Heft 
(1861) 4 04
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Die Tochter

Eliſabeths. 111

vorherſehen konnte, bediente ſich Katharina eines Mannes, der alle Rollen ohne Unterſchied übernahm, ſobald er dadurch einen Vortheil für ſich erlangte.

Dieſer Mann die Geſchichte nennt ſeinen Na⸗ men nicht wußte ſich in der Uniform eines ruſſiſchen Officiers Eingang in der beſcheidenen Wohnung der Enkelin Peters zu verſchaffen. Er verſicherte, nur die Theilnahme an dem trüben Geſchick einer Landsmännin, die ſowohl durch ihre Geburt wie durch ihre perſönlichen Eigenſchaften die Ehrerbietung der Welt verdiene, habe ihn bewogen ſie aufzuſuchen. Er bot ihr ſeine Dienſte, ſeinen Kredit an; die beiden Frauen ließen ſich durch die gleißneriſchen Worte des Fremden blenden, ſie nahmen bereitwillig ſeinen Beiſtand an und benutzten ihn im guten Glauben an den glücklichen Ausgang ihrer Hoff⸗ nungen im vollſten Maße. Ueberfluß trat an die Stelle der Dürftigkeit und ein unbeſchränktes Vertrauen ward der Lohn des Verräthers. Die beiden verlaſſenen Frauen betrachteten ihn als ihren Schutzengel, den ihnen der Himmel in der äußerſten Roth zugeſchickt hatte.

Kaum hatte der ruſſiſche Sendling ſich überzeugt, daß in ſeinem Opfer kein Schatten eines Mißtrauens auf⸗ ſtieg, als er ſeinem Ziele näher rückte, indem er der Prinzeſſin die Mittheilung machte, daß ihn der Graf Alexis Orlow als ſeinen geheimen Abgeordneten vorausgeſendet habe, damit er die Tochter der von ihm angebeteten Kaiſerin Eliſabeth aus einer Lage reiße, für die ſie ſo wenig geſchaffen wäre, daß aber auch er, Graf Orlow, nichts eifriger wünſche als ſie auf einen Thron zu erheben, auf dem ſie, wie ihre unvergeßliche Mutter, das Glück einer ganzen großen Nation machen würde. Um nicht unwahrſcheinliche Bedenklichkeiten ſchon im Keime zu erſticken, fügte er hinzu, daß ſein Herr mit Katharina zerfallen ſei, weil er es nicht länger habe ertragen können, ſeine bekannten Verdienſte nur mit Undank belohnt zu ſehen. Jetzt ſinne er nur auf eine Gelegenheit, Rache an ihr zu nehmen. Unter allen Mit⸗ teln, die ſich ihm geboten, finde ſich keines, das ſo edel und mit ſeiner Neigung und ſeinen übrigen Pflichten ſo übereinſtimmend ſei als die Wiedereinſetzung einer recht⸗ mäßigen Erbin auf den ruſſiſchen Thron. Um indeß dieſes Ziel zu erreichen bleibe der Prinzeſſin nur übrig, ſich dem Grafen völlig anzuvertrauen. Und, fügte er in der zarteſten Weiſe hinzu, dies könne durch nichts ſicherer und bindender geſchehen, als indem ſie ſich durch die Bande der Che mit ihm vereine und ihm nach Rußland folge, wo bereits Alles vorbereitet ſei, Katharina durch eine Revolution vom Throne zu ſtoßen.

Was vermag gegen ſo fein ausgeſponnene Ränke die Unerfahrenheit eines Alters, das noch an die Kind⸗ heit grenzt? Alle Vorſchläge des Agenten wurden mit Dank angenommen, die Ausſicht auf einen Thron, der ſo oft geübtere Augen geblendet und getäuſcht, winkte in zu verführeriſcher Nähe, um ſie etwas anderes als ſeinen blendenden Glanz erkennen zu laſſen, die tiefen Abdründe, welche zwiſchen ihr und dem kühnen Vor⸗ haben lagen, ſah ſie nicht.

