108 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
der die erſte konſiſtente Grundlage zu den delikaten ewig grunzenden Schlafkameraden und durch ihre pene⸗ „Schweizerkäſen“ legt. Bezeichnend wird darum auch
dieſe Lokalität der„Weller“(wo die Milch„erwellet“ oder leicht aufgekocht wird) genannt. Unter dem Herd darf man ſich indeſſen keine eigentliche kulinariſche Vor⸗ richtung denken, etwa ſo, wie man ſie in alten Bauern⸗ häuſern findet mit umfangreichem Schlotfang;— ſolche Weitläufigkeiten paſſen nicht zur Einfachheit der alpinen Baukunſt. Etwa ſo, wie es, jugendſeligen Andenkens, der gute Robinſon Cruſoe aus Noth einrichtete, arrangirt heutiges Tages der Senn in den Schweizer Alpen ſeine Küchen⸗Vorkehrung; ein ſchwarzes, verkohltes Loch im vorderen Winkel der Hütte mit einigen Steinen eingefaßt, ohne Kamin oder Rauchleitung, ſtellt den Herd dar. Ein Verſprechen hinter dem Herde“ hier zu geben, wäre nicht wohl möglich. Daneben ſteht ein ſenkrecht⸗ aufgerichteter, oben und unten eingezapfter und deßhalb drehbarer Baum mit langem, eiſernem Arm, der ſoge⸗ nannte„Turner“, an den der große„Milchkeſſi“ ge⸗ hangen wird. Der Rauch mag ſehen, wo er ſeinen Aus⸗ weg findet,— es ſteht ihm frei, zur Thür, oder durch die Dachklinſen, oder durch die Ritzen zwiſchen dem Ge⸗ bälk hinauszuſchleichen. Darum iſt das Innere jeder Sennhütte auch wacker eingeräuchert. Iſt die Alpenluft rein, fein, dünn und wenig mit Waſſer⸗Atomen geſättigt, ſo werden die Dämpfe auffallend raſch konſumirt, ſo daß ſie die Reſpirations⸗Organe nicht ſonderlich be⸗ läſtigen. Schneit's und regnet's aber, ſo daß die Luft ſchwer auf's Dach drückt, dann iſt der ohnehin zughafte, kalte Aufenthalt in der Hütte des Rauches halber faſt kaum erträglich. Die weiteren Komforts für die aller⸗ dringendſten täglichen Bedürfniſſe ſind: ein etwa zwei Fuß langer Klapptiſch, der in Angeln an der Wand be⸗ feſtiget der Raumerſparniß halber nach dem Gebrauch zurückgeſchlagen werden kann; dann eine Truhe in Form einer Bank längs der Wand, ein Holzklotz, der die Dienſte eines Seſſels zugleich vertreten, und ein Napfen⸗ brett, das die Stelle eines Schrankes verſehen muß, auf dem allerlei Geräthſchaften, Brod und Kleidungsſtücke aufbewahrt werden. Außerdem hängt vielleicht eine Büchſe im Winkel, wenn der Senn zugleich Jagdlieb⸗ haber iſt, und in den katholiſchen Gebirgstheilen iſt bei ſtrenggläubigen Bauern das Weihwaſſerkeſſeli mit dem „Nuſter“(Pater noster oder Roſenkranz) nicht ver⸗ geſſen, welches vielleicht noch durch ein an das Brett⸗ Getäfel geklebtes„Heiligen⸗Helgeli“ von Kloſter Ein⸗ ſiedeln zur Erhöhung der häuslichen Andacht vermehrt wird. Alle übrigen in der Hütte vorkommenden Geräth⸗ ſchaften gehören zur Butter⸗ und Käſe⸗Bereitung. Das Schlafgemach iſt ſehr verſchieden angebracht. Im Berner Oberlande, wo die Sennhütte an ihrer Eingangsfront eine Art kunſtloſer Vorhalle in Form eines Peristylum hat, das„Mulchedach“ oder der Melkgang genannt (weil im Schutz desſelben das Vieh bei ſchlechtem Wetter gemolken wird), befindet ſich das Ruhe⸗Lager oder„Gaſtere“ in dieſem Dach⸗Vorbau; in anderen Gegenden wurde dasſelbe über den Schweineſtall ver⸗ legt und heißt„Trileten.“ Welche Annehmlichkeiten für dieſen Fall aus der unmittelbarſten Nähe der unruhigen
