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Engliſche Grabſchriften. 91
bekannt, daß er an einem Magenübel leide, welches den trübſten Ausgang fürchten laſſe. Bei dem ſehr reizbaren Gemüthe meines Gatten dürfe man ihn die Gefahr, in welcher er ſchwebe, nicht ahnen laſſen, da alsdann der Zuſtand ſeines Innern den nachtheiligſten Einfluß auf den Körper ausüben würde. Der einzige Weg zur Ret⸗ tung beſtehe darin, daß Sir Anthony ſechs Monate hindurch die ſtrengſte Diät beobachte, nichts als Brod und Milch genieße, ohne ſich dabei für krank zu halten.“
„Welche Schwierigkeiten!“
„Die Schweſter der Madame Lafarge hat ſie zu beſiegen gewußt. Indem ich ihm von meiner Jugend⸗ freundſchaft mit Marie Capelle erzählte, eröffnete ich ſeiner leicht erregbaren Einbildungskraft ein weites Feld. Einige Bediente, die ich in's Vertrauen gezogen, ließen warnende Winke fallen, und ſo brachte ich ihn mit Hilfe dieſes unſchuldigen weißen Pulvers, das ich jede Nacht über eines der Gerichte ſtreue, dahin, mich für eine Brinvilliers zu halten.“
„Und was bezwecken Sie damit?“
„Sie können noch fragen? Seit fünf Monaten hat mein Gatte, da ich nie von ſeiner Seite wich, nur Milch und Brod genoſſen.“
„Madame, Sie ſind ein Engel!“ rief ich aus.
„Schweigen Sie! Nicht ein Wort über das, was ich Ihnen vertraut. Noch bleibt ein Monat der Diät zu beobachten— reißen Sie unſern Kranken aus ſeinem Irrthum, ſo können Sie alles verderben.“
Tief bewegt ſuchte ich mein Zimmer auf. Am näch⸗ ſten Tage von Sir Anthony befragt, antwortete ich ihm nur durch einen Seufzer.
„Du ſiehſt, ich habe mich nicht getäuſcht,“ ſagte er.
„Aber wie kannſt Du an der Seite einer Frau leben, welche täglich Dein Leben bedroht?“
„Es iſt eine Schwäche, von der ich mir ſelbſt keine Rechenſchaft geben kann. Ich liebe ſie, und ſie hat ſo wenig das Anſehen einer Giftmiſcherin, daß ich mir zu⸗ weilen Illuſionen mache— ach, ich bin ſehr unglücklich.“
Zwei Tage ſpäter verließ ich das Schloß. Er drückte mir beim Abſchiede die Hand und ſagte:„Bitte Gott um eine beſſere Zukunft für mich.“
„Freund,“ antwortete ich ihm,„ehe ein Jahr ver⸗ floſſen, wirſt Du glücklich und ſtolz auf Deine Frau ſein.“
Ich verließ ihn, indem ich es ihm überließ, ſi meine Worte nach ſeinem Gefallen zu deuten.
Ein Jahr ſpäter ſaß ich eines Abends in einer Loge des Theaters des Variétés hinter einem Paare, das von ganzem ferze lachte. Die Freude glänzte in den Augen der Gluͤkklichen, feſt verſc=hlungen waren ihre Hände.
„Madame,“ ſagte ich, mich an die Dame wen⸗ dend,„es ſcheint, die Leute, welche Sie tödten, befinden ſich ſehr wohl.“
Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo um⸗ armte mich der Herr mit einem Ausrufe der Freude.
Es war Sir Anthonh und ſeine Gemalin.
„Nun, Schlachtopfer,“ ſagte ich zum Baronet,„was ſagſt Du zu den Wirkungen des Arſeniks, deſſen Anwen⸗
dung die Schweſter der Madame Lafarge in der Penſion gelernt hat? Wie befindeſt Du Dich, Hypochonder?“
„Mein Freund,“ erwiederte Sir Anthony,„ich
bin der glücklichſte Menſch von der Welt und ſehr ge⸗
neigt, ſelbſt Nadame Lafarge für unſchuldig zu halten.“ F.
Engliſche Grabſchriften.
elbſt an dem ernſteſten aller Orte, auf den Kirch⸗ höfen, ſchweigen die menſchlichen Sonderbarkeiten und Lächerlichkeiten nicht ganz. Es gibt ſchöne und rührende, aber auch humoriſtiſche, komiſche und einfältige Grabſchriften. Neue Beiſpiele da⸗ von bringt eine engliſche Sammlung:„Glea- nings in Graveyards“, die Horatio Edward Norfolk herausgegeben hat. Er bereiſte die Kirchhöfe der engli⸗ ſchen Grafſchaften und gibt bei jeder Grabſchrift den Ort an, wo er ſie fand. In Chigwell, das zur Grafſchaft Eſſex gehört, las er an einem Leichenſteine: Laß durch mein Schickſal belehren Dich, Zu viele Melonen tödteten mich; Darum ſei künftig auf Deiner Hut, Iß nicht zu viel und nicht zu gut!
In Cheltenham richtet ſich die Moral, die eines der Gräber predigt, nicht gegen zu vieles Eſſen, ſondern gegen zu vieles Trinken— von Waſſer:
Mit meinen drei Töchtern mußte ich ſterben,
Cheltenham⸗Waſſer war unſer Verderben,
Epſom⸗Salz wäre uns beſſer geweſen,
Wir brauchten dann nicht im Grab zu verweſen.
Die folgende Grabſchrift, die wir ziemlich ähnlich auch in deutſchen Epigrammen geleſen zu haben glau⸗ ben, erinnert an das bekannte Wort Dr. Johnſon's: „Es iſt niederträchtig, von Jemand hinter ſeinem Rücken Uebles zu ſprechen, aber ich glaube, der Herr, der ſoeben das Zimmer verließ, iſt ein Advokat.“
Hier liegt, glaub's, wer es glauben kann, Ein Anwalt, und doch ein rechtlicher Mann. Gott, öffne ihm weit Dein Himmelsthor, Aber die Andern laß alle davor!
Rein epigrammatiſch iſt die Inſchrift auf dem Grabe eines Geizhalſes:
Hier liegt der alte Vater Greif, der niemals rief jam satis(genug),
Er dreht ſich um, wenn er erfährt, daß Jemand dies lieſt gratis.
Unübertrefflich in ihrer Dummheit ſind die fol⸗ genden Zeilen:
Hier liegt Richard Ruß,
Er ſtarb an einem Schuß, Eigentlich hieß er Leim,
Doch paßte das nicht in den Reim.
Auch ein Beiſpiel von geſpreizter Geſchmackloſig⸗ keit kommt vor.
Hier liegt die gute, die edle Marie, Im Innern ſo rein wie Schnee war ſie,
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