102 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Veronika, die einen durchdringenden Blick auf ſie warf und ſagte:
„Die Tage vergehen und gleichen ſich nicht; man war geſtern viel heiterer, wo man mit Klärchen und Herrn René zuſammen war.“
Dieſe Familiarität, die ohne Schonung und frech die tiefſten Gefühle und Gedanken angreift, brachte Louiſe ſtets außer ſich vor Wuth; aber man durfte ſich nicht beklagen; Veronika durfte ſagen, was ſie wollte; ihr Stillſchweigen gebieten, hätte nur Skandal, Streit und neues Spektakel verurſacht.
Louiſe zog ſich darum einfach in ihr Schlaf⸗ zimmer zurück, und nachdem ſie einige Augenblicke nach⸗ gedacht, nahm ſie die Feder und ſchrieb an Klärchen folgenden Brief:
„Waren das glückliche Augenblicke, die ich geſtern mit Dir und René verlebte; heute mußte ich ſchon dafür büßen. Was? büßen? ſagte ich; das iſt ein großes Wort für ſo eine Kleinigkeit. Was iſt denn ſo eine brüske Grille meines Onkels? Was iſt ſo eine bitterſüße Bemerkung Veronikas? Ich ſollte über ſolche elende Dinge längſt erhaben und hinaus ſein. Ach! ſolche kleinliche Feſſel und Unannehmlichkeiten ſind von jeher und überall die Tyrannen meines Lebens ge⸗ weſen; ſie umgeben mich, halten mich ſtets umſchlungen und laſſen mich nicht frei aufathmen; meine Freiheit hängt an einem dünnen Faden; mein Glück kann auf jedem Schritte in eine neue Falle gerathen. Was? wird denn mein Herz nie aufjauchzen in Freiheit und Friede? Wird denn meine Phantaſie nie einen höheren Flug nehmen können, ohne daß man ihren Flug unterbricht, indem man mir Furcht und Schrecken einjagt? Mein Gott! was hab ich denn eigentlich verbrochen, daß Du mich ſo heimſuchſt? Ach! ich bin ein Weib, arm und abhängig. Wie biſt Du glücklich, Klärchen! Du kannſt Dir von meinen Leiden keinen Begriff machen; denn Deine Verhältniſſe, wenn ſie auch nicht golden ſind, ſchließen doch jede Erniedrigung und Demüthigung aus. Geliebt von Allen, die Dich beſchützen, ſeufzeſt Du nicht unter dem Joch Deiner Wohlthäter. Weil Du meine Qualen nicht kennſt, laß mich ſie Dir erzählen; wir waren zu oft fern von einander, als daß nicht bedeu⸗ tende Lücken in unſeren vertraulichen Mittheilungen ſich vorfinden ſollten. Heute will ich Alles ſo enthüllen, als wäre ich in einem Beichtſtuhle. Du wirſt die Wunden, die Andere meinem Herzen geſchlagen, nicht zu heilen vermögen, eben ſo wenig das Unheil, das ich ſelbſt über meine Zukunft heraufbeſchworen; aber, liegt einmal meine Vergangenheit klar vor Deinen Augen, ſo wirſt Du beſſer meinen Charakter, meine Fehler, meine In⸗ konſequenzen zu beurtheilen wiſſen; ein Rath von Dei⸗ ner Seite wird dadurch leichter, Deine liebevolle Nach⸗ ſicht gerechtfertigter, Deine Freundſchaft inniger werden.
