Louiſe Meunier. 101
der ihm den Magen blähte, auszulaſſen. Als er den Amtsdiener abgefertigt und derſelbe ſich wieder entfernt hatte, und der Teller Suppe verſchwunden war, ſetzte er ſich in Bewegung und durchſchritt mehrmal, um „ſein Viertelſtündchen zu machen“(wie er das zu nennen pflegte) den Saal nach ſeiner Länge und Breite, wäh⸗ rend Louiſe vor ihrem kleinen Tiſchchen fleißig zu arbeiten ſchien.
Aber plötzlich blieb er ſtehen. Wie die Wogen ſich anfangs mit einem dumpfen Geräuſch thürmen, in der Folge aber mit Donnergekrach ſich brechen und zerplatzen, ſo begann er in langſamem leiſem Tone eine lange Strafpredigt, die allmälig den Ton der bitterſten Klagen und Vorwürfe annahm.
„Es gibt Menſchen,“ ſagte er,„die ſehr darauf verſeſſen ſind, fremden Leuten zu gefallen, die alles aufbieten, ſich ihnen angenehm zu machen, die ihr letztes Hemd verkaufen würden, um ſie recht luxuriös empfan⸗ gen zu können; aber eben dieſelben Perſonen ſind oft gegen ihre Verwandte ganz und gar herzlos, und ſähen ſie dieſelben auch vor Hunger ſterben, ſie würden ſich dennoch nicht um ſie kümmern. Sie bekümmern ſich um ihre Haushaltung alle Jahre einmal und die übrige Zeit geht alles wie es Gott gefällt. Sie ſind durch Faulheit abgeſtumpft und verdummt, aber ebenſo auf⸗ gebläht von Stolz. Sie leeren ihre Börſe, ſetzen alles auf den Kopf, Haus und Hof, um einem ‚feinen Herr⸗ chen' zu gefallen, weil er ‚Herr Graf' heißt und von Kopf bis zu Fuß in einem blendend weißen Anzuge ſteckt, wie ein Müllersknecht. Aber der ſoll mir noch einmal kommen, dieſer Herr Graf! Ich wollte keine Verbindlichkeit tragen für ſeinen Haſen; aber ein ander⸗ mal werde ich nichts mehr von ihm annehmen, denn ich ſchwöre es, er wird von heut an nie wieder einen Biſſen Brod hier in meinem Hauſe eſſen. Man weiß wohl, wie ſich ſolche Leute hintenher über die Bürger mokiren. Und Du, meine Nichte, merkſt nicht einmal, daß dieſer Windbeutel von einem Grafen Dich nur zum Narren hält; ich ſage Dir, willſt Du nicht Gegenſtand des öffentlichen Geſpöttes werden, ſo laufe nicht mehr mit ihm ſo über Land, wie Du geſtern Abends gethan.“
Bei dieſen Worten ereiferte ſich der gute Mann um ſo mehr, als Louiſe kein Wort entgegnete, was ſeiner Auffaſſungsweiſe die ſchnödeſte aller Antworten war. Louiſens Wunſch wäre es geweſen, ſich über die Vorwürfe des Onkels ſo einfach hinwegſetzen zu können, wie ſie ſich den Anſchein gab.
Aber ſobald man gewiſſe geheimnißvolle und delikate Seiten berührt, wenn der Angriff gewandt und berechnet iſt: dann trifft er mitten in's Herz; iſt er aber übermäßig und brutel, ſo iſt's Stolz und Trotz, woran er ſcheitert.
Louiſe bereute es nun, ſich jenes Abendver⸗ gnügen nicht verſagt zu haben.„Warum bin ich ſo unklug geweſen,“ ſagte ſie ſich ſelbſt,„dem Onkel eine ſo vortheilhafte Poſition mir gegenüber einzuräumen?“ Sie machte einen Verſuch, ſich zu rechtfertigen, freilich hoffte ſie nicht den Onkel zu überzeugen; ein Proteſt gegen ſeine Vorwürfe blieb's aber immerhin.
