Louiſe Meunier. 103
eine anſtändige Ausſteuer zu geben, und der Gedanke an dieſe künftige Generoſität hätte ihn bei ſeinem Geize nie zur Ruhe kommen laſſen. Andererſeits, um die Wahrheit zu geſtehen, gefiel ich ihm ziemlich gut. Ich war beinahe ſechs Monate ſchon aus der Erziehungs⸗ anſtalt fort, und ich hatte noch immer den Viſſens⸗ drang, der mir den Ehrenpreis eintrug. Wenn ich die Strümpfe und Hemden des Onkels mit einer untadel⸗ haften Fertigkeit und Regelmäßigkeit ausbeſſerte; wenn ich mit der Näh⸗ und Sticknadel alle Arbeiten geſchickt ausführte: ſo vergaß ich dabei nie meine ſprachlichen Studien und ſuchte fort und fort in den Geiſt der Mei⸗ ſter der klaſſiſchen Literatur einzudringen. Aber meinem Onkel war das ein Dorn im Auge, er gerieth ſtets in ſchlechte Laune, wenn ich ‚die Naſe in den Büchern ſtecken hatte.“ Einen zweiten noch ſchlimmeren Fehler hatte ich: ich ſpielte Piano. Meine Lehrerin hatte immer behauptet, ich hätte ein ſo treffliches Talent, daß es allein meine Zukunft ſichern könnte. Das Bücherleſen ärgerte meinen Onkel, aber die Muſik brachte ihn außer ſich. So oft er mich das Piano öffnen ſah, nahm er eiligſt ſeinen Hut und lief davon. Sein Hund, ſein lieber Phanor, hatte dieſelbe Paſſion; während ich mich übte, erhob er immer ein jämmerliches Geheul. Um alſo die Nerven des Onkels und ſeines Lieblings zu ſchonen, richtete ich es ſtets ſo ein, daß ich in den Stunden mu⸗ ſicirte, in denen Beide ſpazieren zu gehen pflegten. Aber dieſe Rückſicht gewann mir keineswegs das Herz des Herrn Meunier; und bald ward es mir nur zu klar, daß er, ſo lange ich bei ihm blieb, nie eine fröhliche Miene zeigen würde. Er hätte gern ein munteres, fri⸗ ſches, dickes, nachgiebiges, ewig lächelndes Mädchen bei ſich gehabt, welches den ganzen Tag den Kehrbeſen und die Bürſte nicht aus der Hand legte; ich aber war bleich, ſchmächtig, ſcheu, weich und ſchlaff.
„So war meine Abreiſe bald beſchloſſen. Mein Onkel placirte mich bei der Frau eines Banquiers in Rouen, mit dem er in geſchäftlichen Beziehungen ſtand. Madame Dumont wear eine jener männlichen Nor⸗ männiſchen Frauen, die ſich mit dem gebildetſten Manne auf's gewandteſte unterhalten und die Sorge für ihr Haus und Glück nie aus der Hand geben. Kräftig, ge⸗ wandt, lebendig und voll Geiſt bildete ſie einen ſo ſchneidenden Gegenſatz zu meiner Schwäche und Unbe⸗ holfenheit, daß ich mich in der That nicht wenig ſchämte und am erſten Tage meiner Ankunft buchſtäblich nicht zu athmen, mich nicht zu rühren wagte. Meine Ver⸗ laſſenheit mitten unter Fremden trieb meine Furchtſam⸗ keit auf die Spitze, und wenn ich Madame Dumont, ſo oft ich mich von der Tafel erhob, zu ihrem Manne ſagen hörte: ‚Hm! wird die denn immer bleiben wie eine Mumie!' dann verlor ich den letzten kleinen Reſt von Muth; ich zog mich auf mein Zimmer zurück und weinte und ſchluchzte. Bald aber kam Madame Du⸗ mont mich ſuchen, und während ich mich bemühte, die letzten Spuren der Thränen zu verwiſchen, pflegte ſie zu ſagen: ‚Weinen Sie doch nicht; aller Anfang iſt ſchwer; Sie werden ſich ſchon gewöhnen.“ Dann rief ſie ihre beiden noch kleinen Kinder herbei, einen Knaben und
