Sennenleben
in den Alpen. 109
lauter Stimme durch einen großen hölzernen Milch⸗ trichter(die„Volle“ genannt) in der Choral⸗Melodie der Präfation ein Gebet, meiſt Strophen aus dem Evan⸗ gelium Johannis, und den engliſchen Gruß. Die anderen Hirten im Gebirge und die im Freien übernachtenden Wildheuer oder Wurzelgräber, die es hören, knieen fromm nieder und beten ein Pater noſter und Ave Maria dabei. Dieſer ſpäte Ruf erſetzt in den ſtillen, einſamen Alpen die Abendglocke, welche in den Thälern zum Dankgebet für die Segnungen des verlebten Tages auffordert, und dient zugleich dem von der Nacht über⸗ raſchten, vielleicht verirrten Wanderer als gaſtfreundliche Einladung.— Mit der Gaſtfreundſchaft hat's indeſſen, namentlich in den wälſchen Alpen, mitunter ſeine Haken. Die Hirten in den entlegenen Alpen ſträuben ſich oft außerordentlich, Fremde zu übernachten, aus Furcht Ver⸗ brechern Unterſchlauf zu geben. Sie können ſich's nicht denken, daß man Vergnügens halber oder um der Wiſſenſchaft willen in den Felſen herumklettert, ſie wähnen, nur Noth und Flucht treiben in die Berge hinein. Im Tirol halten ſie Bergwanderer häufig für Abgeſandte der Regierung, welche die Zuſtände des Volkes, ihren Viehſtand und Verdienſt auskundſchaften wollen.„Nun wird's bald eine neue Steuer geben“, iſt gewöhnlich der Refrain der Ungläubigen. Andere Sennen auf Pacht⸗Alpen, oder ſolche, die von Geſellſchaften an⸗ geſtellt ſind, verweigern auf's Gewiſſenhafteſte jede Spende, oder geben nur um„Gotteswillen“ dem bei⸗ nahe verſchmachtenden Wanderer etwas alten„Zieger“ (trockenen Käſe) und ein wenig Milch, nehmen aber um keinen Preis Geld dafür, um nicht in den Verdacht der Veruntreuung zu kommen. Dies iſt, wie geſagt, in den weniger von Touriſten durchſtreiften Gegenden, namentlich in den Seitenthälern des Engadin der Fall.
Iſt in der Hütte Alles dann beendet, ſo geht's zur Ruhe auf's Wildheu, unter die„Schnetzli⸗Decke“, und ein kräftiger, tiefer Schlaf ſtärkt die ermatteten Glieder dieſer harmloſen Naturmenſchen.
Nur eine Intervalle tritt wie ein freundlicher Ruhe⸗ punkt in das Einerlei der Alpzeit ein. Es iſt das Aelpler⸗ feſt, die„Alpſtoberte“, die„Aelpler Kilbi“, oder wie es ſonſt noch in den verſchiedenen Thalſchaften genannt wird.(Dieſem widmeten wir ſchon einen beſonderen Artikel.) In den katholiſchen Gegenden iſt bisweilen ein öffentlicher Vormittagsgottesdienſt damit verbunden. Nur ſehr wenig Alpen haben Kapellen oder Gottes⸗ häuſer, in denen während des ganzen Sommers einmal Gottesdienſt gehalten wird. Die größte Kapelle ſteht auf einer der ſchönſten Alpen, die es gibt, auf dem Urner Boden; ſie ſieht einer ſtattlichen Kirche gleich, und der Pfarrhelfer von Spiringen im Schächenthal(Tells Heimats⸗Thal) lieſt dort den zahlreich verſammelten Sennen die Meſſe. Gleichen Urſprunges iſt das Kirchlein mit dem Kloſter„Maria zum Schnee“ am Rigi. Dann ſteckt ganz hinten im Kalfeuſerthal des St. Galler Ober⸗ landes die reizend, zwiſchen zahlreichen Felsſturztrüm⸗ mern gelegene kleine Kapelle St. Martin,— und im Martell⸗Thale(Vintſchgau, Tirol) ſteht einſam die Kapelle„Maria⸗Schmelz“, urſprünglich für die Ofen⸗
knechte des eingegangenen Schmelzwerkes gebautw; jetzt kommt im Sommer allſonntäglich der Kaplan von Thal hierher.