„Weib ſein und arm dazu— das heißt alle Män⸗ gel der natürlichen und ſocialen Welt vereinigen. Ein leicht zerbrechliches Gefäß nannte man das Weib im Mittelalter; aber Politiker ſo gut wie Moraliſten und Philoſophen werden gewiß all ihre dialektiſchen Kunſt⸗ griffe gebrauchen müſſen, um einem reichen Weibe ihre
Inferiorität zu beweiſen; ſein Stolz trotzt ihren Ver⸗ ſuchen. Was nutzt es, wenn der Mann allein Civiliſa⸗ tion und Fortſchritt predigt, das Weib iſt's, in dem ſich die Würde und Geſittung der Familie kundgibt, Der römiſche Bürger war nicht verpflichtet, von ſeinem Wa⸗ gen zu ſteigen, um den Konſul zu grüßen, wenn ſeine Frau an ſeiner Seite ſaß. Einen Monarchen oder einen Banquier ehrt man heutzutage, ja vielleicht fürchtet man ihn ſogar; aber das Weib iſt's, vor dem man ſich ver⸗ beugt. An der Schwäche ſeiner phyſiſchen wie geiſtigen Natur trägt der Luxus, die Sucht, ſie zu vermummen und mit Anmuth zu überſchütten, die Schuld. Wenn ſie an Feſttagen mit ihren nackten Schultern und in ihrem rauſchenden Schleppkleide erſcheint, ſo benimmt ſich ſelbſt der höchſt Geſtellte ſchüchtern und wagt es nicht, ihren ruhigen majeſtätiſchen Blicken zu begegnen. Beherrſcht ſie kein Gebiet des Wiſſens mit ihrem Genie, das alte⸗ rirt ihre Erfolge nicht; ihre leichte Beredſamkeit, ihre glücklichen Ausdrücke, ihre ruhige Keckheit macht Alles ſchweigen: Künſtler, wie Dichter und Philoſophen!
„Das iſt das Weib, liebes Klärchen, aber das reiche Weib. Ach! wenn Du wüßteſt, was ein armes Weib iſt! Ich rede nicht von dem Weibe, welches täglich das Brod für die Kinder herbeiſorgen muß; eine ſolche Mutter iſt ſo niedergebeugt von der Laſt ihrer Leiden, daß ſelbſt der Himmel von ihrer Klage erſchüttert wer⸗ den muß, daß der Auserwählte und Bevorzugte dar⸗ über ſeufzen muß; ſie hat das Recht, das Unglück, das ſie mit Würde trägt, bis zu dem Fuße der Altäre, bis zu dem Angeſichte Gottes zu tragen. Aber das arme Weib, dem nie ein Seidenkleid in der Garderobe fehlte, oder ein neues Band auf dem Hut, ein ſolches Weib iſt nicht die Zierde und Freude der Geſellſchaft, ſondern die Zielſcheibe ihres Witzes, ihr Auswurf. Für ein ſol⸗ ches Weib gibt auch Erlöſung keine Schätze des Jenſeits; denn ihr Hochmuth, der vor einer Blasphemie nicht zurückſchreckt und bis zum Wahnſinn ſich ſteigert, über⸗ antwortet ſie auf ewig dem Satan; von dieſer Welt angeſpieen, wird ſie in der andern verdammt.
„Vielleicht, liebes Klärchen, ſcheinen Dir dieſe Worte ruchlos, frevelhaft; vielleicht wirſt Du erſchrecken vor dem finſtern Abgrund, an dem meine Seele ſteht, und den ein anmuthiges, reſignirtes Aeußere nur ver⸗ deckt? Entſchuldige! ich bin vom Schmerz zu ſehr über⸗ wältigt! Das ſind nur Kleinigkeiten, nur Nadelſttiche, das iſt nichts; aber jeden Tag, jede Stunde der Ironie, der Furcht, dem Mitleid preisgegeben ſein! nie ſein eigener Herr ſein, immer abhängen von dem Hoch⸗ muth, dem Eigenſinn, den Grillen und Paſſionen eines andern—
„Ich zählte kaum fünfzehn Jahre, als mein Onkel, mein einziger Vater, mir erklärte, ich müſſe mir eine Beſchäftigung ſuchen, um meine Bedürfniſſe ſelbſt zu befriedigen. Ich bin ſeine einzige Erbin, und ſein wenn auch beſcheidenes Vermögen würde für uns Beide reich⸗ lich ausreichen; aber er fürchtet immer, ‚es reiche das Vermögen nicht hin', und ſo will er von einem Theilen mit mir nichts wiſſen. Vielleicht dachte er auch, er könne mich nicht länger bei ſich behalten, ohne mir eines Ta ges
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