98 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Was war denn aber an dem Tage vorgefallen? Louiſe hatte anfangs mehr Reue als Freude empfun⸗ den über die Einladung des jungen Grafen. Sie kannte ihren Onkel nur zu gut, als daß ſie nicht ihre Folgen hätte fürchten ſollen. Herr Meunier, im Grunde ein guter Menſch, wie oberflächliche Beobachter alle Leute nennen, die die Tugenden des code civile beſitzen, war der Urtypus eines echten Haustyrannen. Zuvor, ehe er ſich in Bourgueville zur Ruhe ſetzte, hatte er durch einige zwanzig Jahre eine kleine Handlung in Rouen betrieben, in einer bei jeder Witterung offenen Krämer⸗ bude. Er gehörte zu jener Klaſſe alter Spießbürger, die ſich in ihrem Gewiſſen verpflichtet halten, unter jedem Vorwande, bei jeder Gelegenheit ihre Kinder zu quälen und zu foltern. Indem ſie in der Strenge des Familien⸗ oberhauptes den Hort der Sittlichkeit und des Staats⸗ wohls erblickten, glaubten ſie, die Geſellſchaft ſei in Gefahr, wenn ſie nicht allen denen, die unter ihrer Bot⸗ mäßigkeit ſtanden, alle möglichen Verdrießlichkeiten und Torturen bereiteten und ihnen ſelbſt die unſchuldigſten Vergnügungen raubten. Aber das, was ſie ſo zu ſagen nur des Princips wegen thaten, artete auf die Dauer in ekelige Neckereien und teufliſche Raffinerie aus. Sie fanden ihr Vergnügen und ihren Vortheil darin, ihre Omnipotenz und ihre Diktatur zu perſönlichen Zwecken auszubeuten.
Es gab unter Ludwig XI. unter dieſen wenig reſpektable Patriarchen, denen unſere Geſellſchaft einen paniſchen Schrecken eingejagt haben würde durch die gegen ſie geſchleuderten Vorwürfe des Egoismus, der Perfidie und der Grauſamkeit.
Louiſe bezweifelte es alſo keinen Augenblick, daß dieſes Mittagmahl, welches in die ſonſtige Alltäglichkeit ſo ſtörend eingriff, ihr ſeitens des Onkels Klagen und Vorwürfe eintragen würde. Die Furcht vor dergleichen verſetzte ſie darum auch immerfort in die peinlichſte Unruhe. Nichtsdeſtoweniger ſah ſie nicht auf eine luxu⸗ riöſe Ausſtattung der Tafel; aber ſie ſorgte um ſo mehr für treffliche Gerichte, feine, aufmerkſame Bedienung und paſſende Reihenfolge in den Speiſen und Geträn⸗ ken; von Eleganz war gar keine Rede. Gewiß zwanzig⸗ mal war ſie zur Couſine gelaufen, und es bedurfte des Aufwandes aller und jeder Ueberredungskunſt, um Veronikazu beſtimmen, einiges nach ihrem Geſchmacke abzuändern. Eine ruhige aber hartnäckige Debatte ward auch über das kleinſte, unbedeutendſte Detail geführt. Eine ſehr kitzelige Frage war zum Beiſpiel dieſe: Louiſe wollte die Suppe in einer Suppenſchüſſel von weißem Porzellan ſervirt wiſſen; Veronika aber wollte die braune Schüſſel von Steingut, die alle Tage auf den Tiſch Meuniers kam, unter dem Vorwande, die Suppe bliebe darin länger warm. Derſelbe Streit ent— ſpann ſich über die zu gebrauchende Saucière. Alle dieſe Streitigkeiten zwiſchen der Dienerin und der jungen Dame wurden halblaut geführt.
