112 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor
Die verhängnißvolle Vermälung ward vollzogen, wenn anders ein Trugſpiel, in dem Prieſter und Notare und Zeugen verkappte Helfershefer ſind, dieſen heiligen Namen verdient.—
Es war ſeitdem noch nicht viele Zeit verfloſſen, als Orlow ſeiner jungen Gattin zu verſtehen gab, daß Piſa ein ungleich angenehmerer Aufenthaltsort ſei als Rom; ſie würden dort weniger als in der Haupſtadt der chriſtlichen Welt den Augen der Geſandten aller europäiſchen Mächte und ihren Nachſtellungen ausge⸗ ſetzt ſein; dort würden ſie ruhig den Zeitpunkt erwarten können, wo ſich ihr Schickſal, mit dem ja jetzt auch das ſeine verknüpft ſei, entwickeln mußte. Kein Widerſtand, nicht einmal ein Einwurf; geduldig wie ein Lamm folgte das Schlachtopfer ſeinem Würger.
Sie kamen in Piſa an, wo ſie ein geräumiges, prächtig ausgeſtattetes Hôtel erwartete. Obwohl der Gräfin Orlow Alles entgegeneilte, obwohl ſie mit aller erdenklichen Ehrerbietung behandelt wurde, ſo verbargen ſich doch hinter den Blumen und Feſtons die Sklaven⸗ ketten; ohne daß ſie davon noch eine Ahnung hatte, war ſie eine Gefangene, die nur in Begleitung ihres ver⸗ meintlichen Gatten, oder nur mit deſſen ausdrücklicher Erlaubniß das Haus verlaſſen durfte. Die Loge im Schauſpielhauſe beſuchte ſie nie anders als unter dem Nachtritt ihres Gefolges, und während des Spiels beob⸗ achteten ſie ſieben bis acht Späer aus angemeſſener Ferne.
Einige Zeit nachher ankerte die ruſſiſche Flotte unter der Anführung des Admirals Gluck, eines Eng⸗ länders von Geburt, in Livorno. Die Nachricht davon gelangte auch nach Piſa; Orlomw theilte ſie der Prin⸗ zeſſin beiläufig mit, indem er ihr zugleich die Größe und Pracht der ruſſiſchen Kriegsſchiffe in den lebhafteſten Farben ausmalte. Dies erregte die Luſt der jungen Frau dieſe Herrlichkeit zu ſehen, und der liebevolle Gatte ſchlug ihr eine Luſtreiſe nach dem nur wenige Meilen entfernten Livorno vor, wo ſie nächſt der Flotte auch die Stadt und den Hafen, die er ihr ſo enthuſiaſtiſch ge⸗ ſchildert, in Augenſchein nehmen wollten.
Die Prinzeſſin war über die bevorſtehende Luſt⸗ partie entzückt wie über die Zuvorkommenheit ihres Gatten, ſie dankte ihm mit ſo zärtlichen Ausdrücken, daß, wenn er kein Ungeheuer geweſen wäre, einer ihrer Blicke hingereicht haben müßte, ihn von ſeinem verwerf⸗ lichen Vorhaben zurückzuhalten.
Am feſtgeſetzten Tage reiſten die beiden Gatten mit ihrem gewöhnlichen Gefolge nach Livorno und ſtie⸗ gen im Hauſe des engliſchen Konſuls Dicks ab, wo ſie mit der außerordentlichſten Ehrerbietung aufgenom⸗ men wurden. Des Konſuls Gemalin und die des Ad⸗ mirals gingen ihr entgegen, begleiteten ſie überall hin und verließen ſie auch nicht auf einen Augenblick. Man hätte glauben ſollen, daß Beide ſie wie ihr eigenes Kind liebten und in ihr die künftige Beherrſcherin eines der mächtigſten Reiche der Welt verehrten. Sie bildeten ge⸗ wiſſermaßen ihren Hof. Das Volk von Livorno, durch den Schein betrogen, ſtürzte ſich haufenweiſe auf ihren Weg und verſchwendete allen Weihrauch, der der Eitel⸗ keit der Großen ſo ungemein ſchmeichelt.
Alle Arten von Ergötzlichkeiten waren endlich er⸗ ſchöpft, dhe man den Vorſchlag laut werden ließ, die Flotte zu beſichtigen; die Stunde wird feſtgeſetzt, die beiden Frauen und der Konſul begleiten ſie. Alle Vier beſteigen ein prächtig geſchmücktes Boot, das ſie nach dem Admiralſchiffe bringen ſoll; auf einem anderen folgt Graf Orlow, ein drittes iſt mit ruſſiſchen und engli⸗ ſchen Officieren, in ruſſiſchen Dienſten, beſetzt. Kaum näherte ſich das erſte Boot dem Kriegsſchiffe, als ein prächtiger Lehnſeſſel zur Aufnahme der Prinzeſſin herab⸗ gelaſſen wird. Man ſagt der Prinzeſſin, daß dies bei ſolchen Einladungen Gebrauch ſei, und ſie fühlt ſich durch alle dieſe Ehrenbezeigungen und Beweiſe der vorzüglichen Achtung unendlich geſchmeichelt, denn ſchon bei ihrer Annäherung war ſie durch eine Generalſalve der Artillerie begrüßt worden, und eine vortreffliche Muſik bewillkommte ſie jetzt.
Berauſcht von den Eindrücken des Augenblickes, ſetzte ſich die Prinzeſſin in den Tragſeſſel, und dieſer ward ſofort aufgewunden; aber ſtatt eines glänzenden Empfanges, wie ſie ihn nach allen dieſen Vorſpielen wohl zu erwarten berechtigt war, findet ſie einen Kerker⸗ meiſter, der ihr ihre Gefangenſchaft ankündigt, Feſſeln anlegen läßt und ihren Aufenthalt im Schiffsraume anweiſt.
In der Frühe des andern Morgens lichtete die Flotte ihre Anker und verließ den Hafen, um triumphi⸗ rend nach den heimiſchen Gewäſſern zu ſegeln.
Der erſte Akt dieſes grauenvollen Tages, die Ge⸗ fangennahme der Prinzeſſin, hatte in Gegenwart einer zahlloſen Zuſchauermenge ſtatt; Niemand ahnte ſie und doch drang die Nachricht von dem trübſeligen Ausgange dieſes prächtigen Feſtes noch vor Einbruch der Nacht bis in alle Schichten der Bevölkerung und rief eine um ſo unverholenere Mißbilligung wach, als man über den Schlußakt kaum in Zweifel ſein konnte. Orlow ließ ſich davon nicht anfechten, er gab ſich nicht einmal die Mühe, ſeine Ränke zu verheimlichen, wie ſehr ihm auch der Großherzog deßhalb zürnte. Vergebens ſchickte dieſer Couriere nach Wien und Petersburg, und beſchwerte ſich bitter über das verletzte Völkerrecht, ſeine Klagen und Vorſtellungen verhallten ſpurlos, und wenngleich Or⸗ low und die ruſſiſchen Officiere noch in ſeiner Gewalt waren, er wagte doch nicht, ſich an ihren Perſonen zu vergreifen, und ſo Katharina zu zwingen, die aus einem gaſtfreien Lande geraubte Tochter Eliſabeths wieder in Freiheit zu ſetzen.
Die Geſchichtsbücher ſchweigen über das Los, wel⸗ chem das unglückliche junge Weib anheimfiel, aber darf man es glauben, was hin und wieder geſagt worden iſt, daß die Tochter Cliſabeths unter den Knuten⸗ ſtreichen ihrer Henker das Leben aushauchte?
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