100 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Fräulein Klärchen, fangen Sie an; ſagen Sie, was ſehen Sie und würden Sie zu ſehen wünſchen in dieſem Laubdickicht, welches ſich zu beleben ſcheint, wie die Eichen im Hain der Dodona.“
„Ol meine Wünſche ſind bekannt,“ antwortete Klärchen;„ich ſehe, wie dieſes Meer von Grün ſich verklärt und unter den Strahlen der Morgenröthe glänzt; wie luſtige Kindlein ſich darin herumtummeln gleich einem ſummenden Bienenſchwarm.“
„Für mich,“ ſagte René, der nun an die Reihe kam,„haben die Bäume Leben und Bewegung, ſie bilden mir ein Amphitheater, in deſſen Mitte ein See ſeine ſanften blauen Wellen kräuſelt; ich führe auf ihm einen ſchmuckloſen Nachen ohne alles Geräuſch; eine junge Dame, deren anmuthiges Geſichtchen ein
ſollte ſie Beide begleiten und er würde ſie dann gleich
zauberiſches Lächeln überfliegt, nimmt vor mir eine
halb ſitzende halb liegende Stellung ein; ihr Blick iſt gegen Himmel gerichtet; ich meinerſeits bin ganz in den Reiz der Umgebung vertieft; auf einmal begegnen ſich unſere Blicke; Staunen und Entzücken verrathen beide und erſticken das Wort auf unſeren Lippen.“
Klärchen begleitete dieſe Phantaſie René's mit einem ſpöttiſchen Lächeln.
„Ja, Fräulein Klärchen, ſo iſt s!“ ſprach René. „Ich begreife es ſehr wohl, daß Sie mich nicht fähig halten, eine Erheiterung zu ſchaffen; aber ich kann Ihnen verſichern, daß, ſo bezaubernd auch die Pracht des Himmels und der Erde wirkt, ſie doch weit hinter den Anforderungen zurückſteht, die jetzt gemacht werden. Aber nun zu Fräulein Louiſel“
„Laſſet mich,“ ſagte ſie;„die Bilder, die ich heraufbeſchwören würde, würden doch nur die Harmonie und den Reiz der Eurigen zerſtören.“
„Was liegt daran! wir wollen ſie ſehen.“
„Vielleicht weil die Dunkelheit für mich ſtets etwas ſchreckenerregendes hatte— genug, ich glaube, ich würde in dieſes finſtere Dickicht nur eindringen, um darin einen Abgrund zu entdecken; ich glaube, es be⸗ herrſcht mein Leben wie ein Dämon, den kein Zauber zu bannen oder zu vertreiben im Stande wäre.
„Was iſt das für eine ſchwarze Phantaſie!“ rief Rens aus, dem das Mitleid mit der armen Louiſe ſtets das Herz zu zerreißen drohte und der gerade durch dieſes Gefühl, welches vielleicht das ſtärkſte und ſicherſte Liebesband um zwei Herzen ſchlingt, ſich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fühlte.„Verſcheuchen wir dieſe finſtern Ideen,“ fuhr er fort;„da iſt ein Piano, welches be⸗ weiſt, daß Sie muſikaliſch ſind; ich vermuthe ſo gar nicht ohne Grund, daß Sie ein herrliches Talent beſitzen; erlauben Sie mir, darüber mir ein Urtheil zu bilden.“
Das hieße die Geduld meines Onkels auf eine gar zu harte Probe ſtellen,“ erwiederte Louiſe lächelnd; die Muſik iſt ihm zuwider, zumal nach dem Eſſen, ſie ſtört ſeine Verdauung.“
Im Momente des Aufbruchs bot René Klär⸗ chen an, ſie in das Haus des Doktors zurückzuführen; ſie nahm es an; aber Louiſe ſchien der Abſchied von ihren beiden Freunden ſchwer zu werden. Der junge Graf änderte deßhalb ſofort ſeinen Vorſchlag: Louiſe
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wieder zu ihrer Wohnung zurückbegleiten. Louiſe ging darauf ein, nahm ihren Hut und ging, ohne auf den geſtrengen Blick ihres Onkels und das heimtückiſche Lächeln Veronikas, die gleichzeitig ihr galten, zu achten. Sie ſchlugen alle drei die große Straße ein; dagegen nahmen Louiſe und René ihren Weg quer durch die Felder und Wege des Dorfes. Und— wie glücklich fühlten ſich die Beiden in ihrer Einſamkeit und den Schatten, die ſie verhüllten. Sie ſprachen nichts; aber ihre in einander geſchlungenen Arme durchlief ein leiſes Zittern und Beben, jenem gleich, welches die Bäume in Schlaf zu wiegen ſcheint, wenn die Ruhe der Nacht die ganze Natur umfängt. Auch ſie vergaßen in dieſen Augenblicken ſüßer, heimlicher Wonne der Unruhen der Vergangenheit und der Vorſorge für die Zukunft.