Gegenden der Senn vor ſeine Hütte hinaus, ſingt mit
tranten Ausdünſtungen erwachſen, iſt begreiflich. Uebri⸗ gens ſteht das Lager ſelbſt an Urſprünglichkeit ſeiner Einrichtung dem Charakter und der Einfachheit der ganzen Hütte durchaus nicht nach; ein mit Wildheu ausgeſtopfter Matratzen⸗Sack, die ungeſtörte Heimat einer Legion von ſpringenden Blutſaugern, und eine Wollendecke oder, wie im Wallis und Graubünden, eine aus Schaffellen zuſammengeſetzte Decke, bilden die ganze Ausrüſtung der Schlafſtätte. Iſt nun das Schindel⸗ dach nicht gut verwahrt, ſo begegnet's, daß bei ſolidem, kräftigem Regenwetter der Schläfer einem unfreiwilligen Tropfbade ausgeſetzt wird,— oder wenn, wie vorher erwähnt, das flache Hüttendach an einen erklimmbaren Felſenklotz anlehnt, ſo klettern die naſeweiſen, nie raſten⸗ den Ziegen Nachts auf demſelben herum und verurſachen ſolch' einen unheimlichen Skandal, als ob der gehörnte Pferdefüßler da droben ſein ungeheuerlich Weſen triebe. So ſieht's in den„idylliſchen, romantiſchen Sennhütten“ aus, die im„letzten Fenſterln“ und ähnlichen poetiſchen Produktionen auf der Bühne ſo reizend erſcheinen.
In jeder, einigermaßen großen Alpenwirthſchaft der Schweiz hauſen gewöhnlich drei Aelpler und ein Knabe; Weiber beſorgen dieſelbe, wie ſchon erwähnt, nur in den öſterreichiſchen und baieriſchen Alpen, ſo wie in einigen Thälern des Wallis.
Des Aelplers Tagesordnung iſt höchſt einförmig, Sonntag und Wochentag die gleiche; kein Glockenklang läutet die Sabbathruhe ein, kein ſchmuckes Kleid be⸗ zeichnet den Feiertag, kein Schluck Wein netzt am Wirths⸗ tiſch den durſtigen Gaumen am Abend. Während die ganze Landſchaft noch träumeriſch nebelblau dem frühen Morgen in den Armen ruht, die Thäler tief drunten dämmernd dampfen und Streifen weißen Nebelrauches durch die Schluchten und Tobel ſchleichen, während die Nacht durch's Morgenſternlein ihren Scheidegruß ſendet und des Himmels frohes Antlitz und der Eisberge Schneegipfel von des Tages erſtem Kuſſe leiſe erröthen, erhebt ſich der Senn von ſeinem harten Heulager und melkt, während der Handbub Feuer anzündet. Die ge⸗ wonnene Milch wird ſogleich in dem großen„Keſſi erhitzt, und mit„Etſcher“(ſauere Schotte) geſchieden, daß ſie gerinnt und ſich ausſcheidet in„Käsbulderen“ und Molke. Indeſſen iſt auf morgenheiteren Schwingen der volle Tag herabgeſchwebt.
Das Sennenvolk hat zu Morgen gegeſſen, der Hirt treibt aus, der Handbub ſäubert ſeine Geräthe, und der Senn fährt fort, ſeine Milchprodukte zu bearbeiten. Häusliche Arbeiten füllen den Tag reichlich aus.— Iſt's dann Abend geworden, entſchläft der müde Tag all⸗ mälig, ſinkt das ewige„Flammenherz der Welt“, die Sonne, hinter den Bergen nieder, dann lockt der Hirt oder der Senn mit dem„Ruggüßler“ oder mit dem „Kuhreihen“ die Thiere zur Hütte, entleert die ſtrotzen⸗ den Euter von der fetten, rahmähnlichen Milch, und die Procedur vom Morgen, ſammt Abendeſſen und Reinigen der Geräthe, ſchließen die Tagesgeſchäfte. Bei einbrechender Nacht tritt dann in den katholiſchen


