104 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
meine Fittige zu nehmen. Als ich ſie das erſte Mal in
ihrem kleinen Bettchen liegen ſah wie zwei Engel, durch⸗ zuckte mein ganzes Weſen ein leiſes, ſüßes Beben. Ich ſagte mir im Stillen: das iſt Mutterglück und Gott läßt es außer den Müttern ſelbſt nur arme verlaſſene Weſen verkoſten, die ſich der Kindererziehung widmen. Dankerfüllt warf ich mich auf die Kniee, nahm eines jener niedlichen Kinderhändchen in die meinige und betete zu Gott, da ich mit Worten nicht konnte, mit einem ſeligen Lächeln und meinen heißen Thränen. Es war mir, als wäre ich die Mutter, ich war überglücklich. Ich wagte es nicht, meinen Kleinen durch gar zu große Zärtlichkeit die Innigkeit meiner Liebe zu beweiſen; aber ich nahm mein Erzieheramt ſtets mit Entzücken wahr. Meine kleinen lieben Tyrannen beherrſchten mich faſt mehr als ich ſie. Indeß, ſanft und gut, wie ſie von Natur waren, reichte mein etwas ernſter Blick jedesmal hin, wo es nöthig war, ihnen zu imponiren. Kein Wun⸗ der alſo, wenn die ſo innig geliebten Kleinen mit einer unausſprechlichen Innigkeit an mir hingen. Das konnte natürlich der Madame Dumont nicht entgehen und — ſiehe da! bald ward ſie gewaltig eiferſüchtig. Da ſie indeß zu gerecht war, um mir meine Pflichttreue zum Vorwurfe zu machen, faßte ſie den Entſchluß, meinen Einfluß auf die Kleinen zu brechen. Sie verſuchte deß⸗ halb, ihrem zarten Geiſte die erſten Begriffe von Stan⸗ desverſchiedenheit einzuimpfen, ohne daß natürlich ihre Unſchuld die Nichtigkeit dieſer Theorie und die darin liegende Undelikateſſe merkte. Eines Tages, als ſie ſich weigerten, mich zu verlaſſen und mit einer ſehr reichen Tante, die ſie einſt beerben wollte, ſpazieren zu gehen, wußte Madame Dumont ſie durch die ſchmeichelhaf⸗ teſten Verſprechungen doch zu gewinnen und hielt ihnen dann eine Predigt über Moral und das ſogenannte savoir-vivre, die mir treuherzig wiedererzählt wurde und mein Herz tief verwundete. ‚„Es war ſehr Unrecht von mir, ſagte das kleine Mädchen bei ihrer Rückkehr, ‚daß ich nicht mit der Tante ſpazieren gehen wollte. Sie liebt mich ſehr. Sie, Fräulein Louiſe, lieben mich, weil es Ihre Pflicht ſo iſt und man Sie dafür bezahlt, aber Mama und die Tante lieben mich aus Neigung.“
„Aber Madame Dumont ging noch weiter; ſie ſuchte mir nicht nur das Herz der Kleinen zu entfremden,
ſondern mich auch ſo oft ſie konnte lächerlich zu machen.
„Das Kind liebt grauſame Spiele; meine kleinen Zöglinge machten daher bald die Bosheit der Mutter inſtinktmäßig nach. So bildeten ſie denn bald mit der Mutter eine kleine Freimaurerei, an der ſie ſich ſehr er⸗ götzten. Ich ahnte, was vorging; und überdies machte das kleine Mädchen, welches ſchon ſehr gerne plauderte, aus den vorgekommenen Spöttereien mir gegenüber kein Hehl, und jedesmal lag in ſeinen Mittheilungen eine Unverſchämtheit und Frechheit, die unausſtehlich war. Von dieſem Augenblicke an war es mit meiner Liebe aus: meine Zärtlichkeit, meine Fröhlichkeit war
hin! Sie wurden für mich Kinder, wie andere; mein
Geiſt beſchäftigte ſich wohl noch mit ihnen, aber mein Herz war ihnen entfremdet.
