Heft 
(1861) 4 04
Seite
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Sennenleben in den Alpen. 107

Ihm folgen die ſchönſten und größten Kühe mit den fußhohen, meſſingblechenenTrychlen(Glocken), die an breiten, ledernen, mit allerhand farbig ausgenähtem Putzwerk verſehenen Halsbändern hängen. Dieſe Glocken, deren gewöhnlich nur drei bei einem Zuge ſind, bauchen oberhalb am Henkel ziemlich breit aus, oft einen Fuß im Durchmeſſer, laufen nach unten ſchmäler zuſammen und verurſachen ſolch' einen heilloſen, trommelähnlich⸗ alarmirenden und doch nicht unharmoniſchen Lärm, daß man ihn bei geeigneter Luft eine Stunde weit hört. Man legt dieſe Rieſen⸗Schellen den Kühen nur für die Dauer an, während welcher der Zug durch die Dörfer geht, um Pracht mit der Herde zu treiben und alles Volk herbeizulocken. Iſt dieſer Zweck erreicht, dann wird das gewichtige Spektakel⸗Inſtrument den Kühen wieder vom Halſe genommen, weil erfahrungsgemäß das lange Tragen derſelben den Lungen der Thiere nachtheilig iſt.

Jetzt entſtehen in den Dörfern, durch welche der Zug kommt, völlige Volksaufläufe; denn Alt und Jung will desKorde⸗Urche⸗Bübli's(Konrad Ulrich) oder desFranz⸗Antonh⸗Lismer⸗Seppelis ſchöneChüena (Kühe) die Revüe paſſiren laſſen und mit Kennermiene deren Bau undGſchlachtheit prüfen. Der Berg⸗ bauer hat ſeine Kuh⸗Aeſthetik, die mit den feinſten Nüancirungen ungemeinheikel und wähleriſch in Farbe, Stellung der Füße, Hörner und anderer Eigen⸗ ſchaften diſtinguirt. Blökend und ſpringend, gleich als ob ſie es wiſſe, daß es hinauf gehe zu den gewürzigen, nahrhaften Alpweiden, folgt nun, in lange Reihe auf⸗ gelöſt, die ganze Herde der Kühe, Galtlinge, Ziegen und Lämmer, mitten darunter brummend und mürriſch der Sultan des Stall⸗Serails, derMuni, heute der Sündenbock des allgemeinen Spottes; denn der Volks⸗ witz bindet altherkömmlich dieſemSentenpfaar(Zucht⸗ ſtier) den Melkſtuhl, mit Blumen geſchmückt, zwiſchen die Stirngabel der Hörner. Neben dem Zug gehen im leinenen Futterhemd und in der groben Zwillichhoſe der Gaumer(Hirt) und derHandbub, den Zuſenn mit Juchz'gen und Jodeln ſekundirend. Den Schluß endlich bildet das Saumroß mit den Käſerei⸗Geräthſchaften und der Herden⸗Beſitzer in unverkennbarem Selbſtbewußtſein des augenblicklich zu feiernden Triumphes.

Im Allgemeinen bleiben Weiber und Kinder in den Thaldörfern zurück. Aber es gibt in Graubünden, z. B. im Davos und in Mutten, ſo wie im Wallis Ortſchaften, die mit Kind und Kegel in's Sommerdorf auswandern, und ihren Winter⸗Aufenthalt, die Häuſer verſchloſſen, vollſtändig verlaſſen; höchſtens daß ein alter Mann als Wächter zurückbleibt. So gehts hinauf auf die Berge, in die Alpen.