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„War ich es vielleicht, lieber Onkel,“ begann ſie, „die Sie aufgefordert, Herrn René zu Tiſch zu laden? Haben Sie nicht, ohne mich vorher auch nur zu fragen, die Einladung an ihn ergehen laſſen? Warum machen Sie mich denn verantwortlich für irgend welche Unan⸗ nehmlichkeit, die ſie für Sie im Gefolge hatte?“
„Ich wollte Deinem Herrn Grafen beweiſen, daß ich ſo gut wie er die Geſetze des feinen Anſtandes kenne; aber Du biſt einzig und allein an der unlieb⸗ ſamen Geſchichte Schuld. Was brauchteſt Du in ſeinem Park ſpazieren zu gehen und ſo jenes dumme unge⸗ ſchickte Abenteuer zu veranlaſſen?“
„Aber, aber, Onkel, wenn Sie irgendwo ſpazieren
gehen, warum gehen Sie denn eben dort?“
„Ich wähle mir ſtets meine Spaziergänge; aber ein Privatbeſitzthum und einen eingezäunten Raum werde ich nie betreten; habe ich je die Hecke meines Nachbars durchbrochen oder ſeine Mauer überſtiegen? Haſt Du nicht einen Garten für Deine Promenaden? Man geht fünf⸗ bis ſechsmal durch den ganzen Garten auf und ab, um recht viel zu gehen, und ſetzt ſich dann in eine kühle Laube nieder. Iſt Dir der Garten zu klein, nun ſo haſt Du die breite Landſtraße. Biſt Du vielleicht zu bang, dort entführt zu werden? Du weißt indeſſen ſehr wohl, das man junge Damen gegen ihren Willen nicht leicht raubt!“
Dieſes letzte Wort war von Meunier unbedacht⸗ ſam geſprochen. Es war ein Gemeinplatz eines jener in der Luft ſchwebenden Worte, die man überall zur Hand hat, und mit denen Meunier ſeine Unterhal⸗ tung auszuſtaffiren liebte. Aber für Louiſe war es offenbar kein Gemeinplatz, für ſie hatte es eine klare Bedeutung; denn der ſcheue Blick des jungen Mädchens ſprühte mit einem Mal Feuer und Flammen, während ſich ein Ausruf voll Schmerz und Tadel ihrer Bruſt entrang. Ueberwältigt und beſtürzt durch die Aufregung ſeiner Nichte, als deren Urſache er ohne Zweifel ſich ſelbſt erkannte, ſtand Meunier da geſenkten Hauptes und ſchwieg.
„Mein Onkel,“ begann dann Louiſe, indem ſie aufſtand, um fortzufahren,„wenn Sie mich aus Ihrem Hauſe geſandt haben und zwar wie heute auf die Hauptſtraße, nicht um dort zu ſpazieren, ſondern um daſelbſt mein Leben auf's Spiel zu ſetzen, ſo bin ich mein eigener Herr und frei geworden und urtheile allein über die Wege, die ich einzuſchlagen gedenke. Ich werde Sie alſo bitten, mich mit Ihren Bemerkungen zu verſchonen, falls ſie ſich nicht auf einen bloßen freund⸗ lichen Rath beſchränken.“
Louiſe entfernte ſich bei dieſen Worten; Meu⸗ nier brummte noch einige Zeit in den Bart:„Es ſoll Dir nicht frei ſtehen, Dich zu kompromittiren, ſo lange Du in meinem Hauſe wohnſt.“ Aber er ſeinerſeits fand in den letzten Worten Louiſens einen Vorwurf, den er nicht aus dem Kopf bringen konnte:„Sollte das vielleicht ein Hazardſpiel geweſen ſein, um von nun an bei und von mir zu leben, ohne irgend etwas zu thun?“ frug er ſich wiederholt. Louiſe war hinauf in ihr Zimmer gegangen und begegnete auf dieſem Wege der


