Heft 
(1861) 3 03
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90 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ihre Ausbildung erhalten. Pulchérie und Marie

Capelle der Mädchenname der berüchtigten Gift⸗ miſcherin haben ihre Jugendjahre mit einander ver⸗ lebt, ſind ſtets unzertrennlich geweſen, ſo daß man ſie nur die beiden Schweſtern nannte.

Dieſe Freundſchaft iſt allerdings inſofern merk⸗

eine ſo traurige Berühmtheit erlangt hat; aber ich ſehe darin durchaus keinen Grund, der Deine Aengſtlichkeit Dein hypochondriſches Weſen rechtfertigte.

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Treppe hinunter, welche zur Küche führte. Dort angekom⸗

men ging ſie zum Speiſetiſche, zog eine kleine Büchſe hervor und ſtreute ein darin enthaltenes weißes Pulver das Haar ſträubte ſich mir vor Entſetzen auf dem Haupte auf das für den nächſten Tag beſtimmte Ragout.

würdig, als das eine dieſer jungen Mädchen ſeitdem

Mein Gott! rief Sir Anthony,Frauen

gleichen den goldenen Früchten des Herbſtes. So ſchön ſie auch ſein mögen, iſt eine verdorbene Frucht unter ihnen, ſteckt ſie alle anderen an. Pulchérie iſt eine verlorene Frau.

Verloren?

Auf immer. Wie Marie Capelle ihren Gatten vergiftet hat, ſo trachtet Pulchérie mir nach dem Leben.

Thorheit Du biſt krank!

Keineswegs. Unter den Gerichten, welche auf meine Tafel kommen, befindet ſich ſtets eins, welches ſie vergiftet, in der Hoffnung, daß ich davon eſſe.

Mein armer Anthony, Du haſt den Kopf verloren.

Wollte Gott, ich hätte mich getäuſcht und brauchte einer Frau nicht zu mißtrauen, die ich, ſo ſtrafbar ſie auch iſt, noch immer liebe ja, ich liebe ſie, und deß⸗ halb habe ich mich noch nicht entſchließen können, ihr Verbrechen der Ahndung der Geſetze zu übergeben.

Wahrhaftig, mein Freund, es bedarf meiner gan⸗ zen Freundſchaft für Dich, daß ich nicht ernſtlich über Deine Tollheit böſe werde. Pulchérie, dieſes engel⸗ reine Weſen, das Gott zum Glück der Sterblichen auf die Erde geſandt, eine Giftmiſcherin! Nicht eher glaube ich daran, aks bis ich mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugt habe.

Wenn es Dir nur darum zu thun iſt, ungläubiger Thomas, ſo ſollſt Du bald Gelegenheit dazu finden. Bleibe nur noch eine kurze Zeit wach, Pulchéries Zimmer liegt dem Deinen ganz nahe. Du wirſt ſie das⸗ ſelbe um Mitternacht leiſe, geheimnißvoll verlaſſen ſehen folge ihr, und Du wirſt die Ueberzeugung von mei⸗ nem Unglück erlangen.

Mit dieſen Worten verließ der Baronet mein Zim⸗ mer. Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich über das Ver⸗ nommene in tiefe Gedanken verſunken blieb und erinnere mich nur noch, daß der Schlag der Uhr, welche Mitter⸗ nacht verkündete, mich aus meinem Sinnen aufrüttelte und mit einem eigenthümlichen Grauſen erfüllte. Ange⸗ ſtrengt lauſchte ich jetzt, ob in dem neben dem meinen gelegenen Zimmer ſich irgend ein Geräuſch hören laſſe.

Ich ſollte nicht lange vergebens warten. Leiſe

drehte ſich eine Thür in ihren Angeln, eben ſo leiſe öff⸗ nete ich die meinige und erblickte zu meinem größten Erſtaunen Pulchérie, welche in einen grauen Mantel gehüllt an mir vorüberſchlüpfte. Schnell entſchloſſen folgte ich ihr. Ohne ſich aufzu- halten durchſchritt ſie den Salon und ſtieg eine dunkle

Schnell wie ein Gedanke ſtürzte ich mich auf die, welche man die Schweſter der Madame Lafa rge nannte, und ergriff ſie beim Arme.

Mein Herr, Sie haben eine entſetzliche Manier, die Schuldigen anzugreifen; glücklicherweiſe trifft mich der Ueberfall nicht unvorbereitet. Was thun Sie zu

dieſer Stunde in der Küche?

Das Fragen iſt an mir, ſtrafbare Frau! rief ich aus,Sie ſind eine würdige Schweſter der Marie Capelle.

Wollte Gott, wir hätten uns nie getrennt ſie wäre alsdann noch das unſchuldige junge Mädchen, das ſie damals war.

Unſchuldig? Sie ſind ein Anwalt der Unſchuld, Sie, welche hierher ſchleicht, ihren Gatten zu vergiften?

Zitternd erwiederte Pulchérie:

Sie wiſſen alſo?

Ja, ich weiß es, fuhr ich, mich immer mehr er⸗ regend fort,ich weiß, daß Sie jede Nacht eins der Ge⸗ richte, welche am nächſten Tage auf die Tafel kommen ſollen, mit Arſenik beſtreuen und daß Ihr Gatte dem Tode nur dadurch entgeht, daß er nichts als Milch und Schwarzbrod genießt.

Es iſt wahr, äße er etwas anderes, ſo wäre er verloren.

Sie geſtehen es zu, mir gegenüber, der vielleicht durch Sie vergiftet iſt?

Mein lieber Freund, ſagte Pulchérie mit einem fröhlichen Lächeln,Sie können ohne Sorgen ſein, ich ſchwöre es Ihnen.

Der Ton der hene welchem ſie dieſe Worte ſprach, nahm eine Bergeslaſt von meiner Bruſt. Ich glaubte, daß ich durch einen glücklichen Zufall die ver⸗ giftete Schüſſel nicht berührt, oder daß ſie Pulchérie geſchickt aus meinem Bereich entfernt habe.

Ich danke Ihnen, was mich perſönlich anbetrifft, für dieſe Erklärung, ſagte ich nach einer Pauſe.Kön⸗

nen Sie ſich aber von dem furchtbaren Verdachte auch

in Betreff meines Freundes, Ihres Gatten, reinigen? Können Sie läugnen, daß er ſtürbe, wenn er eins der Gerichte berührte, das Ihre treuloſe Hand mit dem ver⸗ hängnißvollen weißen Pulver beſtreut hat?

Ich leugne es nicht, es wäre ſein Tod.

Himmel welche Verſtocktheit! Sie geſtehen es ein.

Noch mehr nicht nur das eine, ſondern ſämmt⸗ liche Gerichte wären tödtlich für ihn.

Bei dieſer Erklärung ſtand ich ſtarr vor Verwun⸗ derung und Schrecken. Pulchérie ergriff mich bei der Hand und ſagte:

Ich bin Ihnen die volle Wahrheit ſchuldig; Sie ſollen ſie hören tadeln Sie mich alsdann, wenn Sie den Muth dazu haben. Kurze Zeit nach meiner Vermä⸗ lung mit Sir Anthony machten mich die Aerzte damit

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