„Dieſe Umwandlung entging Madame Dumont nicht, und ſie freute ſich darüber nicht wenig. Inzwiſchen mußten die Kinder mir doch die pflichtſchuldige Hoch⸗ achtung beweiſen und ſich all meinen Anordnungen willig fügen.
„So vergingen zwei Jahre, ich zählte mein ſieb⸗ zehntes Jahr. Das iſt jenes glückliche Alter, wo der jugendliche Rauſch die Zukunft uns in verworrenen, aber wunderſchönen Bildern vorgaukelt, ſo daß wir den Boden der proſaiſchen Wirklichkeit ganz unter unſeren Füßen verlieren. Wenn die Hoffnung mit ihrem wunder⸗ baren Zauber ſich ſo zwiſchen die Welt und mich ſtellte, dann rollte das Blut feuriger in meinen Adern; eine ſanfte Beklemmung befiel meine Bruſt; ich erröthete ohne einen beſtimmten Grund und meine Augen ſchlug ich nieder. Ein leiſes Zittern, als ſchämte ich mich, ver⸗ ließ mich bei all meinen Arbeiten nicht, kennzeichnete all meine Bewegungen und all meine Worte. Ich wurde ſchöner, reizender als ſonſt. Die Aenderung, die da bei einem jungen Mädchen eintritt, wo ſie der Glanz der Jungfrau umſtrahlt, läßt auch den kälteſten Menſchen nicht kalt. So war's auch bei mir; ich bemerkte oft in Geſellſchaften, daß ſich Männer und Frauen bei meinem Anblick etwas zuraunten. Natürlich war's nur Neu⸗ gierde; man betrachtete mich als Hausmöbel, nicht als Perſon. Von allen denen, die Morgens der Madame Dumont die Figur und Haltung ihrer Hauslehrerin prieſen, redete Abends nicht einer ein Work mit mir, wenn ich nichts mehr zu thun hatte, las ich in einem vor mir liegenden Buche, aber— ohne die Blätter umzuſchlagen!
„Ich hoffe nicht, je geliebt zu werden, liebes Klärchen, aber wenn ich je einen⸗Geliebten fände, wie würde ich ihn lieben, wenn ich an ſeine Liebe glaubte!
„Wenn wir im Sommer das Landhaus bezogen, wurde oft Abends getanzt; aber auch von dieſem Ver⸗ gnügen hatte ich nichts. Ich mußte auf dem Piano die Tänze ſpielen und dieſen Poſten verließ ich nur dann einmal, wenn eine der jungen Damen ihr Talent und ihre Fertigkeit produciren wollte. Ich ſetzte mich dann ſo lange abſeits, aber auch ſo fiel es Niemandem ein, mit mir zu tanzen, außer etwa ſo,einem neugebackenen Eheſtandskandidaten, der noch ſo unſchuldig war, zu glauben, daß jede junge Dame ein Recht habe auf einen Walzer oder Kontretanz. Sonſt durfte ich gewiß ſein, bei Seite geſchoben zu bleiben, wenn nicht etwa der Zufall es ſo brachte, daß ich zur Kompletirung der Quadrille nicht zu umgehen war.
„Begreifſt Du, liebes Klärchen, meine Traurig⸗ keit und meinen Schmerz? Mußte ich mich nicht ſehr unglücklich fühlen? Unluſt und Ueberdruß zehrten mich auf. War ich doch weniger frei als der Gefangene in ſeiner Zelle; mehr fremd in meiner ganzen Umgebung als ein Verbannter mitten in einem unbekannten Volke; lebte ich doch unter größerem Zwang, in größerer Un⸗ kenntniß der Jugendfreuden als eine Nonne in den Kloſtergewölben. In meiner Zellenhaft, mitten in der Welt, kannte ich wie ſie nur die Kälte, das Schweigen
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