ein Mädchen, die ich erziehen ſollte, und ſagte zu ihnen: „Kommt, Kinderchen, zu Fräulein Louiſe und um⸗ armt ſie hübſch.“
„Die Liebkoſungen dieſer allerliebſten Kleinen waren für mich in der That ein wahres Labſal. Um mich von der leidigen Furchtſamkeit zu heilen, behandelte ſie mich ſtets barſch. Freilich fühlte ſich mein Stolz dadurch oft beleidigt, aber mein Charakter war ſchon ſo geſchmeidig, daß dieſes Mittel half. So lernte ich denn unter ihrer Leitung bald die Pflichten einer Mutter und Hausfrau pünktlich erfüllen. Ich lernte Kinder erziehen und in die kleinſten Falten ihres Innern blicken, wie ich auch bald in den Geheimniſſen der häuslichen Oekonomie ganz zu Hauſe und mit dem feinſten Komfort vertraut war. Denn in allem dieſem war Madame Dumont unübertrefflich. Die Dienſtboten— und wie konnte das anders ſein?— wurden bald auf meine bevor⸗ zugte Stellung, auf die Aufmerkſamkeit, die Madame Dumont mir ſtets bewies, eiferſüchtig, und ſuchten mir wo ſie konnten Unannehmlichkeiten zu bereiten, was ſie um ſo weniger unterließen, als ich ihrer in manchen Fällen, wo man ſich nicht ſelbſt helfen kann, bedurfte.
„Ich mußte dieſe kleinen Schikanen ertragen, ohne mich zu beklagen. War ich ſo allmälig ſcheinbar Herr im Hauſe geworden, ſo blieb ich doch immer abhängig von Madame Dumont. Sie ertheilte mir ihre Wei⸗ ſungen in ſchneidendem glattem Tone, aber immer ohne Zorn, ohne Heftigkeit; der einzige Tadel, den ſie aus⸗ ſprach, lag ſtets für mich darin, daß ſie ſelbſt Hand an⸗ legte, wenn ich etwas nicht nach Wunſch gemacht. Nie mehr ſprach ſie zu mir ein Wort der Ermunterung oder des Lobes; nie gab ſie mir ein Zeichen ihres Ver⸗ trauens, nie beſprach ſie etwas mit mir, außer wenn ſie nicht anders konnte, nicht einmal ‚heute iſt ſchönes, oder heute iſt ſchlechtes Wetter' wagte ſie zu ſagen, aus Furcht, es möchte nach Vertraulichkeit riechen.
„Ich vermuthete, daß ſie mich oft bei ihren Freun⸗ dinnen rühmte; aber wenn in meiner Gegenwart der⸗ gleichen zur Sprache kam, ſprach ſie ſtets ſo leiſe, daß ich nichts vernehmen konnte. Ihre Erkenntlichkeit gab ſie ſtets nur auf eine Weiſe zu erkennen: ſie warf nämlich oft genug einen Blick in meine Garderobe, und wenn dort etwas fehlte, was die neueſte Mode brachte und zu meiner einfachen Toilette paßte, ſo ver⸗ ſah ſie mich ſofort damit. Ich hätte dieſe derbe Natur, die ich hochſchätzte, gerne geliebt; aber ſo wie ſie etwas von Liebe bemerkte, wußte ſie es im Keime, wenn auch ſanft, zu erſticken, um nur nicht zu Gegenliebe ſich zu verpflichten. Dieſe geſtrenge Kälte der Madame Du⸗ mont mußte ein junges Mädchen wie mich natürlich ſehr verſtimmen; aber ich mußte oft noch andere nie geahnte Bitterkeiten den Tag über erleben.
„Meine Hauptaufgabe war die Erziehung der bei⸗ den Kinder, des Töchterchens von ſechs Jahren und des fünfjährigen Söhnchens. Ich durfte ſie nie aus den Augen laſſen, weder bei Tag noch bei Nacht, darum ſchliefen ſie auch beide in meinem Schlafzimmer. Weit entfernt, mich über dieſe Mühſeligkeit zu beklagen, war ich vielmehr ſtolz darauf, ſo ſchöne hübſche Kinder unter


