Heft 
(1861) 4 04
Seite
99
Einzelbild herunterladen

Louiſe Meunier. 99

Wenn Dein Graf nicht zufrieden iſt, ſagte ſie, muß er in der That ſehr ſchwer zu befriedigen ſein.

Warum, entgegnete Louiſe,ſoll er unſert⸗ wegen auf ſeine Vorurtheile, beſſer geſagt, auf ſeine Delikateſſen verzichten?

Weil er Anderes zu thun hat, als daran zu denken; biſt Du denn nicht da, meine theure Schöne, um ihn ganz in Anſpruch zu nehmen?

Das iſt ja gerade das Schlimme, daß er dies nur um ſo mehr erwarten wird, je weniger es ihm ſonſt behagen wird. Siehſt Du, Klärchen, die Welt hat mir durch das Loos, welches mir ward, das Recht ge⸗ geben zu behaupten, daß ich ihr Treiben und ihre For⸗ derungen nur zu gut kenne. Jal ich weiß es, daß es ſchlimm iſt für eine Dame, nicht reich zu ſein oder wenigſtens reich thun zu können; gerade ſo wie es ein Unglück iſt, häßlich zu ſein; das erſtere iſt freilich noch ſchlimmer, als das zweite.

Klärchen machte hierzu ein ſchiefes Geſicht, welches gegen den Ausſpruch Louiſens proteſtirte, kümmerte ſich dabei aber weiter weder um die allgemeine Meinung, noch um die Beweiſe ihrer Freundin.

René war offenbar der Mann, die Beunruhi⸗ gungen und Grübeleien Louiſens als ungerechtfertigt erſcheinen zu laſſen und allen Erwartungen, die Klär⸗ chen von ihm hegte, zu entſprechen. Aus verſchiedenen Gründen zogen ihn die beiden jungen Damen gleich ſehr an; er hegte für Louiſe eine zwar noch nicht endgiltig beſtimmte, aber doch vielleicht ſchon tief gewur⸗ zelte Neigung. Was Klärchen betrifft, ſo kannte er ſie ſchon lange und fand zu viele Aehnlichkeiten zwiſchen dem Charakter der liebenswürdigen Nichte des Doktors und dem ſeinigen, als daß er für ſie nicht große Sym⸗ pathie hätte haben ſollen; aber es fehlte doch Sehnſucht nach Vereinigung, die da Urſache der Liebe und Wir⸗ kung zugleich iſt.

Mitten zwiſchen ſeinen beiden Freundinnen nun gab ſich René ſo große Mühe, durch ſeine Unterhaltung den Lippen der Einen ein Lächeln abzugewinnen und auf der Stirn der Andern einige Falten ernſten Nach⸗ denkens hervorzuzaubern, daß bald dieſe drei Geiſter, dieſe drei Herzen in eine jugendliche Begeiſterung ſich verſetzt fühlten, die alles in ſich faßt: die Träume der Poeſie, die Jovialität kindlicher Ausgelaſſenheit, herzliche Vertraulichkeit und, wohlthuende Beredſamkeit. Herr Meunier, der ſich in der Perſon eines reichen Grund⸗ beſitzers und Adjunkten des Mairs der Gemeinde einen Geſellſchafter ausgeſucht, hatte für die jungen Leutchen gar kein Ohr. Bisweilen, wenn ein witziger Gedanke ausgeſprochen wurde oder eine Idee, die ihm fremd war und ſeiner Anſchauungsweiſe diametral entgegen⸗ geſetzt war, begnügte er ſich damit, in poſſenhafter ver⸗ ſteckter Weiſe zu lachen. Ein andermal miſchte er ſich in die Unterhaltung mit einem Witz, der ſich aber jedes⸗ mal mehr durch ſeine Ungeſchliffenheit als durch ſeinen Geiſt auszeichnete und den er noch obendrein ſtets mit einem ekel⸗ und fratzenhaften Lachen begleitete.

