vielleicht wieder brauchen, denn ſolche alte Waare hält ganz vortrefflich und in die Mode werden ſie viel⸗ leicht auch wieder kommen.„Es iſt Alles ſchon dage⸗ weſen“ ſagt der bekannte Mann im Uriel Akoſta. Ich werde für ihn einem von den nichtswürdigen ſchwarzen Cylinderhüten aufhe ben, die haben hoffentlich dann auf⸗