Louiſe ſtrengte ſich unaufhörlich an, den Ton ihrer Stimme zu dämpfen, aus Furcht, der Onkel möchte etwas hören; denn ſie wußte, daß in dem Gaſtfreund⸗ ſchaftskode des Herrn Meunier der erſte Paragraph
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lautete: Die Gewohnheiten des Hausherrn dürfen in keinem Falle, ſei der Beſuch welcher Art immer, velletzt werden, ja ſelbſt die leiſeſte Modifikation iſt ſtrengſtens verpönt.
Alle Bemühungen Louiſens blieben indeß fruchtlos, wenn nicht porerſt eine wichtigere Frage gelöſt wurde: nämlich die in Betreff der Deſſertſchüſſel. Für Entrée's und Braten hatte ſie genug Schüſſeln von Porzellan gefunden, aber für's Deſſert gab's nur ſolche von Steingut, die noch obendrein durch den langjährigen Gebrauch ſehr abgenützt und mit allerlei einfältigen blauen Figuren bemalt waren. Louiſe war verſucht, zu Klärchen zu gehen und ſie zu erſuchen, ihr das Service des Herrn Doktors zu leihen; aber Herr Meu⸗ nier würde ſicher dieſes grüne durchſichtige Porzellan erkannt und ſich wüthend geärgert haben, wenn ſich die Anſicht verbreitet hätte, er brauche zur Ausſtaffirung ſeiner Tafel das Porzellan ſeines Nachbars. Louiſe zog es darum vor, drei bis vier Stunden weit zu gehen, um bei einem Steinguthändler die ihr fehlenden Kom⸗ pot. und andere Schüſſeln zu kaufen.
Sie nahm das Geld zu dem Einkauf in ihre Börſe und— glaubte gar nicht geſehen worden zu ſein. Aber ach! Als ſie, begleitet von einem kleinen Buben, nach Hauſe zurückkam, erblickte ſie Herr Meu⸗ nier, hieß den Knaben den Korb, den er trug, ent⸗ leeren, ohne weiter eine Miene zu verändern oder ein Wort zu reden.
Nach dieſem fatalen Ausgange zeigte Louiſe
ſich eben ſo entmuthigt, als verdrießlich und ärgerlich;
denn ſie ſah nun ein, daß es unmöglich war, an die Stelle des Ordinären, welches in allem, was Herrn Meunier gehörte und ihn anging, zur ausſchließlichen Herrſchaft gelangt war, irgend etwas Beſſeres und Vollkommeneres zu ſetzen.
Dieſe kleine Demüthigung führte ſie aber zu weit wichtigeren Reflexionen, die ſchließlich dahin führten, daß ſie feſt beſchloß, René von ſeinem Beſuche abzu⸗ rathen; konnte doch dieſes Freundſchaftsverhältniß ihr nur allerhand heftige Auftritte, fieberhafte Unruhe, unſäglichen Kummer bringen.—
Glücklicher Weiſe kam unterdeſſen Klärchen an, die mitgeladen war. Sie faßte die Sache von ihrer komiſchen Seite auf, und indem ihre Züge jenes der Jugend eigenthümliche Lächeln überlief, machte ſie ſich förmlich luſtig über die Mühe, die ſich ihre Freundin gab, den Schlendrian des Herrn Meunier, ſeine verroſteten Anſichten und Ideen zu verbeſſern. Dann zog ſie in jugendlichem Muthwillen Louiſe in den Garten und machte elegante Bouquets, die ſie ringsum mit herabhängenden Akazienzweigen umgab, um die zur Aufnahme derſelben beſtimmten Blumenvaſen ganz zu verdecken. Viele und große Weintraubenblätter be⸗ deckten die Kompotſchüſſeln, die prächtige Pyramiden von Aepfeln und Birnen trugen. Dazu ward noch manches andere improviſirt und in zierlicher Symmetrie aufgeſtellt, was theils den Augen, theils dem Gaumen beſtimmt war. Kurz ſie zeigte ſich als Künſtlerin und Zauberin auf dem bis dahin ſo ſterilen Boden.
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