Die Geſellſchafterin der Prinzeſſin ließ ſich eben ſo leicht bethören, ja ſie trug nicht wenig dazu bei, den un⸗

ſeligen Ausgang des Unternehmens dadurch zu beſchleu⸗ nigen, daß ſie ihrer Pflegebefohlenen mit einer Menge romantiſcher Grillen Kopf und Herz anfüllte, denen ein⸗ ſichtsvolle und wohlmeinende Männer vergebens man⸗ cherlei Warnungen und Rathſchläge entgegen ſetzten.

Einige Wochen ſpäter hielt Graf Olow für an⸗ gemeſſen, ſelbſt aufzutreten; er ließ ſich durch ſeinen Agenten bei der Prinzeſſin einführen, die durch dieſen auf ſein Erſcheinen vorbereitet war. Immer dringender wurden die Warnungen der ſcharfſichtigeren Freunde, immer eifriger ihre Bemühungen, das arme Opfer einer ſchlauen Intrigue der Gewalt ihrer Verführer zu ent⸗ reißen; umſonſt ſchilderten ſie die ausgezeichnete Gunſt, in welcher Orlow bei Katharinen ſtand und die mit ſeinen gegenwärtigen Machinationen im ſchneidend⸗ ſten Kontraſte ſtand, umſonſt zeichneten ſie, und vielleicht nicht ohne alle Uebertreibung, ſeinen gewiſſenloſen Charakter. Orlow, der ſeine Beute ſich nicht ent⸗ gehen laſſen durfte, umgab die Prinzeſſin mit Spionen und erfuhr bald, welche Anſtrengungen man machte, ihm entgegen zu arbeiten. Er ſah zugleich ein, daß bloßer Ehrgeiz kein hinreichend wirkſamer Faktor war, einen nachtheiligen Eindruck zu verwiſchen, und ohne ſein Ziel aus den Augen zu laſſen, richtete er ſeine Bat⸗ terien nun gegen das Herz der jungen Dame. Der Höfling wußte zu gut, daß der Schleier der Liebe dicht genug iſt, um für ſie auch ſeine wahren Abſichten zu verhüllen. In den Künſten der Verführung geübt und ausgelernt, ſpielte er die Rolle eines von der heftig⸗ ſten Leidenſchaft Entbrannten, und durch Chrerbietung und Beharrlichkeit ſuchte er ſich in ihr Herz einzuſchleichen und allen Argwohn zu zerſtreuen.

Der boshafte Streich blieb nicht ohne den ge⸗ wünſchten Erfolg. In einem Alter von ſechszehn Jahren iſt die Vernunft nur ſelten reif und fragt des Herz um Rath. Das junge Mädchen ſah einen Liebhaber zu ihren Füßen liegen, der ſie mit Betheuerungen ſeiner Aufrichtigkeit überſchüttete; wer will ſie verdammen, weil ſie ihnen glaubte und, entzückt über ihr kaum ge⸗ ahntes Glück, ſich ganz ihren Neigungen überließ und Alles verwarf, was ihr hätte die Augen öffnen können.

Orlow blieb für ſeinen Sieg nicht blind und wußte ihn zu benutzen. Durch ſeinen Vorſchlag, ihm mit ihrem Herzen auch ihre Hand zu reichen und ſich dann zuſammen dem Strome ihrer politiſchen Hoffnun⸗ gen zu überlaſſen, ein Vorſchlag, der mit der größten Kunſt und mit der verführeriſchſten Zärtlichkeit gemacht wurde, ſicherte er ſich das Herz der leichtgläubigen Toch⸗ ter Eliſabeths vollends. Der ehrgeizige, dabei aber rechtſchaffene und aufrichtige Radziwill hatte den Geiſt ſeines Pfleglings nicht ohne Kultur gelaſſen, bei aller Abgeſchloſſenheit von der Welt genoß ſie eine gute Erziehung und ſie glaubte daher mit Recht folgern zu dürfen, daß ſie durch eine geſetzmäßige Verbindung gegen alle treuloſen Abſichten ihres Liebhabers geſichert ſei. Allerdings war ein ſolcher Schluß an ſich ſelbſt richtig, aber bei einem Manne, dem nichts heilig iſt, in deſſen Bruſt kein menſchliches Herz ſchlägt, war er doch zu voreilig.