Schmucklos, einfach, wie ein Wurf aus freier Hand, traulich und einladend wie ein herzlicher Gruß des Willkommens auf den Matten, mitunter ſogartheatraliſch⸗ maleriſch(wie z. B. auf der AlpBüls unter den Churfirſten am Wallenſee) liegt das ſchützende Dach der ſtillen Sennhütte im Kräutermeer der Alpweide da. Der ganze Bau iſt in den wälderreichen Gegenden durchaus Blockhauskonſtruktion, alſo lediglich aus Holz errichtet, das von der langjährigen Wirkung der Sonnenſtrahlen

tief gebräunt wurde. Nur der wenige Fuß hohe Unter⸗ bau iſt grobes Steingefüge, oft Mauerwerk wie aus vorkulturlichen Zeiten. Ueber dieſem einſtöckigen, kunſt⸗ loſen Erdgeſchoß, daß ſeiner naiven, ungeſuchten Natür⸗ lichkeit halber ganz mit der in ihrer Einfachheit maje⸗ ſtätiſchen und erhabenen Gebirgswelt harmonirt, ruht das flache, ſilbergrau glänzende, derbe Schindeldach. Es iſt mit ſchweren Steinen belaſtet, damit der wilde Föhn, des Aelplersälteſter Landsmann, wenn er aus dem Süden warm einherbrauſt, über die Felſenklippen niederſtürzend ſich in die Bergmulden einbohrt, die Friedenshütte unangetaſtet laſſe. Dieſe iſt des Sennen und ſeiner Gehilfen Aſyl während der Sommermonate. In denjenigen Alpen, wo gute Ordnung herrſcht und für das Vieh vorſorgliche Einrichtungen getroffen wurden, ſind nahe bei der SennhütteGaden oder Stallungen errichtet, in denen die Herde während drückender Mittags⸗ wärme und in kalten Nächten oder während der wilden Wetter eingeſtellt wird. Nicht überall hat die rationelle Praxis ſolche Einrichtungen getroffen, und es gibt noch Alpen genug, in denen die Wettertanne der einzige Zufluchtswinkel des armen Viehs während der Hitze und der furchtbaren Hochgewitter iſt.

Iſt's irgend thunlich, ſo wird die Sennhütte an einen Felſenklotz gebaut oder, wenn er überhängt, ſogar zum Theil unter denſelben geſchoben, um im Fond einen recht kühlen Platz für den Milchkeller zu gewinnen. Rinnt vollends gar ein friſcher Quell oder eiſiger Glet⸗ ſcherbach in der Nähe, ſo leitet der Aelpler das Waſſer gern durch ſein Magazin, um die von der Milch ge⸗ ſäuerte Luft durch die entſtehende Ventilation zu ent⸗ fernen und dagegen friſche, dem Waſſer entſtrömende Lufttheilchen dem Gemache zuzuführen. Die nächſte Um⸗ gebung einer Sennhütte iſt faſt immer ein bodenloſer Koth, in dem ſtrotzend fettes Blakenkraut und Alpen⸗ ſauerampfer wuchernd wächſt. Das Innere entſpricht in den meiſten Fällen dieſer unſauberen Umgebung und iſt eine kräftig korrigirende Strahlendouche für jedes durch ſublime Phantaſien erhitzte Gehirn. Denn Rein⸗ lichkeit und Akkurateſſe ſind allenthalben nichts weniger als hervorragende Attribute viehzüchtender Völker, und der Aelpler beſtrebt ſich durchaus nicht, hierin als Aus⸗ nahme zu erſcheinen. Der leuchtende, farbenheitere Feſt⸗ tagsanzug, der das Auge bei der Auffahrt ſo anregend ergötzte, iſt verſchwunden. Weite, derbleinene Beinkleider, die in allen Schattirungen der Stallbeſchäftigung ſchillern, und ein ditto Futterhemd, d. h. eine blouſenähnliche Jacke ohne Schlitz auf der Bruſt, bilden mit den ſchweren klappernden Holzſchuhen und einem enganliegenden Köppchen die ganze Bekleidung des Sennen.

Die Entrée zum Innern der Sennhütte führt ſogleich zu den centraliſirten Gemächern. Nach altger⸗ maniſcher Sitte iſt Wohnzimmer und Küche, Speiſelokal und Ankleidekammer zu einem Geſammt⸗Appartement vereinigt, und hier kann man buchſtäblich am gaſtlichen Herde weilen. Letzterer und das über ihm aufgehängte Milchkeſſi nehmen den meiſten Raum ein und be⸗ kunden dadurch ihre hohe Bedeutung. Hier iſt die Stelle, wo der chemiſche Scheidungsproceß vorgenommen wird,

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