„Warum gehen Sie nicht mehr im Parkſpazieren?“ ſagte René, als ſie ankamen.
„Wenn ich es that,“ antwortete ſie,„ſo geſchah es nur deßhalb, weil ich glaubte, da allein zu ſein.“
„Wenn Sie wollen, werde ich Ihre Einſamkeit nicht ſtören; es wird mir genügen, Sie in meiner Nähe zu wiſſen und hie und da Sie einmal in verſtohlener Weiſe zu ſehen.“
„Nein,“ antwortete ſie,„es wäre nicht recht von mir, dorthin zu gehen.“
Ein Blick, der einen leiſen Tadel enthielt, war die Antwort Renés, als in demſelben Augenblicke Vero⸗ nika, ihre kleine rauchende Lampe in der Hand, die Hausthür öffnete.
Zur nicht geringen Freude Louiſens war Herr Meunier ſchon zu Bette gegangen; ſie nahm alſo ihre Lampe und ging auch in ihr Schlafzimmer, ohne mit Veronika ein anderes Wort zu wechſeln, als das gewöhnliche„Gute Nacht!“ Aber am folgenden Morgen beging ſie eine Unklugheit; ſie war zu ſpät ſchlafen gegangen und ſtand, da ſie ſich in Folge deſſen Morgens noch ſehr ſchläfrig fühlte, eine Stunde ſpäter als gewöhnlich auf. So konnte ſie denn auch die Vero⸗ nika nicht in der Beſorgung des Haushalts unterſtützen. Da nun noch obendrein gerade viel dringendes zu thun war, ſo war Louiſe ſchuld, daß Meunier, der alle Tage um neun Uhr eine Suppe zu ſich nahm, dieſe drei Viertelſtunde ſpäter erſt bekam. Er fing an wü⸗ thend zu werden, um ſo mehr, als ſein Magen, den das mehr als überflüſſige Diner von Tags zuvor ſehr abgeſpannt hatte, ihm dringend nach einer Labung und Stärkung zu verlangen ſchien. Aber in dem Augenblicke, wo er zum erſten Mal den Löffel zum Munde führen wollte, erſchien der Amtsdiener des Dorfes, der zu gleicher Zeit ſein Güterintendant war und ihm alle Geſchäfte beſorgte, um ihn einige Papiere unterſchreiben zu laſſen. Dieſe neue Störung ſteigerte nur Meuniers üble Laune, die ſchließlich in eine wahre Erbitterung ausartete, als er auf dem Tiſche des Speiſeſalons, der noch von Gläſern und Schüſſeln ſtrotzte, nicht beide Arme zum Schreiben aufzulegen vermochte. Obgleich Louiſe ſofort alle Hinderniſſe wegräumte, ſo bereitete er ſich doch ſchon darauf vor, den ganzen bittern Zorn,