Der originellſte Tempel dieſer Art iſt das„Wild⸗ kirchli“ im Appenzeller Lande. Eine Felſenhöhle an hoher, ſenkrechter Bergwand(unter der ſchönen Ebenalp), in die ſich, wäre ſie nicht von den Altvätern zu einer Stätte der Gottes⸗Verehrung geweiht, der Gaisbub mit ſeiner Herde vor dem Gewitterſturme flüchten würde, gibt die Hallen des Gotteshauſes ab,— ſchlicht kunſtlos, ein Naturgewölbe, wie es aus der Hand der geſtaltenden Schöpfung hervorging. Kein Marmoraltar, kein Gebilde von Künſtlerhand trägt die geweihten Geräthe;— ein ſchlichter Schragen, von des Zimmerers Beil bearbeitet, verſieht den Dienſt,— der Altar iſt mit einem Teppich verhangen, und neben friſch gepflückten Alpenroſen in den Vaſen flackern die Kerzen im Zugwinde gegen die Tiefe der Höhle, das Marterkreuz andampfend, vor dem die Menge in den Staub ſinkt. Das„Wildkirchli“ iſt dem heiligen Michael geweiht, und alljährlich am Schutz⸗ engel⸗Feſt hält ein Kapuziner droben Gottesdienſt. Da liegt das Volk auf den Knieen, ſchlägt reuig an die Bruſt und murmelt ſeine Gebete. Ob die Einkehr in des Gemüthes Tiefen ihm wohl erſchloſſen iſt? Ob es nach ſeiner Weiſe Selbſtſchau hält in dem herzerſchüt⸗ ternden, alle Quellen der Seele öffnendem Augenblicke? Das Weihrauchfaß dampft; mechaniſch, dienſtbefliſſen, unberührt von der Gewalt des gottgeweihten Augen⸗ blickes, ſchwingt es der miniſtrirende Knabe,— ein matter, ſinnebethörender Ambraduft ſteigt auf;— was iſt er gegen den großen Weihrauchduft des Sommer⸗ morgens, der die hohen, hehren Gebilde der Alpenklippen umwogt?— Jetzt kündet des Glöckleins weittönender Schall, fern hinab in des Seealpſee⸗Thals Tiefen es an, daß das Myſterium der„Wandlung“ hoch droben an jäher Felſenwand vor ſich gegangen iſt, und der einſame Tauner auf Maarwies oder ob der Felſenbaſtei des Alpſiegleten, der nicht zum Feſt herüberkommen konnte, weil der Dienſt ihn an ſeine Hütte bannt, hart des Glöckleins mahnenden Ruf, ſchlägt an die Bruſt und murmelt gewohnheitsgemäß ſeinen Spruch dazu. Drun⸗ ten in der Schwendi ſitzt die Matrone auf den Treppen⸗ ſteinen, vor ihres Tochtermannes Haus, die Roſenkranz⸗ Schnur zwiſchen den dürren, zitternden Händen. Auch ſie hört des Glöckleins Schall und betet; aber ihre Ge⸗ danken weilen nicht im Heiligthume des ererbten Glau⸗ bens. Ihre Erhebung ſchweift wohl hinauf, aber nicht in die glanzerfüllten Räume des Alls, wo nach ihrer kindlichen Meinung, jenſeits der Wolken, die Gebenedeite auf dem Strahlenthrone weilt, umgeben von Engel⸗ ſcharen:— ihr Sinnen und geiſtiges Empfinden er⸗ hebt ſich nur zur Ebenalp. Sie denkt des heute zu feiernden Feſtes, wie es in ſeiner ländlichen Pracht vor ihrer Mädchenzeit freudevoll vorüberrauſchte. Damals vor fünfzig Jahren war ſie die Schönſte der ganzen Inneren Rhoden; des Franz⸗Antoni's Mareieli mußte bei allen Tanzſpinnenen und winterlichen Abendver⸗ ſammlungen ſein, die es weit umher gab,— ſie war die Zierde jeder Alpſtubete und der Urnäſcher Chilbi,