Obgleich Veronika ganz mit ihren Arbeiten beſchäftigt war, horchte ſie doch ganz ſtill, nahm ſich

aber auch ebenſo feſt vor, ſpäter ſich recht malitiös an der armen Louiſe zu rächen.

Weil ſo jeder ſich für etwas anderes am meiſten intereſſirte, wurde die Situation der Gäſte Meuniers eine recht fatale und kitzlige, um ſo mehr, als des Letz⸗ tern eigene Erfindungsgabe ihn nur zu den aller⸗ täppiſchſten und tölpelhafteſten Auskunftsmitteln greifen ließ. An ſeiner ſorgfältigen Toilette, ſeiner blendend weißen Wäſche, an dem feinen Tuche ſeines Ueberrocks, an der goldenen Lorgnette war es leicht zu ſehen, daß er für ſich ſelbſt der Gegenſtand einer Hochachtung war, die er nur gar zu gern auch den Andern eingeflößt hätte. Daß er ſich aber hierin ſehr getäuſcht, davon mußte er unausgeſetzt ſich überzeugen. Und konnte es anders ſein? Wenn er zu reden anfing, war das, was er ſagte, immer nichtsſagend, und dabei ſtolperte er noch bei jedem Worte. In allem, was er dachte, erfand, be⸗ hauptete, bewies, machte er die verſchiedenſten Fehlgriffe. Bald machte er durch einen rieſigen Gedächtnißfehler, bald durch ein blödes Urtheil Alles konfus. Die ein⸗ trächtigſten Eheleute ließ er in Zank und Streit leben, Unverheiratete verheiratete er, beſchenkte Witwen mit wiederholten Familienvermehrungen und machte Reiche zu Armen und Arme zu Reichen; jeden Augenblick machte er ſo einen dummen Streich und erinüdete da⸗ durch ſeinen Geſellſchafter fort und fort, denn der hatte in der That nichts zu thun, als Meuniers Fehlgriffe zu verbeſſern. Aber der arme Mann war nichts weniger als ſtarrköpfig; kaum war er auf einen Schnitzer auf⸗ merkſam gemacht, führte er in bedeutungsvoller Weiſe ſein Kinn gegen die Bruſt, um zu überlegen, wie er denn zu dem Schnitzer wieder gekommen; dabei ver⸗ riethen ſeine funkelnden Augen und die weit geöffneten Löcher ſeiner langen Naſe ſeine innere Bewegung und ſeine Scham. Seine Mißgriffe und dieſe Bewegung wiederholten ſich ſo oft, daß die jungen Leutchen ſie nur zu gut bemerkten und mehr als einmal darüber lachten; aber Meunier, der ſich ſo in ſeiner Beobachterrolle durch jenen unbequemen Schwätzer geſtört ſah, replicirte alsdann mit der größten Brüskerie.

Nach Tiſche nahm Herr Meunier ſeine Zeitung, reichte ſie dem Adjunkten, damit er ihm ſie vorleſe, und ſtellte ſo das gute Einvernehmen wieder her, während René und die beiden jungen Damen ſich an das geöffnete Fenſter ſtellten. Eine weite Ausſicht in die Ferne bot dieſer Standpunkt nicht; denn vor ihnen lag der kleine Garten Meuniers, deſſen Hintergrund ein an einen kleinen Hügel ſich lehnendes dichtes Gehölz bildete.

Finden Sie nicht, begann René,daß jene dunkle Baumwand immer und immer den Blick feſſelt? Man gibt ſich immer Mühe, in ihre Mitte zu dringen, als wenn daraus irgend eine geheimnißvolle Erſcheinung hervorbrechen ſollte.

Es iſt wahr, ſagte Klärchen,wir haben nicht die Gabe, magiſche Bilder hervorzuzaubern, die uns den Gegenſtand unſerer Wünſche vorführten.

Dieſe Gabe liegt immer in der Einbildungskraft, wenn man nur davon Gebrauch machen will. Wohlan,

13*